Wirtschaft

Zweifel an Pekings Corona-Zahlen China löscht Millionen Handy-Konten

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In China geht ohne Handy gar nichts: Hier eine Kontrolle von Gesundheits-Codes vor dem Eingang zu einem Einkaufszentrum in Wuhan.

(Foto: REUTERS)

Offizielle Zahlen aus China geben Rätsel auf. Die Zahl der Handynutzer ist innerhalb von drei Monaten angeblich um ganze 21 Millionen eingebrochen. Lassen sich aus den Daten der Telekomriesen Rückschlüsse auf die wirkliche Zahl der Corona-Toten ziehen? Ein China-Experte liefert die Antwort.

Daten des chinesischen Ministeriums für Industrie und Informationstechnologie (MIIT) von Ende März lassen aufhorchen: Laut den offiziellen Angaben ist die Zahl der Handynutzer in der Volksrepublik innerhalb von drei Monaten um 21 Millionen zum Vorjahreszeitraum eingebrochen. Statt rund 1,6 Milliarden soll es nur noch 1,58 Milliarden Handynutzer - bei einer offiziellen Bevölkerung von 1,4 Milliarden Chinesen - geben. Auch die Zahl der Festnetzanschlüsse schrumpfte deutlich: Hier gibt es angeblich 840.000 Teilnehmer weniger. Das wirft Fragen auf.

Warum hat ein Land wie China, das die Kommunikation und den Aufenthaltsort seiner Bürger so flächendeckend kontrolliert, plötzlich vor allem Millionen weniger Handynutzer? Bankkonten und Sozialversicherungen sind an Handy-Verträge gebunden. Ohne Mobilfunknummer geht es in der Volksrepublik praktisch nicht. Die Frage, die sich aufdrängt, ist: Gibt es einen Zusammenhang mit der Corona-Pandemie?

"Wie viele Tote gibt es wirklich?"

Erst kürzlich kamen die US-Geheimdienste in einem Bericht für das Weiße Haus zu dem Schluss, dass Peking die Zahlen wohl zu niedrig angegeben haben dürfte, wie die US-Finanzagentur Bloomberg berichtete. Die Gesamtzahl der bestätigten Fälle in China liegt bei gut 82.000, die Zahl der Todesopfer bei rund 3300. Im Vergleich dazu die Zahlen aus den USA: Hier sind bereits mehr als 22.000 Menschen an den Folgen einer Coronavirus-Infektion gestorben. Die Zahl der Infizierten stieg nach Angaben der Johns Hopkins University auf über 557.000. Damit verzeichnen die USA die höchste Corona-Todes- und Infektionsrate weltweit. Auch wenn die Länder mit unterschiedlichen Maßnahmen gegen das Virus kämpfen, die Experten durchaus als unterschiedlich erfolgreich bewerten, geben die niedrigen chinesischen Zahlen Rätsel auf. "Wie viele Tote gibt es (in China) wirklich?", fragen die China-Experten Tang Jingyuan und Nicole Hao von der China-kritischen "Epoch Times".

Mangels alternativer Zahlen haben die Autoren Antworten gesucht und sind dabei auf die Daten der Telekom-Riesen gestoßen, die in den vergangenen Monaten eine auffällige Veränderung zeigen. Hatten die drei chinesischen Mobilfunkanbieter China Mobile, China Telecom und China Unicom noch im Dezember 2019 eine Zunahme bei den Mobilfunkkonten registriert, änderte sich das im Januar plötzlich. Ein auffälliger Schwund setzte ein. Wie Tang und Hao schreiben, hätten die Anmeldungen dabei eher steigen müssen. Ein Grund, den sie dafür angeben, ist, dass Chinas Schülerinnen und Schülern ab dem 10. Februar über eine Handynummer der Eltern Zugang zum Online-Unterricht gewährt wurde. Theoretisch hätte es deshalb Neuregistrierungen geben müssen, wie die Autoren argumentieren. Erwachsene dürfen in China maximal fünf Handynummern haben.

Warum sind dann die Zahlen aber massiv eingebrochen? Für den Rückgang der Festnetzanschlüsse haben Tang und Hao noch eine plausible Erklärung: Insbesondere kleinere Firmen könnten ihren Festnetzanschluss abgemeldet haben, um Kosten zu sparen, als die Regierung im Februar eine landesweite Quarantäne und den Lockdown verhängte. Für den Einbruch bei den Handyverträgen liefert das jedoch keine Erklärung. "Das chinesische Regime verlangt von allen Chinesen, ihre Mobiltelefone zu benutzen, um einen Gesundheitscode zu generieren. Es ist unmöglich für eine Person, ihr Handy zu kündigen", schreibt "Epoch Times"-Gründer Tang.

Die Idee, dass der Schwund mit den rund 288 Millionen Wanderarbeitern zusammenhängen könnte, die während der Neujahrsfeierlichkeiten an ihren Heimatorten vom Ausbruch der Corona-Epidemie überrascht wurden und nicht mehr an ihre Arbeitsstätten zurückkehren konnten, hält nach Ansicht der Autoren einer Prüfung nicht stand. Zwar könnten die Pendler im Februar theoretisch Zweit-Handys für die Orte, wo sie beschäftigt sind, abgemeldet haben. Da sie zur niedrigsten Einkommensgruppe zählen, dürften die wenigsten aber mehr als ein Handy besitzen.

"In China wird viel poliert"

Einen Beweis, dass die offiziellen Zahlen zu Corona-Toten gefälscht wurden, liefert das jedoch noch nicht. "China poliert offizielle Zahlen, die zu Corona-Infizierten und -Verstorbenen werden wahrscheinlich stark nach unten korrigiert", sagt der China-Experte Kai von Carnap vom Mercator Institut für China Studien in Berlin (Merics). "Aber dass hier 21 Millionen Corona-Tote versteckt wurden, halte ich für unrealistisch."

Die plausibelste Erklärung für den starken Rückgang der Handykonten liegt laut dem Experten des Berliner Thinktanks vielmehr bei den Handy-Tracing-Apps, die China im Zuge des Kampfes gegen die Ausbreitung des Coronavirus konsequent eingeführt hat. Der Schwund an Handykonten lasse sich mit dem "großen Schritt Richtung Datenzentralisierung in China" begründen, der in diesem Zusammenhang geschehen sei, erklärt Carnap ntv.de. "Die chinesischen Telekomriesen haben sich Anfang Februar zusammengetan und gemeinsam aufgeräumt. Zum Beispiel wurden registrierte, aber nicht genutzte Handynummern aussortiert. Zusätzlich wurden Handynutzer in der Datenbank abgeglichen und die verschiedenen Nummern jeweils einer Identität zugeordnet."

Trotz der kürzlich erfolgten Korrektur der Daten, besteht in China weiterhin eine große Diskrepanz zwischen der Anzahl registrierter Handynummern und tatsächlichen Nutzern, die noch dadurch verstärkt wird, dass rund 15 Prozent der Chinesen gar kein Handy besitzen. "Durch die steigende Zentralisierung könnte es deshalb sogar noch eine weitere Anpassung der offiziellen Zahlen der Telekomanbieter - nach unten - an die Zahl der handynutzenden Bevölkerung geben", sagt von Carnap.

Quelle: ntv.de