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Mittwoch, 07. Dezember 2016

Digitalisierung des Supermarkts: Die schöne neue Einkaufswelt naht

Von Kai Stoppel

Mit seinem Supermarkt ohne Kassen will Amazon dem Schlangestehen ein Ende bereiten. Aber auch andere Händler und Logistiker setzen auf neue technische Möglichkeiten, um den Einzelhandel zu revolutionieren.

Auch im digitalen Zeitalter verbringen Menschen immer noch einen Teil ihrer kostbaren Freizeit mit Warten an Supermarktkassen. Um ihren Kunden in Zukunft das Schlangestehen zu ersparen, oder zumindest die Wartezeit zu verkürzen, tüfteln zahlreiche Handelsketten an neuen technischen Konzepten. Vor allem der Online-Handelsriese Amazon setzt dabei mit seinen Supermärkten ohne Kassen neue Maßstäbe.

Bei Amazon Go benötigen Kunden lediglich ein Amazon-Konto und eine entsprechende App. Damit betreten sie den Laden, nehmen sich, was immer sie wünschen, und verlassen das Geschäft wieder, ohne vor Ort zu bezahlen. Der Wert der mitgenommenen Waren wird automatisch von ihrem Amazon-Konto abgebucht. Möglich macht dies Hightech, die auch in selbstfahrenden Autos verwendet wird. Computer sehen und erkennen die Waren, die der Kunde aus den Regalen nimmt - oder wieder zurücklegt. Eine Art virtueller Warenkorb folgt dem Käufer, bis er das Geschäft verlässt. Dann wird alles automatisch dem Kunden in Rechnung gestellt. Kassen und Warteschlangen gehören in dieser neuen Einkaufswelt der Vergangenheit an.

Das erste Geschäft dieser Art eröffnete  am Montag in Seattle. Nach Informationen des "Wall Street Journals" könnte Amazon bei einem Erfolg des Geschäftsmodells mehr als 2000 Läden eröffnen, die größer wären als der Supermarkt Amazon Go in Seattle. Denkbar sei auch, dass die Kunden mit ihrem Auto vorbeikommen und die Waren bis zum Fahrzeug gebracht werden.

Wal Mart experimentiert mit unsichtbaren Etiketten

Neu ist der Traum vom Einkaufen ohne Schlangestehen nicht. Bereits andere haben sich an dessen Verwirklichung gewagt - mithilfe moderner Technik. Bei der Möbelkette Ikea können Kunden bereits seit einigen Jahren ihre Waren selbst einscannen. Auch einige Supermärkte bieten den Service an, etwa die Metro-Tochter Real. Globus hat in einigen Filialen mit Scan & Go ein System eingeführt, bei dem Produkte bereits während des Einkaufs gescannt werden. Bezahlt wird am Ende des Einkaufs per Karte oder in bar. Zwar fällt auch hier das Warten an der Kasse weg - sofern nicht auch am Bezahl-Terminal viel Andrang herrscht. Trotzdem ist das Einkaufen im Vergleich zu Amazon Go für den Kunden immer noch aufwendiger, wie das Erklärvideo deutlich macht.

Die britische Supermarktkette Waitrose hinterlegt Lebensmittellieferungen für Kunden in einer gekühlten Abholstation.
Die britische Supermarktkette Waitrose hinterlegt Lebensmittellieferungen für Kunden in einer gekühlten Abholstation.(Foto: Waitrose)

Etwas einfacher geht es, wenn der Kunde zum Scannen sein eigenes Smartphone benutzen kann. In Schweden gibt es so etwas bereits: Mittels einer Smartphone-App verschaffen sich Kunden in der Kleinstadt Viken Zugang zum Laden "Näraffär" und scannen dort selbst die Waren, die sie mitnehmen wollen. Die App speichert die Einkäufe und das Konto der Kunden wird schließlich einmal im Monat belastet. Auch dieses Konzept kommt ohne Personal und Kassen aus - und mit deutlich weniger Hightech als Amazon Go. Gegen Diebstahl versucht sich der Laden mit Überwachungskameras zu schützen. Zudem werden keine hochpreisigen Produkte angeboten, die Langfinger anziehen könnten.

Einen anderen Ansatz verfolgt der US-Warenhausriese Wal Mart: Konzernchef Doug McMillon offenbarte die Arbeit am "unsichtbaren Wasserzeichen" via Instagram. Bei diesem werden die Informationen über den Warenpreis, die üblicherweise der Strichcode enthält, hundertfach über die gesamte Verpackung verteilt. Für den Kunden sind sie unsichtbar, da sie in das abgebildete Design eingearbeitet sind. Für Maschinen jedoch sind Produkte so bereits aus der Ferne scanbar. Denkbar sei auch, dass künftig der Einkaufswagen die eingekauften Produkte erkennt, verriet das an der Entwicklung beteiligte Unternehmen dem Magazin "Talk Business & Politics". Auch sei es für Kunden einfacher, Artikel selbst zu scannen, wenn sie nicht bei jedem Produkt zunächst nach dem Strichcode suchen müssen.

In England werden Abholstationen zu Kühlschränken

Klar, wer gar keine Lust hat, an der Supermarkt-Kasse zu warten, kann bereits heute bei zahlreichen Online-Supermärkten einkaufen. Bekannte Beispiele dafür sind etwa lebensmittel.de, myTime, Allyouneed Fresh oder der Lieferdienst von Rewe. Auch Amazon bietet bereits den Lebensmittel-Lieferdienst Amazon Fresh an, allerdings bisher nur in den USA und London. Ein Nachteil ist jedoch die Lieferzeit, die nach der Bestellung mehrere Stunden betragen kann. Auch müssen Kunden sich in einem bestimmten Zeitraum zu Hause aufhalten, um die Lieferung annehmen zu können. Zudem fällt die Möglichkeit weg, die Qualität von Lebensmitteln bereits vor dem Einkauf persönlich in Augenschein nehmen zu können.

Gleichzeitig tüfteln mehrere Unternehmen aber auch an immer neueren und bequemeren Lieferverfahren. Die britische Supermark-Kette Waitrose etwa stellt mit dem System Click & Collect online bestellte Lebensmittel in gekühlten Abholstationen zur Verfügung. Die Logistik-Firma DHL testet derzeit die Paketzustellung in den Kofferraum von Autos. Kunden müssen so nicht mehr persönlich anwesend zu sein, um eine Lieferung entgegen zu nehmen. Allerdings ist die Kofferraumzustellung bisher nur für Besitzer eines speziellen Smart möglich.

Für Schlagzeilen sorgt immer wieder die Warenauslieferung mittels Zustelldrohnen, an der sich Amazon, Google und die Deutsche Post probieren. Allerdings scheint deren Einsatz eher für ländliche Gebiete geeignet, wo sie bereits ausprobiert wurden. In der Stadt werden auf der Erde rollende Lieferroboter hingegen bereits von der Elektronikkette Media Markt getestet. Welche Technik sich letztlich auch durchsetzen mag - das Ende der Wartezeit an den Supermarkt-Kassen jedenfalls scheint näher zu rücken.

Quelle: n-tv.de