Winter wird "hässlich"Europas Raffinerien wenden Kerosinengpass ab - vorerst

Ein akuter Mangel an Kerosin ist bisher ausgeblieben. Unter anderem, weil Europas Raffinerien ihre Produktion hochgefahren haben. Zudem wurden Lagerbestände angezapft. Die Krise könnte viele Fluggesellschaften im Winter mit voller Wucht einholen, wenn ihre Absicherungsgeschäfte auslaufen.
Der befürchtete Mangel an Kerosin für die europäische Luftfahrt konnte bisher verhindert werden - unter anderem dank der deutlichen Erhöhung der Produktion in Europas Raffinerien. Das geht aus Informationen der Agentur Argus Media hervor, die internationale Preisdaten von Rohstoffen sammelt und auswertet. Endgültig abgewendet ist eine Krise der Airline-Branche damit aber nicht. Der Kerosinpreis dürfte noch länger stark erhöht bleiben und droht mittelfristig auch Fluglinien vor Probleme zu stellen, die sich vorerst mit Langfristverträgen oder Finanzinstrumenten gegen Preisschwankungen abgesichert hatten.
Nach den Angriffen der USA und Israels auf den Iran Ende Februar und der darauffolgenden Blockade der Straße von Hormus hatten viele Experten, Branchenvertreter und Politiker vor einem möglichen Kerosinmangel gewarnt. Europa kann seinen Kerosinbedarf nur teilweise aus der Produktion der eigenen Raffinerien decken. Deutschland hatte vor dem Krieg etwa die Hälfte seines Flugtreibstoffs importiert, teilweise auch von Raffinerien am Persischen Golf.
Als Zeitpunkt für die drohende Knappheit war mehrfach der Juni 2026 genannt worden. Zwar stieg der Kerosinpreis im April zwischenzeitlich auf ein Rekordhoch und liegt auch derzeit noch etwa 50 Prozent über dem Vorkriegsniveau. Ein physischer Mangel ist jedoch nicht eingetreten. Für die Sommermonate erwarten inzwischen weder Fluglinien noch Behörden Engpässe bei der Kerosinversorgung in Europa.
Laut Amaar Khan, dem leitenden Experten für den europäischen Flugkraftstoffmarkt bei Argus Media, haben die Raffinerien in Europa in den vergangenen Monaten zum einen den Anteil des Kerosins an den von ihnen hergestellten Produkten von 10 auf 12 Prozent erhöht. Vor allem aber fuhren die Raffinerien ihre Gesamtproduktion stark herauf. Dazu importierte Europa deutlich mehr Rohöl. Die derzeit aktuellsten Daten der EU-Statistikbehörde Eurostat zeigen für April einen Anstieg der Rohöleinfuhren um rund 60 Prozent gegenüber dem Niveau vor dem Krieg.
Dazu, so Khan, habe es in diesem Jahr bisher deutlich weniger Wartungsarbeiten an Raffinerien gegeben, sodass mehr Anlagen in Betrieb seien. "Wir wissen also, dass die Raffinerien mit Hochdruck arbeiten und mehr produzieren", erklärt Khan. "Die Lage ist jedoch weiterhin prekär, da ungeplante Ausfälle die Situation schnell gefährden könnten."
Airlines droht "hässlicher Winter"
Außerdem sinken die Reserven weiter schnell. Sollte die Straße von Hormus blockiert bleiben, gehe er davon aus, dass die Lagerbestände in ganz Europa bis zum Ende des Sommers auf weniger als ein Drittel des Vorkriegsstandes sinken werden, so Khan.
Mittelfristig gibt der Experte daher keine Entwarnung für die europäische Luftfahrt. "Sollte die Straße von Hormus bis September nicht geöffnet werden, wird dies die Versorgung mit Flugbenzin in Europa im weiteren Jahresverlauf gefährden, da die Lagerbestände auf ein gefährlich niedriges Niveau sinken werden." Die Raffinerien müssten zudem ihre Produktion von Flugbenzin weiterhin maximieren.
Zum Problem könnte für viele Fluggesellschaften werden, dass sie ihre Absicherungsgeschäfte aufgrund der Marktvolatilität ausgesetzt oder reduziert haben, berichtet Khan. Das heißt, auch Airlines, die bisher durch solche Maßnahmen vor dem Preisanstieg geschützt waren, dürften steigende Treibstoffkosten zu spüren bekommen, je länger die Krise anhält.
Die "Financial Times" berichtet, dass Fluggesellschaften derzeit die Streichung von Zehntausenden Flügen in ihren Winterflugplänen vorbereiteten. Die Entscheidungen darüber stünden in den kommenden Wochen an. Hauptgrund dafür ist der hohe Kerosinpreis. Der könnte noch weiter steigen, wenn die Straße von Hormus geschlossen bleibt und die Lagerbestände weiter sinken, während die Absicherungsgeschäfte vieler Fluggesellschaften für ihre Treibstoffkosten ausliefen. Wenn dies so eintrete, werde der Winter "ziemlich hässlich" für die Branche, zitiert die "FT" einen Experten.