Wirtschaft

Ein Komplott der Nissan-Führung? Die Jagd auf Carlos Ghosn

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Die Familie von Ghosn wittert einen Befreiungsschlag der Nissan-Führung, Rache für jahrzehntelange Bevormundung.

REUTERS

"Ich wurde zu Unrecht angeklagt und verhaftet": Erstmals schildert Carlos Ghosn, der einstige Superstar der Autobranche, seine Version seines Abgangs bei Nissan. Seine Verhaftung und das Vorgehen der Justiz werfen Fragen auf.

Es ist der Stoff aus dem Hollywood-Blockbuster entstehen: "Diese Verhaftung ist eine bizarre Inquisition", schrieb das "Wall Street Journal" (WSJ) in einem Leitartikel bereits eine Woche, nachdem der ehemalige Nissan-Chef Carlos Ghosn in Tokio festgesetzt worden war. Die Fakten seien "nebulös". Alle, die sich mit guter Unternehmensführung in Japan beschäftigen, sollten sich Sorgen machen. Seitdem sind fast zwei Monate vergangen und in den Fall Ghosn ist kein bisschen mehr Licht gekommen.

Die Zeit hat ihren Tribut gefordert. Erst am Wochenende erklärte sein Sohn Anthony in einem Interview mit der französischen Zeitung "Journal du Dimanche", sein Vater habe 22 Pfund abgenommen, "weil er drei Schüsseln Reis am Tag isst". Die Bedingungen im Gefängnis seien schlecht.

Ghosns Kontakt zur Außenwelt ist auf ein Minimum reduziert. Kontakt zu seiner Familie hat er gar nicht, heißt es. Nur Diplomaten und sein japanischer Anwalt dürfen ihn laut "New York Times" besuchen. Verhöre durch die Regierung sollen ohne Anwalt stattgefunden haben.

Am Dienstag erscheint der 64-Jährige bei seiner ersten öffentlichen Anhörung dann auch sichtlich abgemagert. Den Termin hat er selbst beantragt. Ghosn will vom zuständigen Bezirksgericht in Tokio wissen, warum er während der laufenden Ermittlungen nicht auf Kaution freigelassen wird. Das Recht auf eine Erklärung des Gerichts wird von Gefangenen in Japan nur selten in Anspruch genommen. Laut dem japanischen Justizministerium forderten es 2017 weniger als ein Prozent aller Häftlinge ein.

"Euer Ehren, ich bin unschuldig"

Der einstige Superstar der Autobranche nutzt den Auftritt, um erstmals seine Sicht der Dinge darzustellen. Seine zehnminütige Erklärung, die auch schriftlich vorliegt, beendet er mit den Worten: "Euer Ehren, ich bin unschuldig". Er beteuert, er habe "integer gehandelt" und sei in seiner "mehr als zehnjährigen beruflichen Karriere nie wegen eines Fehlverhaltens angeklagt" worden. Es ist nicht nur ein ungewöhnlicher, sondern auch ein riskanter Auftritt. Nach Angaben eines bekannten Strafverteidigers könnte er der Staatsanwaltschaft weitere Ansatzpunkte für Anschuldigungen liefern.

Dem gefallenen Auto-Titanen, der Nissan einst vor der Pleite bewahrte, wird vorgeworfen, sein Einkommen jahrelang mehrere Millionen Dollar zu niedrig angegeben zu haben. Darüber hinaus soll er umgerechnet 17 Millionen Dollar aus der Firmenkasse veruntreut haben, um private Anlageverluste auszugleichen. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft geht es um Fehlbeträge bei einem Termingeschäft während der Finanzkrise 2008. Ein saudischer Geschäftsmann soll damals für Ghosn gebürgt haben. Zu den Unternehmungen Khaled Al-Juffalis gehörte auch ein Joint Venture mit Nissan.

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Der Vorsitzende Richter Yuichi Tada begründet die Haft mit dem Risiko der Flucht und der Vernichtung von Beweismitteln.

(Foto: REUTERS)

Die japanische Justiz steht im Ruf nicht zimperlich zu sein. Verfehlungen von Unternehmenslenkern werden traditionell schwer bestraft. Doch das Vorgehen im Fall Ghosn - vor allem die Länge der U-Haft und die stundenlangen Verhöre ohne Beisein der Verteidiger - gerät inzwischen zunehmend in die Kritik.

Der Fall wirft auch Fragen zur Rolle der Nissan-Führung auf. Angefangen von der Verhaftung, die inszeniert und von langer Hand vorbereitet wirkt. Aufgedeckt hatte das mutmaßliches Fehlverhalten Ghosns ein Whistleblower aus dem Unternehmen selbst. Eine interne Untersuchung soll die angeblichen Unregelmäßigkeiten danach bestätigt haben, woraufhin das Unternehmen alarmierte daraufhin die Behörden. Wie es heißt, sammelten Führungskräfte monatelang heimlich Informationen, bevor Ghosn nach Japan gelockt wurde. Sein Berater Greg Kelly, der in den USA lebt, wurde gleich mit ihm nach Tokio beordert. So konnten beide praktischerweise gleichzeitig verhaftet werden.

Putsch gegen Ghosns Alleinherrschaft?

Ghosns Familie ist überzeugt, dass es sich um ein Komplott der Nissan-Führung handelt. In ihren Augen ist die Verhaftung das Ergebnis eines Machtkampfs, der aus Neid über das Jet-Set-Leben des Auto-Titanen geboren wurde. Das Pulverfass sei aus Frustration und Unzufriedenheit über Ghosn sowie einige andere in der Firma, die in den vergangenen Jahrzehnten großen Reichtum angehäuft hätten, explodiert, schreibt das "WSJ".

Ghosn, der nicht nur Nissan vor der Pleite rettete, sondern mit Renault und später Mitsubishi ein ganzes Autoimperium schuf, kassierte 2017 insgesamt 17 Millionen Dollar. Das sei zwar deutlich mehr, als die japanischen Konkurrenten zahlen, aber deutlich weniger als die amerikanischen Führungskräfte in der Branche kassieren, schreibt das Blatt. Mary Barra von General Motors zum Beispiel verdiente 22 Millionen Dollar.

Das "WSJ" hat nach eigenen Angaben mit Dutzenden von Nissan-Veteranen und Ermittlern gesprochen. Das Ergebnis sei ein Cocktail aus Vorwürfen gegen Ghosn wegen verschwenderischer Ausgaben sowie große Unzufriedenheit über seine faktische Alleinherrschaft gewesen. Nissan-Mitarbeiter hätten nicht verstanden, warum die Gewinne Nissans Renault zuflossen. Viele hätten befürchtet, dass Ghosn die Übernahme durch Renault vorbereitete. Tatsächlich werden die Karten zwischen den Autoherstellern neu gemischt, seit Ghosn weg ist.

Bei seiner Anhörung beteuert der in Brasilien geborene Franzose mit libanesischen Wurzeln seine Unschuld: Er habe nie von Nissan Bezüge erhalten, die nicht auch öffentlich gemacht worden seien. Er sei zutiefst überzeugt, in seinem Amt stets "ehrenhaft, legal und mit Wissen und Zustimmung" der zuständigen Führungskräfte gehandelt zu haben.

Vereinbarungen über Einkommen nach seinem Ausscheiden bei Nissan seien von internen und externen Anwälten begutachtet worden. Zu den fraglichen Verlusten aus Devisenabsicherungsgeschäften, die er während der Finanzkrise auf Nissan unrechtmäßig übertragen haben soll, sagte er, dies sei nur vorübergehend geschehen, um Zeit zur Beschaffung neuer Kreditgarantien zu gewinnen. Und zwar zum Wohle seiner Familie, die damals auch geregelte finanzielle Verhältnisse brauchte.

"Ein Kapitän geht nicht von Bord"

Verluste habe Nissan dadurch keine gehabt. Ohne diese Hilfe wäre ihm nur der Rücktritt geblieben, um mit der Ruhestandszahlung die Bankgarantien zu leisten, so Ghosn. "Ein Kapitän geht bei Sturm nicht von Bord". Er empfinde "echte Liebe und Wertschätzung" für Nissan, sagte der mittlerweile als Renault-Chef beurlaubte Ghosn. Er habe der Wiederbelebung und der Allianz "zwei Jahrzehnte" gewidmet. Tag und Nacht habe er an diesen Zielen gearbeitet.

Die Frage, warum Ghosn noch in Haft ist, beantwortete Richter Yuichi Tada am Dienstag lapidar mit Fluchtgefahr. Es bestehe zudem das Risiko, dass Ghosn Beweise verschwinden lasse. Der japanische Anwalt hält das für an den Haaren herbeigezogen. Ghosn sei offiziell immer noch CEO der französischen Firma Renault. Er "ist weithin bekannt, daher ist es schwer für ihn zu entkommen". Ghosns Anwälte halten die Chancen, dass er auf freien Fuß kommt, für gering. Sie erwarten bis zum Ablauf der nächsten Frist am 11. Januar vielmehr eine weitere Anklage. Bis zu einem Prozess könnten dann mindestens noch sechs Monate vergehen.

Quelle: n-tv.de

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