Wirtschaft

Existenzkrise bei Deutsche Bank Die Geister der Finanzkrise sind zurück

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Die Politik hat nach der Krise im Finanzsektor nicht richtig aufgeräumt. Das rächt sich nun bei der Deutschen Bank.

(Foto: picture alliance / dpa)

Jahrelang hat die Politik die Probleme im Bankensystem verdrängt. Nun kehren sie mit Macht zurück: Die Deutsche Bank braucht womöglich Staatshilfe. Es ist die späte Quittung für die völlig falsche Rettungspolitik in der Finanzkrise.

"Ich habe die Bundeskanzlerin zu keinem Zeitpunkt um Hilfe gebeten", sagt John Cryan im Interview mit der "Bild"-Zeitung. Staatshilfe "ist für uns kein Thema." Mit diesen Sätzen des Deutsche-Bank-Chefs ist die Finanzkrise zurück. Deutschlands größtem Geldhaus droht eine existenzgefährdende Strafe: Die US-Justiz fordert 14 Milliarden Dollar für windige Hypothekendeals aus der Zeit vor dem Crash von 2008. Auch wenn die Buße am Ende wohl deutlich geringer ausfallen wird, ist mehr als fraglich, ob die Bank den Ablass aus eigener Kraft stemmen kann.

Mit der Existenzkrise der Deutschen Bank kehren plötzlich all die Probleme der Finanzbranche zurück auf die Bühne, die die Politik seit dem großen Crash nie wirklich in den Griff gekriegt hat: krumme Zockergeschäfte. Verantwortungslose Manager. Und übermächtige Banken, die immer noch so groß sind, dass sie den Staat mühelos erpressen können.

Laut "Zeit" werkelt die Regierung bereits an einem geheimen Notfallplan für die Deutsche Bank. Offiziell dementiert Regierungsprecher Steffen Seibert die Planspiele. Die Bank will sie auf Anfrage von n-tv.de nicht kommentieren. Doch kaum jemand kann ernsthaft glauben, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel dem Frankfurter Institut kein Rettungspaket mit Steuergeld schnürt, falls es nötig wird.

Dabei war die Gefahr angeblich gebannt. Gebetsmühlenartig wiederholten Politiker bei jeder Gelegenheit, der Sündenfall von 2008 dürfe sich nicht wiederholen. Bankenabgabe, Bankentestamente, Bankenunion: Mit immer neuen Ideen haben sie seit der Finanzkrise an den Problemen im Finanzsektor herumgedoktort, ohne sie zu lösen. Die Schieflage der Deutschen Bank ist ein Menetekel. Es ist die späte Quittung für die völlig verfehlte Rettungspolitik in der Finanzkrise.

Rettung ohne Gegenleistung

In den USA zwang die Bush-Administration auf dem Höhepunkt der Krise alle großen Banken, Staatsgeld anzunehmen. Beim vielleicht wichtigsten Treffen der US-Wirtschaftsgeschichte mussten die Chefs der neun größten Finanzinstitute im Oktober 2008 Schecks über insgesamt 125 Milliarden Dollar von Finanzminister Hank Paulson akzeptieren - ob sie wollten oder nicht. Die US-Regierung wurde Aktionär, auch bei hunderten kleinerer Banken.

Im Mutterland des Kapitalismus wurden damit alle Geldhäuser für die Staatshilfe zur Kasse gebeten, egal wie gut oder schlecht es ihnen ging. Fünf Prozent Dividende verlangte Finanzminister Paulson für die Finanzspritzen. Auch Institute, die das Geld womöglich gar nicht gebraucht hätten, aber anschließend von der Erholung der Märkte profitierten, mussten sie annehmen und dafür zahlen. Und der Staat konnte über seine Aktienpakete Druck bei den Banken machen, aufzuräumen.

Die deutsche Politik traute sich dagegen nicht, die wichtigsten Finanzinstitute rechtzeitig zu verstaatlichen und an die Leine zu legen. In die Commerzbank pumpte der deutsche Staat zwar über 18 Milliarden Euro Steuergeld, den Löwenanteil davon aber nur in Form einer stillen Einlage. Er wurde faktisch wichtigster Anteilseigner, durfte aber kaum mitreden. Die Hypo Real Estate (HRE) verstaatlichte er erst ein Jahr nach der Lehman-Pleite, als der Aktienkurs bereits ins Bodenlose gefallen war.

Staat hätte Kulturwandel erzwingen können

Trotzdem nahm er Pleitebanken wie HRE, WestLB und IKB mit Garantien des Rettungsfonds Soffin alle Kosten ab. Die damals einigermaßen stabilen Institute ließ er aber vom Haken - allen voran die Deutsche Bank. Josef Ackermann verhöhnte Finanzminister Peer Steinbrück sogar noch: Er würde sich schämen, wenn seine Bank Staatshilfe hätte annehmen müssen. Dabei profitierte die Deutsche Bank massiv von der HRE-Rettung und der anschließenden Beruhigung der Märkte.

Dieser Fehler rächt sich nun. Die heutige Existenzkrise der Deutschen Bank ist eine direkte Folge des Versagens der deutschen Politik: Hätte sie 2008 wie in den USA durchgegriffen und die Deutsche Bank verstaatlicht, hätte sie den viel beschworenen Kulturwandel und die Aufarbeitung ihrer krummen Geschäfte sofort erzwingen können. Stattdessen hat die Bank den Bruch mit ihrer dunklen Vergangenheit jahrelang verschleppt. Vor allem dort, wo er von Anfang an hätte beginnen müssen: in der Chefetage. 

Anshu Jain, den Hauptverantwortlichen für die meisten krummen Deals, machte die Deutsche Bank sogar noch zum Chef. Drei Jahre dauerte es, bis sie den eisigen Investmentbanker feuerte. Erst sein Nachfolger John Cryan entmachtete Jains engste Gefolgsleute. Bis dahin saß "Anshus Army" auch Jahre nach der Finanzkrise noch an den entscheidenden Schaltstellen der Deutschen Bank.

Um diese Fehler gut zu machen ist es nun zu spät. An erneuten Staatshilfen für die Finanzbranche wird Angela Merkel nicht vorbeikommen, falls sie wirklich nötig werden. Bisher war der Aufstieg der AfD ihr größtes Problem. Nun ist es womöglich die Deutsche Bank.

Quelle: n-tv.de

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