Wirtschaft

"Job-Blutbad" unter Trump möglichForscher: KI kann bereits zwölf Prozent der Arbeitskraft ersetzen

29.11.2025, 10:55 Uhr
imageVon Roland Peters, Memphis
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Könnte bald noch größere Probleme mit der Wirtschaft bekommen: US-Präsident Donald Trump. (Foto: AP)

Wenn es um die Zukunft mit Künstlicher Intelligenz geht, sind sich viele einig: Sie macht die Wirtschaft produktiver. Doch die kurz- und mittelfristigen Effekte könnten verheerend sein. Ein neuer Index misst in den USA, wie viel menschliche Arbeitskraft die KI ersetzen kann.

Die Zeiten haben sich geändert. Beim gemeinnützigen Unternehmen Tech901, das seit zehn Jahren Programmierer und andere IT-Spezialisten ausbildet und regional vermittelt, fragen Firmen kaum noch nach Berufseinsteigern. "Das ist verheerend", sagt Firmenchef Aaron Lamey, der eine grüne Krawatte mit Schaltkreisdruck trägt, über fehlende Programmierer-Jobs: "Wir können nicht die komplette Generation im Stich lassen." Dabei versuchten sie doch, Neulingen mit Kursen mit Zertifikaten den Einstieg zu erleichtern.

Im Zentrum von Memphis bilden eine Handvoll Lehrkräfte von Tech901 etwa 400 Personen jährlich aus; praktischer, handwerklicher, nicht wie eine Hochschule, sagt Lamey. "Aber das goldene Zeitalter des 'trained on the job' ist anscheinend vorbei." Spezialisten seien weniger gefragt als Generalisten, die verschiedene digitale Werkzeuge wie KI benutzen könnten, um ein Problem zu lösen, um sich dann mit dem nächsten zu befassen. Die beiden Spezialistenkurse an diesem Donnerstagabend sind trotzdem gut besucht - was auch an der Pizza liegen könnte, die in der offenen Küche lockt.

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Aaron Lamey (rechts), Chef der gemeinnützigen Bildungseinrichtung Tech901 in Memphis, gemeinsam mit einem Schüler (Foto: Roland Peters)

US-Wähler machen Trump verantwortlich

Lamey und seine Mitarbeiter bei Tech901 erleben im Bundesstaat Tennessee aus erster Hand, was sich durch die komplette Branche zieht und sich potenziell auch auf die weitere US-Wirtschaft ausweiten wird: KI und deren Werkzeuge krempeln Teile des Arbeitsmarkts um. Seit Anfang 2023, als ChatGPT eingeführt wurde, sind wegen der Nutzung von KI für Berufseinsteiger zwischen 22 und 25 Jahren in betroffenen Berufen wie Kundenservice, Buchhaltung und Softwareentwicklung 13 Prozent der Jobs verschwunden, stellte eine Studie der Universität Stanford fest.

Die Wirtschaft befindet sich in einem Schwebezustand; das derzeitige Wachstum kommt hauptsächlich von Investitionen der großen KI-Unternehmen in neue Rechenzentren. Die Realität fühlt sich nach Abstieg an, nach Unsicherheit, nach bevorstehender Krise. Mitte November bewerteten 76 Prozent aller Wähler die Wirtschaft negativ. Danach gefragt hatte der konservative Fernsehsender Fox News.

Die Veränderungen gehen weit über IT-Berufe hinaus, wie Forscher des Massachusetts Institute of Technology schreiben, sie seien laut ihrer aktuellen Studie nur "die Spitze des Eisbergs". In den USA können demnach aktuell rund zwölf Prozent aller Arbeiten von Beschäftigten durch Künstliche Intelligenz ausgeführt werden. Ihren Wert nennen die Wissenschaftler entsprechend den "Iceberg Index", mit dem sie die theoretische Wirkung der aktuellen KI-Fähigkeiten auf Beschäftigte in IT, Finanz-, Gesundheits- und anderen Branchen anzeigen.

Forscher halten traditionelle Indikatoren für überholt

In einer Simulation des gesamten US-Arbeitsmarktes untersuchten die Forscher die Jobs von 151 Millionen Menschen mit 32.000 Fähigkeiten und verglichen diese mit denen von mehr als 13.000 KI-Werkzeugen. Das Ergebnis: Theoretisch könnten Millionen Arbeitsplätze von KI übernommen werden und die Wirtschaft damit Gehälter in Höhe von 1,2 Billionen Dollar einsparen; fast zwölf Prozent der gesamten Zahlungen an Arbeitnehmer.

Daher kommt auch der Prozentwert des Eisberg-Index: Er zeigt an, wie viel Arbeitskraft und damit Gehälter wegfallen würden, wenn die KI alles leisten dürfte, was sie derzeit leisten könnte. Ob das geschieht, ist eine andere Frage, denn dies hängt von weiteren Faktoren ab: von der Geschäftsstrategie der jeweiligen Unternehmen, gesellschaftlicher Akzeptanz und politischen Rahmenbedingungen. Das heißt: Nur weil die KI etwas übernehmen kann, was Menschen tun, heißt es noch lange nicht, dass dies auch geschieht. Und ebenso wenig, dass dies langfristig negative Folgen für den Arbeitsmarkt haben muss.

Traditionelle Indikatoren wie BIP, Einkommen und Arbeitslosenrate zeigten jeweils weniger als fünf Prozent der Gefährdung durch KI an, erklären die Forscher. Es seien deshalb neue Indizes wie ihr Eisberg-Index nötig, um diesen neuen Faktor aufzuzeigen. Sie empfehlen ihr Analysemodell auch Politikern sowie Führungskräften aus der Wirtschaft, um Risiken abzuschätzen und Investitionsentscheidungen zu treffen.

In der Umfrage von Fox News beschrieben 60 Prozent der Wähler ihre finanzielle Situation derzeit als "nicht gut" oder "schlecht". Das liegt auch an hohen Lebenshaltungskosten, für die sie inzwischen US-Präsident Donald Trump verantwortlich machen, nicht mehr dessen Vorgänger, den Demokraten Joe Biden. Republikaner befürchten deshalb, im kommenden Jahr bei den Kongresswahlen ein Wahldebakel zu erleben. Im November 2026 wählen die USA ein Drittel der Senatoren und alle Abgeordneten des Repräsentantenhauses neu.

Viele Analysten meinen zwar, der Investitionsboom in Infrastruktur sei der Anfang für einen enormen Produktivitätsschub. Doch es herrscht große Unsicherheit bei Verbrauchern sowie Unternehmen abseits der Tech-Branche. Manche Firmen verweisen auf die unberechenbare Zollpolitik des Weißen Hauses, andere auf interne Umstrukturierungen oder nötige Investitionen in KI. Der Arbeitsmarkt stagniert.

Warnende Töne sogar aus KI-Branche

Insbesondere im Technikbereich bauen Unternehmen Stellen ab und entlassen bereits ihre Mitarbeiter: HP kündigte bis zu 6000 Entlassungen an, der Internet-Provider Verizon 13.000, Amazon kürzt 14.000 Stellen und damit rund 4 Prozent, Intel reduziert 15 Prozent seiner Belegschaft, Microsoft haben für dieses Jahr 15.000 Entlassungen angekündigt. Meta-Chef Mark Zuckerberg kündigte an, 5 Prozent der Belegschaft kündigen zu wollen, das sind etwa 4000 Beschäftigte. Zuckerberg geht davon aus, schon bald IT-Ingenieure, die programmieren, durch KI ersetzen zu können.

Sogar aus der KI-Branche kommen warnende Töne vor möglichen Auswirkungen der neuen Technik und der Geschwindigkeit des Wandels. Es geht dabei längst nicht mehr nur um Werkzeuge, die bei Aufgaben helfen, sondern auch um sogenannte Agenten - also für bestimmte Jobprofile ausgestattete KIs, die auch untereinander kommunizieren. "Es wird zehnmal größer sein als die industrielle Revolution - und vielleicht zehnmal schneller", prognostizierte Googles Deepmind-Gründer Demis Hassabis im August: "Wir bauen nicht mehr nur Werkzeuge. Wir bauen Entitäten, die uns überflüssig machen könnten." Die erhöhte Produktivität und daraus resultierender Wohlstand müsse jedoch fair verteilt werden, so Hassabis.

Dario Amodei, Gründer des KI-Unternehmens Anthropic, schätzt, dass wegen KI in fünf Jahren die Hälfte aller Jobs für Berufseinsteiger verschwunden sein und die USA potenziell 10 bis 20 Prozent Arbeitslosigkeit erleben könnten. Er sieht den Job-Abbau in den Sektoren Technik, Finanzen, Recht, Beratung und anderen Angestelltenberufen. Die CEOs vieler anderer Firmen äußerten ähnliche Sorgen. Man könnte es auch dramatischer ausdrücken: Es könne noch während Trumps Präsidentschaft zu einem "Job-Blutbad" kommen, schrieb das US-Medium "Axios" bereits im Mai. Die Amtszeit des Republikaners endet voraussichtlich im Januar 2029.

Quelle: ntv.de

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