Wie Rheinmetall - nur im All?Dieses Familienunternehmen will Deutschlands Antwort auf Starlink liefern

Die Bundesregierung will in den kommenden Jahren viele Milliarden in die Raumfahrt investieren. Ein Großteil dieser Investitionen könnte bei OHB in Bremen landen. Der Aktienkurs des Unternehmens geht durch die Decke.
Die Raumfahrtbranche boomt, die Technik entwickelt sich rasend schnell. Sie wisse nicht, was in zehn Jahren gefragt sein wird in der Raumfahrt, sagte Christa Fuchs kürzlich dem "Handelsblatt", "aber man wird es mit Sicherheit bei OHB bestellen können." Das ist nicht einfach dahingesagt. Die Bremer Unternehmerin Fuchs hat diesen in der deutschen Öffentlichkeit noch wenig bekannten Konzern aufgebaut, der längst zu den führenden Playern in der europäischen Raumfahrt gehört. Derzeit sucht die Bundeswehr eine Alternative zum Satellitennetzwerk Starlink von Elon Musk. Bestellen kann man so etwas nur bei wenigen Unternehmen, unter anderem bei OHB. Das Bremer Familienunternehmen hat sowohl jahrzehntelange Erfahrung im Bau von Satelliten als auch in der Entwicklung entsprechender Software.
Berichten zufolge soll dieser Auftrag hunderte Satelliten umfassen und ein Volumen von bis zu zehn Milliarden Euro haben. OHB will sich dafür mit dem deutschen Rüstungsprimus Rheinmetall zusammentun. Konkurrenz sind die europäischen Raumfahrt- und Rüstungsriesen Airbus, Thales und Leonardo, die ein Joint-Venture gegründet haben. Doch die Bremer Satellitenbauer haben einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil für sensible Rüstungsprojekte in Deutschland: Bei ihnen liegen Technologie und Herstellung in deutscher Hand.
Aktienanalyst Simon Keller vom Analysehaus Nuways sieht eine Parallele zwischen Rheinmetall und OHB: Rheinmetall habe es als heimischer Marktführer geschafft, etwa die Hälfte des Auftragsvolumens aus dem 2022 aufgelegten Rüstungssondervermögens von 100 Milliarden Euro zu ergattern. Es sei möglich, dass OHB eine ähnlich dominierende Rolle in der Raumfahrt spielen werde. In diesem Bereich hat die Bundesregierung Investitionen von 35 Milliarden Euro für die kommenden Jahre angekündigt.
Nicht nur Analyst Keller sieht die Aussichten für OHB so positiv. Auf die Nachricht von der möglichen Gemeinschaftsbewerbung mit Rheinmetall um den Satelliten-Großauftrag hin sprangen OHB-Aktien um mehr als 50 Prozent. In den zwölf Monaten zuvor hatte sich der Kurs schon mehr als verdreifacht, im Zehnjahresvergleich inzwischen sogar mehr als verzehnfacht. Diese atemberaubende Entwicklung spiegelt die Erwartung wider, dass das Unternehmen in Deutschland Hauptprofiteur des Booms sowohl der zivilen als auch der militärischen Raumfahrt werden dürfte.
Konzern bis heute in Familienhand
Derartige Erwartungen hatte Christa Fuchs wohl nicht im Entferntesten, als die gelernte Kauffrau 1981 einen Fünf-Mann-Betrieb namens Otto Hydraulik Bremen übernahm. Der Eigentümer suchte dringend einen Nachfolger. OHB baute und wartete hydraulische Komponenten für die Bundeswehr. Die Idee, ins Raumfahrtgeschäft einzusteigen, kam von Christa Fuchs‘ Ehemann Manfred Fuchs, der vor seinem Eintritt bei OHB Raumfahrtingenieur und Manager bei dem Unternehmen ERNO war, das später im Luft- und Raumfahrtkonzern DASA aufging, der wiederum Teil von EADS und dann Airbus wurde.
Zunächst lieferte OHB einzelne Komponenten für ERNO zu. Seit Mitte der 90er Jahre entwickelt und baut OHB eigene Satelliten. Der Unternehmensname wurde entsprechend – unter Beibehaltung der Initialen – angepasst in Orbital- und Hydrotechnologie Bremen-System. Inzwischen beschäftigt OHB nach eigenen Angaben mehr als 3000 Mitarbeiter an 15 Standorten, unter anderem in Bremen und Oberpfaffenhofen bei München. Zum Produktportfolio gehören unter anderem Satelliten in unterschiedlichsten Größen und Funktionen, Bauteile für die europäischen Ariane-Raketen und auch Komponenten für die bemannte Raumfahrt. Maßgeblich beteiligt ist das Unternehmen am Satellitennavigationsprogramm Galileo. Mit dem Startup Augsburg Rocket Factory, an dem OHB die Mehrheit hält, treibt der Konzern auch die Entwicklung einer eigenen Trägerrakete voran.
Obwohl OHB seit mehr als 20 Jahren an der Börse notiert ist, liegen die Mehrheit der Anteile und die Unternehmensführung immer noch in Familienhand. Geleitet wird OHB seit inzwischen 25 Jahren vom Sohn von Christa und Manfred Fuchs, Marko Fuchs. Die Familie hält gut 65 Prozent der Aktien, der US-Finanzinvestor KKR knapp 30 Prozent. Knapp sechs Prozent der Unternehmensanteile sind im Streubesitz und damit an der Börse frei handelbar.
Obwohl ein Ende des Wachstums bei OHB nicht absehbar ist, dürfte dem Unternehmen der Aufstieg zum Börsen-Star verwehrt bleiben. Zwar sind zwischenzeitliche Pläne, OHB ganz von der Börse zu nehmen, vom Tisch. Doch wegen des geringen Streubesitzes kann das Unternehmen beispielsweise nicht in Indizes der Dax-Familie und entsprechende Aktienfonds aufgenommen werden.