Wirtschaft

Twitter-Präsident entschlüsselt Dieser Index misst Trumps Börsen-Gewicht

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Twitter-Lautsprecher: Donald Trumps Tweets bewegen die Märkte, sagt JP Morgan.

(Foto: REUTERS)

Kaum ein Twitter-Nutzer lässt die Börsen so zittern wie US-Präsident Trump. Fast täglich hält das "sehr stabile Genie" die Finanzwelt mit bizarren Äußerungen in Atem. Der "Volfefe"-Index der Bank JP Morgan macht die Kurs-Effekte der Trump-Tweets nun messbar - und vorhersagbar.

Den wohl verwirrendsten Tweet seiner Amtszeit setzte Donald Trump zu ziemlich später Stunde ab. Am 31. Mai 2017, um sechs Minuten nach Mitternacht, twitterte er: "Trotz der dauernd negativen Presse covfefe" ("despite the constant negative press covfefe"). Und dann: stundenlange Stille. Erst am nächsten Morgen löschte Trump den Buchstabensalat.

Sein Halbsatz sorgte einen ganzen Tag lang für Verwirrung. TV-Moderatoren und Zuschauer rätselten gleichermaßen, was Trump wohl gemeint haben könnte: Vielleicht die "dauernd negative Presse-Berichterstattung" ("coverage")? Oder ob ihn ein Schlaganfall ereilt hatte.

Inzwischen lässt Trump mit solch bizarren Wortmeldungen fast täglich die Märkte beben. Als erster Twitter-Präsident der Moderne, der das Land faktisch vom Smartphone aus regiert, setzt er unermüdlich missverständliche und widersprüchliche Tweets ab. Egal, ob er den britischen Thronfolger Charles als Prinz der Wale ("Prince of Whales") statt Prinz von Wales bezeichnet, mit Kim Jong-Un wetteifert, wer den größeren Atomwaffenknopf hat oder China neue Strafzölle androht: Immer wieder rätselt die Welt, was Trump sagen will - oder ob er es wirklich ernst meint. Schließlich ist das nach eigenen Angaben "sehr stabile Genie" der mächtigste Mann der Welt.

Donald Trump lässt die Märkte zittern

Die US-Bank JP Morgan versucht deshalb nun, aus Trumps Tweet-Wirrwarr einen Sinn herauszufinden und daraus nützliche Informationen für Investment-Entscheidungen zu gewinnen. In Anspielung auf seinen mysteriösen covfefe-Tweet und das englische Wort für Schwankung ("volatility") hat sie die Auswertung "Volfefe"-Index getauft. Denn er soll die Kurseffekte von Trumps Tweets messen.

Seit seinem Amtsantritt hat der US-Präsident mehr als 10.000 Male getwittert. Und laut den Analysten haben seine Tiraden eine statistisch signifikante Auswirkung auf die Renditen von US-Staatsanleihen und damit auf die Zinsen. Als marktbewegend klassifizieren sie Tweets, auf die innerhalb von fünf Minuten eine spürbare Veränderung der Bondrenditen von mehr als 0,5 Basispunkten folgt. Dieser Index erkläre einen "messbaren Anteil" der Preisschwankungen von Zinsderivaten, sogenannten Swaptions, heißt es in der Studie. Besonders große Auswirkung hätten Trumps Tweets auf kürzere Laufzeiten von zwei und fünf Jahren, weniger dagegen auf zehnjährige Zinswetten.

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So überraschend ist die Erkenntnis eigentlich nicht. Denn kurz gesagt bedeutet sie: Je öfter der mächtigste Mann der Welt Marktbewegendes twittert, desto stärker schwanken daraufhin die Kurse. Die Studie macht diese Binsenweisheit allerdings erstmals statistisch messbar. "Die Preisdynamik einer breiten Klasse von Vermögenswerten von einzelnen Aktien bis hin zu Makro-Produkten ist damit zunehmend abhängig von einer Handvoll Tweets des obersten Befehlshabers", schreiben die Analysten.

Handelskrieg zur Mittagszeit

Interessanter ist hingegen die statistische Auswertung von Trumps Tweets. Laut JP Morgan hat der US-Präsident seit Anfang 2016 im Schnitt zehn Mal täglich getwittert. Der Analyse zufolge haben seine Twitter-Aktivitäten seit Ende 2018 spürbar zugenommen. Und in jüngster Zeit hat er sogar eine dramatisch hohe Anzahl marktbewegender Tweets abgesetzt, während der Handelskrieg mit China eskaliert ist.

Die Analysten haben zudem eine Hitliste der Begriffe erstellt, mit denen Trump die Märkte bewegt. Aufhorchen sollten Anleger und Investoren demnach, sobald die Schlüsselwörter "China", "Milliarde", "Produkte", "Demokraten", "großartig", "Dollar", "Zölle", "Mueller", "Grenze" und "Präsident" fallen.

Auffällig ist auch, wann Trump überhaupt Marktbewegendes auf Twitter von sich gibt. Die meisten seiner Tweets setzt er im engen Zeitfenster von 12 bis 14 Uhr ab. Ein Tweet um 13 Uhr nachmittags ist fast dreimal so wahrscheinlich wie zu jeder anderen Stunde des Tages. Zugleich twittert er insgesamt häufiger um 3 Uhr morgens als um 3 Uhr nachmittags. Und zwischen 5 und 10 Uhr morgens herrscht nahezu Funkstille. Da schläft Trump offenbar.

Bei aller statistischer Erkenntnis bleibt allerdings die Frage, inwiefern Trumps Worte im Rest der Welt Gewicht haben. Denn er twittert nicht nur ständig, er widerspricht sich auch andauernd. An einem Tag lobt er das großartige Verhältnis zu Chinas Präsident Xi Jinping und schürt die Hoffnung auf einen Deal zwischen Washington und Peking. Am nächsten kündigt er plötzlich neue Strafzölle an, um Druck zu machen. Eine Studie der Bank of America kam daher schon vergangene Woche zu dem Schluss, dass die Investoren an den chinesischen Börsen inzwischen einen völlig anderen Ansatz verfolgen als die Anleger in den USA: Sie ignorieren einfach weitgehend, was Trump tweetet.

Quelle: n-tv.de