Wirtschaft

Die Verlierer des Autobooms Droht deutschen Zulieferern das Aussterben?

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Die Sterne der deutschen Autobauer leuchten auch deshalb, weil die Zuliefererindustrie hierzulande stark ist.

(Foto: picture alliance / dpa)

Deutschlands Autoindustrie ist eine Schlüsselbranche. Geht es ihr gut, läuft es auch rund bei anderen - den Zulieferern beispielsweise. Allerdings schreckt eine jüngere Studie auf. Was ist davon zu halten?

"Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe." Dieses dem legendären britischen Premierminister Winston Churchill zugeschriebene Zitat hat bis heute nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil: Die öffentliche Skepsis am Wahrheitsgehalt von Statistiken und auf ihnen basierendem Wissen sogenannter Experten hat erheblich zugenommen. 

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

Aber man muss Statistiken nicht absichtlich bewusst manipulieren, um zu falschen Aussagen zu kommen - so wie die Griechen ihre amtlichen Statistiken mit Hilfe honoriger US-Beratungsunternehmen "getürkt" haben, um dem Land den Beitritt zur Eurozone zu ermöglichen. Unter Generalverdacht fallen heute vielmehr wissenschaftliche Erhebungen, deren Ergebnisse auf subjektiven Einschätzungen der Befragten beruhen. Sehr leicht werden aus diesen subjektiven Urteilen Entwicklungen abgeleitet, die zu der Wirklichkeit in krassem Widerspruch stehen. Sie werden dann von den Verfassern zur Tendenzaussagen verdichtet und als Argument in die Debatte geworfen, frei nach dem Motto: "Pferdeäpfel schmecken prima - Millionen Fliegen können sich nicht irren." Das gleiche Schicksal erleiden gelegentlich wissenschaftliche Analysen, deren Erhebung, Auswertung und schließlich Veröffentlichung so viel Zeit beanspruchen, dass dieselbige über die Fakten hinweggegangen ist.

Geradezu peinlich wird es, wenn eine sonst statistisch sehr transparente Schlüsselbranche wie die Automobilindustrie samt ihren Zulieferern in die akademische Analyse-Schieflage gerät - so wie in einer Studie von Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management CAM (FHDW Bergisch Gladbach), die sich mit den "Automobilzulieferern in Bewegung" beschäftigt hat.

Am Thema vorbei

Nach zweijähriger intensiver Forschungsarbeit, gestützt auf Tiefeninterviews und schriftlichen Befragungen von 129 deutschen Zulieferern - Schätzungen zufolge gibt es davon in Deutschland mindestens 5000, wovon allein rund 600 quasi amtlich im VDA organisiert sind -, kamen die Autoforscher aus Bergisch-Gladbach  zu der für Insider ebenso überraschenden wie für Zulieferer mehr als betrüblichen Erkenntnis: Den meisten deutschen Automobilzulieferern, insbesondere den kleinen und mittelgroßen Unternehmen (KMU) geht es dreckig. Eine Ausnahme sind nur einige große Global-Playern wie Conti, Bosch, ZF oder exzellente Familienunternehmen wie Kirchhoff, Dräxlmaier, Hirschvogel und Woco.

Aber das sind die Ausnahmen. Das Gros der mittelständischen Zulieferer ist der Studie zufolge von den steigenden Ansprüchen ihrer Abnehmer, den großen Autoherstellern, zunehmend überfordert. Sie befinden sich in einer strukturellen "Sandwichposition": Einerseits sind sie zu klein und haben nur unzureichende finanzielle Ressourcen, um mit den Großen der Branche in Sachen Internationalisierung, Technologiedynamik und Kosteneffizienz mithalten zu können. Andererseits werden sie von Seiten ihrer Abnehmer - Autohersteller wie auch nachgelagerte, größere Zulieferer in der automobilen Wertschöpfungskette - so unter Preisdruck gesetzt, dass sie ihre Kosten kaum noch verdienen und Verluste machen.

Einerseits sind wegen der unzureichenden globalen Präsenz und der geringen Größe ihre Kosten im Vergleich zum ausländischen Wettbewerb zu hoch, anderseits können sie sich wegen geringer Marktmacht gegen die Kostendrückerei und die Forderung nach mehr Auslandspräsenz durch ihre Kunden nicht wehren. Hinzu kommt, dass ihnen die Absatzbasis wegzubrechen droht, weil die Automobilproduktion in Europa und Deutschland schon heute erkennbar nicht mehr wächst, sondern zunehmend im Ausland expandiert. 2015 werden bereits zwei von drei Automobilen mit deutschem Markenzeichen im Ausland, vor allem in China und den USA, produziert.

Braucht die Branche eine Neuaufstellung?

Fazit: Die Gefahr ist nach Meinung der Autoforscher groß, dass diese mittelständischen Zulieferer, die das Rückgrat der deutschen Autoindustrie wie der Wirtschaft schlechthin bilden, schlichtweg von den steigenden Ansprüchen ihrer Kunden überrollt und zu den Verlierern des aktuellen Autobooms werden. Rentabilität und Wettbewerbsfähigkeit der kleinen und mittleren Zulieferunternehmen verschlechterten sich strukturell, sie schrumpften und würden früher oder später vom Markt verschwinden.

Notwendig sei demnach deshalb, dass sich die mittelständischen Zulieferer grundlegend neu aufstellten und neue Strategien verfolgten, um sich aus der Abhängigkeit von den Autobauern zu befreien. Seine Sorgen formuliert Bratzel so: "Wenn in den nächsten Jahren nicht massiv gegengesteuert wird, sind mittelfristig über 1000 mittelständische Automobilzulieferer hierzulande bedroht. Und damit 100.000 bis 150.000 Arbeitsplätze ." 

Auf den Punkt gebracht: Die mittelständischen Zulieferer in Deutschland drohen auszusterben. Trotz dieser Gefahr verschweigt uns Bratzel, wer und auf welche Weise unter marktwirtschaftlichen Bedingungen in einem demokratischen Gemeinwesen gegensteuern soll. Offensichtlich konnte ihm dabei selbst VDA-Präsident Matthias Wissmann als Ober-Lobbyist der Branche keine Hilfestellung geben.

Von wegen schlecht ...

Musste er aber auch gar nicht, denn zum Glück sind Hilfsmaßnahmen zur Stützung der mittelständischen Zulieferer in Deutschland absolut unnötig - ihnen geht es durch die Bank weg gut. Dafür gibt es strukturelle wie konjunkturelle Gründe und Belege. Zum einen kämpfen Banken und Finanzinvestoren in den heutigen Zeiten der Geldschwemme und Null-Zinsen um jeden potenziellen Investor aus der Industrie, der Bonität und eine angemessene Risikoverzinsung verspricht. An fehlender Finanzierung ist noch kein fundierter Investitionsplan mittelständischer Automobilzulieferer gescheitert.

Zum anderen belegen fachlich solide Bilanzanalysen einschlägiger Banken und Beratungsunternehmen, dass die Gewinnmargen und Renditen bei kleinen und mittleren Unternehmen am höchsten sind und mit wachsender Unternehmensgröße dann eher abnehmen. Von einer strukturellen Verlierer-Position der KMU kann also keine Rede sein. Ebenso wenig vom bevorstehenden Absterben. Dass dabei allerdings schlecht gemanagte Unternehmen vom Markt verschwinden, ist notwendig - so funktioniert Auslesewettbewerb. Das gilt aber für die gesamte Industrie.

Und schließlich ist allgemein bekannt, dass Zulieferer mit Einfach-Produkten ohne innovativen Appeal vom ausländischen Billig-Wettbewerb vom Markt gefegt worden sind. Dieser Prozess ist bereits seit Langem abgeschlossen.

Gefragt wie eh und je

Deutsche Hersteller und Zulieferer sind weltweit in mehr als 70 Ländern mit eigenen Fertigungsstandorten vertreten. Insgesamt sind das über 2000 Produktions- und Montagestätten im Ausland. Davon befinden sich rund 240 Standorte deutscher Zulieferer allein in China. Die deutschen Automobilzulieferer leben von ihrer Kreativität, Innovationskraft und -fähigkeit, nicht von niedrigen Kosten. Kosteneffizienz ja, niedrige Kosten: nein.

Auch konjunkturell gesehen geht es den Zulieferern gut, kann die Situation der deutschen Automobilindustrie - Hersteller wie Zulieferer - Mitte 2015 besser nicht sein. Die weltweite Nachfrage nach Automobilen ist so groß wie nie. Die wichtigsten Kunden der deutschen Zulieferer - ob Audi, BMW oder Daimler - berichten monatlich über Absatz- und Umsatzrekorde.

Eine alte Erkenntnis der Volkswirtschaftslehre lautet: "Wenn die Kinder der Reichen genügend Milch haben, geht es auch den Katzen der Armen nicht schlecht." (Herbert Giersch). Vor diesem Hintergrund dürfte es auch den deutschen Automobilzulieferern nicht schlecht gehen. Von Aussterben kann schon gar keine Rede sein!

Quelle: ntv.de