Strom statt Gas und ÖlFirmen wittern in Elektrifizierung einen Wettbewerbsvorteil

E-Auto statt Verbrenner, Wärmepumpe statt Gasheizung - in vielen Fällen können strombasierte Lösungen die fossile Alternative ersetzen. Auch in der Wirtschaft. Nicht nur die Umwelt profitiert: Vier von fünf deutschen Unternehmen erwarten mehr Wettbewerbsfähigkeit. Noch werden sie aber gebremst.
Unternehmen weltweit sind überzeugt, dass ein strombasierter Betrieb ihnen mehr Wettbewerbsfähigkeit durch stabile oder sogar sinkende Energiekosten verschafft. Auch in Deutschland erhoffen sich viele Führungskräfte Vorteile durch die Elektrifizierung ihres Betriebs. Das zeigt eine Umfrage unter mehr als 1900 Führungskräften aus 18 Ländern im Auftrag der Klimaschutz-Denkfabriken E3G und der We Mean Business Coalition.
Die Umfrage wurde im April 2026 vor dem Hintergrund des Iran-Kriegs und der jüngsten Energiekrise durchgeführt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die geopolitische Instabilität den Elektrifizierungstrend der Wirtschaft massiv beschleunigt: Weltweit sehen 91 Prozent der Befragten die Elektrifizierung als Garant für mehr Energiesicherheit. Vier von fünf Befragten (79 Prozent) geben an, dass die geopolitische Unsicherheit die betriebsinterne Umstellung auf strombasierte Technologien dringlicher macht. Neun von zehn Unternehmen (90) gehen davon aus, dass ihr Betrieb bereits 2035 weitgehend elektrisch funktioniert.
Hemmnisse in Deutschland
In Deutschland erwarten demzufolge 83 Prozent der befragten Unternehmen, dass eine Elektrifizierung eigener Betriebsabläufe die Energiekosten senkt. Vier von fünf Befragten (78 Prozent) geben an, dass sich auch ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern würde. Hemmnisse wie hohe Strompreise und die Kosten des Netzausbaus bremsen diesen Prozess ihnen zufolge derzeit aus. Drei von vier Befragten (71 Prozent) sind überzeugt, dass das deutsche Stromsystem die Anforderungen der Industrie nicht erfüllt.
Als Ursache für die Hemmnisse und ausbleibende Investitionen der Unternehmen nennen zwei Drittel der Befragten (66 Prozent) wechselnde politische Kurse und Änderungen der Förderkulisse. 70 Prozent befürchten, dass Deutschland im Rennen um eine elektrische Zukunft ins Hintertreffen geraten könnte.
Elektrifizierung bedeutet, dass Prozesse, Maschinen oder Anwendungen, die bisher mit fossilen Energieträgern wie Öl, Gas oder Kohle betrieben werden, auf Strom umgestellt werden. Für Privathaushalt betrifft dies etwa den Umstieg von der Gasheizung auf die Wärmepumpe. In der Industrie können bis zu einem gewissen Grad Heizprozesse durch elektrisch betriebene Anlagen ersetzt werden. Im Verkehrsbereich können E-Autos und elektrische Züge Verbrennermotoren und Dieselloks ersetzen.
In Deutschland haben 106 Führungskräfte an der Umfrage teilgenommen. Obwohl Elektrifizierung bei ihnen breite Unterstützung genießt, blieb der Anteil von Strom am Endenergieverbrauch in den vergangenen zwei Jahrzehnten weitgehend stabil bei rund 20 Prozent. Dies wird den Angaben zufolge unter anderem auf das ungünstige Preisverhältnis von Strom und Gas zurückgeführt: Auf den Strompreis erhebt der Staat höhere Steuern und Abgaben als auf den Gaspreis.
Signal an die Bundesregierung
Die Umfrage wurde in Zusammenarbeit mit den Lobbyverbänden Stiftung Klimawirtschaft und Agora Energiewende umgesetzt. "Deutsche Unternehmen wollen weg von fossilen Importabhängigkeiten und hin zu sauberer Energie", kommentiert Sabine Nallinger, die Vorständin der Stiftung Klimawirtschaft, die Ergebnisse. "Sie haben verstanden, dass Erneuerbare und die Elektrifizierung der Schlüssel zu wettbewerbsfähigen Preisen und echter Versorgungssicherheit sind. Aktuell bremsen jedoch hohe Energiekosten, ein schleppender Netzausbau und regulatorische Unsicherheiten den Umstieg auf strombasierte Prozesse aus - ob in Industrie und Handel oder bei Haushalten, die auf E-Autos und Wärmepumpen wechseln wollen."
Julia Bläsius, Deutschland-Direktorin von Agora Energiewende, sieht in der Umfrage zudem ein "deutliches Signal" der Wirtschaft an die Bundesregierung: "Das politische Hin und Her in der Energiepolitik hemmt Innovation und Investitionen. Die Bundesregierung muss den zügigen Ausbau von erneuerbaren Energien und Stromnetzen weiter vorantreiben, um attraktive Strompreise zu sichern und so den Umstieg auf strombasierte Prozesse zu ermöglichen."
Ein Bündnis von 70 führenden europäischen Unternehmen fordert die Elektrifizierung der Wirtschaft zu beschleunigen. Sie rufen dazu auf, 50 Prozent der betrieblichen Abläufe bis 2040 mit strombasierten Lösungen zu ersetzen. Schätzungen gehen demzufolge davon aus, dass mit den heute verfügbaren Technologien bis zu 75 Prozent des weltweiten Energiebedarfs durch Elektrizität gedeckt werden könnten.