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Jürgen Fitschen steht vor Gericht Für die Deutsche Bank geht es um alles

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Steht vor Gericht: Jürgen Fitschen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ab heute wird Jürgen Fitschen der Prozess gemacht. Doch nicht nur ihr Co-Chef, sondern die Deutsche Bank selbst sitzt auf der Anklagebank: Ihre gesamte Führungsriege soll jahrelang die Justiz betrogen und die Wahrheit verbogen haben.

Der Terminkalender eines Deutsche-Bank-Chefs ist immer vollgepackt. Doch die kommenden Wochen kann Jürgen Fitschen sich schon mal blocken. Ab heute muss er bis zum 22. September meistens am Dienstag um 9 Uhr 30 im Münchner Landgericht erscheinen. Nicht nur Fitschen, auch die Ex-Vorstände Rolf Breuer, Tessen von Heydebreck sowie Ex-Chefaufseher Clemens Börsig müssen als Angeklagte persönlich in Saal B273. Und auch Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann muss vor Gericht.

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Die Münchner Staatsanwaltschaft wirft Fitschen und den anderen Top-Managern vor, vor Gericht gelogen zu haben, um milliardenschwere Schadenersatzansprüche des inzwischen verstorbenen Medienmoguls Leo Kirch abzublocken, der die Deutsche Bank in einem jahrelangen Rechtsstreit für seine Pleite verantwortlich gemacht hatte. Besonders schwerer Fall von versuchtem Prozessbetrug heißt das in der Sprache der Justiz. Den fünf Männern drohen schlimmstenfalls zehn Jahre Gefängnis.

Doch das allein wird dem Prozess nicht gerecht. 627 Seiten ist die Anklageschrift dick. Die Ermittlungsakten füllen 143 Ordner. Fast ein Terabyte Daten haben die Ermittler ausgewertet. Längst geht es nicht mehr nur darum, ob die Spitzenmanager vor Gericht gelogen haben. Verhandelt wird über nichts weniger als den Ruf der Deutschen Bank, der durch zahllose Skandale, Prozesse und schmutzige Geschäfte der Vergangenheit schwer ramponiert ist. Der Prozess hat das Potential, ihre letzte Glaubwürdigkeit bei Kunden, Aktionären und Öffentlichkeit endgültig zu pulverisieren.

Lügen für den Profit?

Auch für Fitschen geht es um alles. Das Verfahren könnte ihn den Job kosten. Dass er den Schritt vor Gericht überhaupt wagt, ist mutig. Der monatelange Prozess wird seine Kräfte binden. Und zu einer Dauerbelastung für die Bank werden, die nun mit ihrem Chef monatelang öffentlich um ihr Image ringt. Viele hatten deshalb mit einem Deal mit der Staatsanwaltschaft gerechnet. Oder mit einem Rücktritt, falls es zum Prozess kommt.

Doch Fitschen hat entschieden, die Sache vor Gericht auszufechten. Er hält sich für unschuldig. Vielleicht hat er damit sogar recht: Die Münchner Staatsanwaltschaft wirft Fitschen als einzigem der fünf Angeklagten vor, falsche Aussagen im Kirch-Prozess lediglich nicht korrigiert zu haben. Diese Sicht ist juristisch durchaus umstritten. Denn tatsächlich sind vor allem Fitschens Vorgänger dafür verantwortlich, dass die Ermittler ihnen allen nun den Prozess machen.

Angefangen hat alles mit einem legendären Interview am 4. Februar 2002: "Was man darüber lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, […] noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen", sagte Rolf Breuer, Fitschens Vor-Vorgänger an der Spitze der Bank, damals zu Bloomberg TV über Kirchs Medienimperium. Nur zwei Monate später war Kirch pleite.

Schauspiel vor Gericht

Im Kern tobt nun seitdem der Streit um die Frage: War das Interview nur ein unvorsichtiger Ausrutscher des damaligen Deutsche-Bank-Chefs? Oder hat Breuer Kirchs Kreditwürdigkeit absichtlich ruiniert, damit die Deutsche Bank an lukrativen Beratungsaufträgen beim Verkauf seines schwankenden Firmenimperiums verdienen kann?

Breuer widersprach dem im Februar 2011 vor Gericht als Zeuge. Die Richter hatten daran aber erhebliche Zweifel. Und sagten noch am selben Tag: Kirch könne wegen sittenwidriger Schädigung womöglich Schadenersatz von der Deutschen Bank erwarten. Denn schon am 29. Januar 2002, lange vor Breuers Interview, soll der Deutsche-Bank-Vorstand laut übereinstimmenden Medienberichten bei seiner Sitzung beschlossen haben, sich um ein Beratungsmandat bei Kirch zu bemühen.  

Nachdem die Richter deshalb im Februar 2011 durchblicken ließen, dass sie Breuers Aussage nicht glaubten, setzte die Bank alles in Bewegung, um sie umzustimmen. Sie reichte im Mai 2011 einen Schriftsatz bei Gericht ein, in dem sie die Vorgänge zurechtbog, damit sie zu Breuers Aussage passten, sagt die Staatsanwaltschaft. Den segnete auch Fitschen per Email ab. Dann stützten Ackermann, Börsig und von Heydebreck im Mai 2011 vor Gericht Breuers angebliche Falschaussage.

Die Wahrheit verdrehen

Im Juni 2011 wurde dann auch Fitschen angehört. Er redete um den heißen Brei herum, wohl um sich selbst nicht zu belasten, aber auch seine Kollegen und die Bank nicht reinzureiten: "Damit wollte er vermeiden, nachweislich falsche Angaben zu machen, andererseits wollte er aber auch nicht die Verteidigungsstrategie der Beklagten durch eine klare Schilderung torpedieren", vermuten die Staatsanwälte.

Die Ermittler waren offenbar stinksauer. Im November 2011 durchsuchten sie zum ersten Mal die Deutsche Bank. Bei dieser und noch einer späteren Razzia tauchten zahlreiche belastende Unterlagen auf. Planspiele für die Zerschlagung des Kirch-Imperiums zum Beispiel, die lange vor Breuers Interview datierten. Und jede Menge Mails, Protokolle und Notizen, die laut Staatsanwaltschaft belegen, wie Anwälte und Rechtsabteilung der Bank Breuer, Fitschen, Ackermann und alle anderen Angeklagten in Probe-Prozessen vor ihren Aussagen darauf vorbereiteten, die Wahrheit vor Gericht zu verdrehen.

Trotzdem "unternahmen die Angeschuldigten Dr. Ackermann und Fitschen - zu diesem Zeitpunkt Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank - nichts, um den falschen Vortrag zu korrigieren", schreibt die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage. Den Kirch-Erben zahlte die Bank am Ende 925 Millionen Euro. Bisher hat sie das Debakel nur viel Geld gekostet. Ab heute hat sie die letzte Chance, etwas noch viel Kostbareres zu retten: ihre Glaubwürdigkeit.

Quelle: n-tv.de

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