Wirtschaft

Kassen von Nissan geplündert? Ghosns tiefer Sturz vom Auto-Olymp

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Ghosn soll nicht nur die Finanzbehörden betrogen, sondern auch Nissan bestohlen haben.

REUTERS

Carlos Ghosn galt als Lichtgestalt der Autobranche. Mit der Dreier-Allianz aus Nissan, Renault und Mitsubishi hat er eines der mächtigsten Autoreiche der Welt geschmiedet. Nun wird ihm die nackte Gier zum Verhängnis.

Es ist die klassische Geschichte von einem kometenhaften Aufstieg in himmlische Höhen und tiefem Fall ins Bodenlose. Jahrzehntelang ist Carlos Ghosn ganz oben. Dann verbrennt er sich an der Sonne und stürzt ab. In Erinnerung bleibt eine Ausnahme-Karriere, wie es sie wohl kaum ein zweites Mal geben wird.

Mitte der 1990er Jahre macht Ghosn sich einen Namen als Kostenkiller bei Renault, Ende der 90er rettet er Nissan - in Japan wird er deshalb als Held verehrt. Über ein Jahrzehnt lang führt der Manager, der sieben Sprachen - unter anderem auch Japanisch - spricht, die Autohersteller Renault und Nissan in Personalunion. Er ist der erste, der gleichzeitig zwei Konzerne führt, die zu den 500 größten zählen.

Im Dezember 2016 wird Ghosn per Übernahme dann auch noch Vorstandschef von Mitsubishi. Damit ist er so mächtig wie kaum ein anderer Konzernlenker. Er ist der Inbegriff eines Firmen-Patriarchen. Ausgerechnet er - den viele sicherlich für unantastbar hielten - wird nun in Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Und mit ihm und seinem Lebenswerk wankt eines der größten Autoimperien der Welt.

Die Vorwürfe wiegen schwer: Ghosn soll seine Bezüge in Nissans offiziellen Geschäftsberichten deutlich zu niedrig angegeben haben. Laut Unternehmensangaben soll er in fünf Jahren knapp 40 Millionen Euro verheimlicht haben. Ihm wird Veruntreuung von Firmengeldern für private Zwecke und Steuerhinterziehung vorgeworfen. Am Montag wurde er deshalb verhaftet. Die erste Nacht im Gefängnis hat er bereits hinter sich.

Luxushaus am Zuckerhut

Nötig hätte er diese mutmaßliche Selbstbedienung nicht gehabt. Wenn er neben seiner unglaublichen Machtfülle etwas hatte, war es Geld. Selbst nach den offiziellen Zahlen hat Ghosn im vergangenen Jahr an der Spitze von Renault-Nissan-Mitsubishi rund 13 Millionen Euro verdient. Doch offenbar reichte ihm das nicht. Der 64-Jährige soll nach Angaben des japanischen Fernsehens auf Konzernkosten nicht nur Luxusimmobilien an der Copacabana, in Paris, Amsterdam und Beirut für mindestens 15,5 Millionen Euro gekauft haben.

Ghosn soll jährlich auch mehrere hunderttausend Euro für Privatreisen und -essen mit seiner Familie über Spesen abgerechnet haben. Im Jahre 2010 ließ er zudem Nissans Budget für die Vorstandsgehälter von 15 auf 23 Millionen Euro anheben. Den Verdienst seiner Kollegen erhöhte er jedoch kaum. Er steckte das Geld lieber selber ein.

Die französische Regierung, die 15 Prozent an Renault hält, war wegen seiner hoher Vergütung bereits im Frühjahr alarmiert - und rang ihm Zugeständnisse ab. Er durfte zwar am Steuer von Renault-Nissan-Mitsubishi bleiben, musste beim Gehalt aber 30 Prozent abspecken. Die Regierung wollte ein Zeichen setzen. Außerdem installierte sie mit dem für Wettbewerb zuständigen Renault-Vorstand Thierry Bolloré endlich einen Kronprinzen, der Ghosn nachfolgen sollte - einen Termin für die Nachfolge legte sie allerdings nicht fest.

Eigentlich hätte das dem gebürtigen Brasilianer mit libanesischen Wurzeln eine Warnung sein können. Nach außen gab er sich jedoch stoisch. Auf die Frage, ob er bereit sei loszulassen, antwortete er im Frühjahr: "Ich werde mir Mühe geben. Sagen wir so: Ich erlerne noch einmal einen neuen Beruf. Und ich gehe ihn mit viel gutem Willen an." Mit seiner Verhaftung hat er nicht gerechnet. Anfang der Woche flog er offenbar völlig ahnungslos nach Japan.

Und wie geht es nun weiter? Nissan kündigte bereits an, sich von Ghosn zu trennen. Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire kündigte keine 24 Stunden nach der Verhaftung an, er werde die Boardmitglieder von Renault auffordern, so schnell wie möglich eine neue Spitze zu installieren. Der Verwaltungsrat will noch am Dienstagabend zusammenkommen. Naheliegend dürfte sein, dass die Nummer Zwei, "Kronprinz" Bollore, nachrückt.

Entlassen - wie Nissan - will der Konzern Ghosn vorerst nicht. Le Maire verwies darauf, dass Frankreich noch keinen Beweis für sein Fehlverhalten habe. Der Finanzminister will so schnell wie möglich mit seinem japanischen Amtskollegen telefonieren, "damit wir wissen, was genau die Anschuldigungen gegen Ghosn sind".

Dreier-Allianz in Gefahr?

Der Skandal bei Nissan trifft die Dreier-Allianz mit Renault und Mitsubishi in einer empfindlichen Phase. Der Manager war gerade dabei, die ebenso komplizierte wie fragile Struktur der Überkreuzbeteiligungen zwischen den drei Konzernen zu festigen.

Wenn es nach Paris geht, wird er das Bündnis aber nicht erschüttern. Für manchen Analysten war Ghosns Ablösung längst überfällig. Die Allianz dürfte nun nicht mehr darum herumkommen, sich mit ihren eigentlichen Problemen zu beschäftigen. Allen voran die jahrelange Konzentration der Führungsverantwortung in den Händen von Ghosn.

"Ein Spitzenmanager ist zuallererst jemand, der etwas leistet", soll einer seiner Wahlsprüche lauten. Sicherlich versteht er sich selbst als solchen. Aber nicht umsonst heißt es: Man soll gehen, wenn es am schönsten ist. Ghosn weist bislang alle Schuld von sich. Doch so wie es aussieht, könnte am Ende des Tages von ihm nur die nackte Gier in Erinnerung bleiben. Sollte der hoch dekorierte Manager tatsächlich ein Steuervergehen begangen haben, wäre dies in Japans unverzeihlich. Nissan hat Ghosn nicht nur entlassen, der Konzern hat sich vorsorglich bereits für ihn entschuldigt.

Quelle: n-tv.de

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