Auch Speicherbefüllung in GefahrGaspreis-Explosion bedroht deutsche Industrieproduktion
Von Christina Lohner
Die Schäden an der Flüssiggas-Infrastruktur am Persischen Golf sind auch hierzulande ein Risiko für die Gasversorgung. Der Preis dürfte weiter steigen, damit lohnt sich das Einspeichern erst recht nicht mehr - und für manches Unternehmen die Fertigung. Beim Heizen werden sich Verbraucher wieder Gedanken machen.
Die schweren Schäden an der katarischen Gasinfrastruktur haben auch für Deutschland massive Folgen. Die bevorstehende Preisspirale könnte sowohl zu weniger Produktion in den energieintensiven Industriezweigen als auch zu einer Zwangsbefüllung der Gasspeicher führen, um die Versorgung sicherzustellen, wie Gasmarkt-Experte Sebastian Gulbis im Gespräch mit ntv.de erklärt. Denn nun sei unabhängig von der Blockade der Straße von Hormus klar, dass es lange dauern wird, bis die Gasanlagen in Katar wieder ihre volle Produktionskapazität erreichen, erläutert der Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Enervis. Für private Gaskunden wird es dadurch ebenfalls wieder teuer.
Bei einem iranischen Raketenangriff sind für den Weltmarkt wichtige Flüssiggasanlagen in Katar beschädigt worden, der Preis für europäisches Erdgas ist deshalb deutlich gestiegen. Die weltgrößte Gasverflüssigungsanlage, Pearl GTL, ist erheblich beschädigt, wie Shell am Donnerstag bestätigte. Der Konzern betreibt die Anlage zusammen mit dem Staatsunternehmen Qatar-Energy. Nach Angaben von dessen Geschäftsführer, Energieminister Saad al-Kaabi, wird die Reparatur der LNG-Anlagen drei bis fünf Jahre dauern. 17 Prozent der katarischen Exportkapazitäten und damit etwa drei Prozent des LNG-Weltmarkts sind betroffen.
Die Produktion von Flüssiggas (LNG) an dem Standort Ras Laffan hatte Qatar-Energy bereits Anfang März heruntergefahren. Nach den jüngsten Angriffen ist Gulbis zufolge nun klar, dass sie so schnell auch nicht mehr mit voller Kapazität aufgenommen werden kann. Die Notierung für den europäischen Leitindex für Erdgaspreise TTF legte am Donnerstag auf 65 Euro pro Megawattstunde zu - mehr als doppelt so viel wie vor Beginn des Iran-Kriegs. Gulbis geht davon aus, dass der Großhandelspreis in nächster Zeit weiter auf bis zu 100 Euro steigen wird, wenn weitere Anlagen beschädigt werden oder die Straße von Hormus länger geschlossen bleibt. "Die getroffene Anlage war das Verflüssigungs-Eldorado", sagt der Gasmarkt-Experte.
"Zu diesem Preis werden einige Industrieunternehmen gar nicht mehr oder spürbar weniger produzieren", sagt Gulbis. Das betreffe nicht nur Deutschland, sondern auch andere europäische Länder sowie Asien. Letztere sind die Hauptabnehmer von Erdgas aus Katar.
Ein Fünftel der weltweiten LNG-Menge kam vor dem Iran-Krieg durch die Straße von Hormus. Durch den Wegfall konkurrieren asiatische nun mit europäischen Ländern um die verfügbaren Mengen. Dadurch entsteht eine weltweite Preisspirale, wie Gulbis erklärt. Direkt aus Katar bezog die EU bisher nur etwa vier Prozent ihres Erdgasbedarfs.
"Der Staat wird eingreifen müssen"
In den kommenden Monaten ist laut dem Experten mit anhaltendem Preisdruck zu rechnen, da dann der Strombedarf für Klimatisierung in Asien zunimmt und in Europa die Gasspeicher gefüllt werden. "Das kann den Preis noch einmal ordentlich nach oben drücken."
Schon jetzt lohnt sich für die Gasspeichernutzer das Einspeichern nicht mehr. Deren Geschäftsmodell war bisher, Gas außerhalb der Heizperiode günstig einzukaufen und später teurer zu verkaufen. Inzwischen ist die Preisdifferenz zwischen den warmen und kalten Monaten jedoch negativ, sodass sich die Speicherbefüllung nicht mehr rechnet. Gulbis erwartet infolge des Preisanstiegs daher eine staatlich unterstützte Einspeicherung: "Wenn es bei der Preisentwicklung bleibt, wird es Eingriffe geben müssen."
Zwar sei eine gewisse Einspeichermenge allein schon aus bergbaurechtlichen Gründen nötig. Doch diese würde nicht genügen, um die Gasversorgung sicherzustellen. Erzwingen ließe sich eine höhere Menge etwa durch staatliche Erlösgarantien oder eine strategische Reserve. Energieministerin Katherina Reiche lässt zwar prüfen, wie das Einspeichern läuft, doch "wenn es bei den Preisen bleibt, läuft gar nichts mehr", sagt Gulbis.
Auch für private Verbraucher steigen die Gaspreise, wie bei Neuverträgen bereits vor den Schäden an der katarischen Infrastruktur zu beobachten war. Die jeweils günstigsten Tarife für Neukunden hatten laut Verivox seit Ende Februar im Schnitt um gut ein Fünftel zugelegt. Der jetzt noch gestiegene Preisdruck wird nach Gulbis' Einschätzung auch zu einer Sensibilisierung der Privatkunden führen, die dann - wie nach Beginn des Ukraine-Kriegs - wieder weniger stark heizen dürften.
Trump würde sich mit Angriff selbst schaden
Die Preisspirale könnte sich sogar noch verstärken. US-Präsident Donald Trump drohte mit einer weiteren Eskalation, falls der Iran die katarische LNG-Infrastruktur weiter angreift: Die USA würden in diesem Fall das gesamte iranische South-Pars-Gasfeld zerstören. Israel hatte dieses bereits attackiert, woraufhin der Iran die katarischen Anlagen angriff. South Pars bildet zusammen mit dem katarischen Teil des Gasfeldes, dessen Gas Katar in den nun beschädigten Anlagen verflüssigt, das weltgrößte Gasfeld.
Die USA sind selbst der größte LNG-Exporteur der Welt. Amerikanisches Flüssiggas würde wertvoller, wenn es zu einer weiteren weltweiten Verknappung kommt. Gulbis glaubt trotzdem, dass sich Trump mit einem Angriff auf South Pars auch selbst schaden würde. Denn die amerikanische Bevölkerung bekäme eine weitere Preissteigerung ebenfalls zu spüren. Schon jetzt würden die gestiegenen Energiepreise in den USA kritisch gesehen. "Trump würde Rückhalt in der Bevölkerung verlieren", schätzt Gulbis.
Hinzu kommt ein weiteres wirtschaftliches Risiko für die USA: Der Ausfall einer katarischen Gasverflüssigungsanlage wirkt sich auch auf die Chipproduktion aus. Denn nach katarischen Angaben werden durch den Ausfall auch die Helium-Exporte aus dem Land um 14 Prozent sinken. Diese sind von entscheidender Bedeutung für die Halbleiterproduktion.