Wirtschaft

Abnehmer finden sich immer Goldembargo schmälert Putins Kriegskasse nicht

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Dass russische Goldproduzenten sich bereits auf eine Belebung ihrer Exportkanäle nach Asien einstellen, wird ganz offen kommuniziert.

(Foto: picture alliance/dpa/TASS)

Faktisch findet schon länger kein Handel von russischem Gold mit dem Westen satt. Trotzdem greifen die G7-Staaten zum nächsten Mittel, um Russland weiter vom internationalen Finanzsystem zu isolieren. Doch die Wirkung eines Goldembargos wird überschaubar bleiben.

Die Impulsgeber des Projekts sind schon vorgeprescht: Washington und London schneiden Russland von ihrem Goldhandel ab, wie sie nach dem Gipfeltreffen der Staatenlenker der westlichen Industrienationen auf Schloss Elmau wissen ließen. Sie stehen für die beiden führenden Goldhandelsplätze der Welt. Kanada und Japan ziehen mit. "Wir sind entschlossen, Russlands Einnahmen zu vermindern, auch in Bezug auf Gold", heißt es in der G7-Erklärung. Die EU will für sich noch prüfen, wie sie sich dem Boykott anschließt.

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Tatsächlich ist Russland, heute der zweitgrößte Goldproduzent der Welt, bereits weitgehend vom europäischen und dem US-amerikanischen Markt ausgeschlossen. Die London Bullion Market Association (LBMA), neben New York der wichtigste Handelsplatz weltweit, suspendierte bereits im März die sechs wichtigsten Goldscheideanstalten Russlands. Auch die russischen Banken, über die heimische Schmelzen ihre Barren häufig veräußerten, sind von westlichen Sanktionspaketen betroffen.

Faktisch findet seitdem kein Handel von russischem Gold mit dem Westen mehr statt, sagt York Alexander Tetzlaff, Geschäftsführer des Branchenverbandes Fachvereinigung Edelmetalle in Pforzheim. "Ein zusätzliches Goldembargo durch G7 und EU hätte darüber hinaus keine große Bedeutung mehr."

Westen kann Goldmarkt nicht regulieren

Dennoch bleibt die Frage, wie schwer oder leicht so ein Handelsboykott zu umgehen ist. Zumindest scheint hier das westliche Bollwerk recht solide. Zu den Vollmitgliedern der LBMA zählen 74 Prägeanstalten, Raffinerien und Banken aus aller Welt, darunter auch aus China und Indien. Weitere 59 Mitglieder sind assoziiert. Damit die Londoner Goldbörse nur sogenannte Good Delivery-Standardbarren handeln kann, zertifiziert sie die angeschlossenen Mitglieder und gibt ihnen detaillierte Vorgaben, wie eingelieferte Standardgoldbarren (ca. 400oz) beschaffen sein müssen.

Im Normalfall wird Edelmetall aus verschiedenen internationalen Quellen - Minen, Umschmelzgold von Banken, oder rückgewonnenes Gold aus Recycling -vermengt und zu Feingold raffiniert. Allerdings unterliegen die Mitglieder der LBMA (Good Delivery Refiner) einem strengen Kodex über die Herkunft des Goldes, speziell was ein Verbot von Zukäufen aus Konfliktregionen angeht - und auch regelmäßigen Kontrollen sowie Qualitätsstichproben.

"Die Londoner LBMA hat als Handelsorganisation eine eigene Zertifizierung, die Vorgaben hinsichtlich international gültiger Vereinbarungen, EU-Verordnungen oder nationaler Gesetze enthält - oder eben auch von Sanktionen und Importverboten", erläutert Branchenkenner Tetzlaff. Die Teilnehmer müssten ihre Einhaltung gewährleisten - zum Beispiel, dass sie kein Gold aus Konfliktregionen oder zweifelhafter Herkunft anbieten. "Eigentlich dürfen Scheideanstalten, die in London handeln, damit auch keine russischen Barren einschmelzen." Wer es dennoch tut, riskiert für das Umschmelzen seinen "Good Delivery"-Status - und damit ein Handelsverbot. Denn die Auditing-Kontrolle kann - wie ein TÜV - Nachweise verlangen, woher das Gold stammt.

Zugleich kann der Westen nicht den internationalen Goldmarkt kontrollieren oder verhindern, dass russische Barren künftig über Umwege ins westliche Finanzsystem gelangen. Es gibt noch andere Spieler und nicht unwichtige Handelsplätze oder Großabnehmer - auch in Staaten, die von Sanktionen gegen Moskau wenig halten. Zu ihnen gehören in jedem Fall Indien und China, aber auch Dubai, die Vereinigten Arabischen Emirate und die Türkei. Russland kann das Handelsverbot damit umgehen, sagt Tetzlaff. "Gold ist ein austauschbares Gut und kann global auch auf anderen Märkten wie Indien und China gehandelt werden. Und das passiert auch. Diese Staaten sind bereits Handelspartner Russlands bei Gold."

Produzenten beleben Exportkanäle nach Asien wieder

US-Außenminister Antony Blinken unterstrich, das gelbe Edelmetall sei Russlands "zweitprofitabelstes Exportgut nach Energie". Das ukrainische Präsidialamt bestärkt ihn darin: Westliche Importverbote würden Russland jährlich 19 Milliarden Dollar kosten. Welche Einnahmen damit genau dem Kreml entgehen, bleibt jedoch unklar. Sicher ist: Russland lieferte 2021 den Großteil der eigenen Produktion nach Großbritannien und in die Schweiz. Nach Angaben des russischen Zolls waren ebenso Kasachstan, Indien, Belarus und die Türkei wichtige Abnehmer der edlen Barren.

Vor Indien ist außerdem China der weltgrößte Abnehmer von Gold - mit knapp 960 Tonnen Nachfrage nach Goldbarren, - münzen und -schmuck 2021, so ein Ranking des Internationalen Währungsfonds (IWF) und des World Gold Council (WGC). Dessen Zahlen zeigen auch, dass 2021 bereits der größte Teil der globalen Goldproduktion in die Schmuckherstellung ging, während im Jahr zuvor noch mehrheitlich Anleger die Barren kauften. Denkt man an die unzähligen Geschmeidehandlungen in China selbst und in den Chinatowns dieser Welt, dürfte sich die Frage nach russischer Herkunft im Goldschmuck erübrigen.

Dass russische Goldproduzenten sich bereits auf eine Belebung ihrer Exportkanäle nach Asien einstellen, wird ganz offen kommuniziert. Der Vorsitzende der russischen Goldproduzenten, Sergej Kaschuba, wird mit den Worten zitiert, man werde nur noch unorganisierte internationale Märkte beliefern, wo Rabatte erwünscht und die Risiken groß seien. Diese Märkte und Routen nach Asien mögen umständlicher zu erreichen sein und Preisabschläge kosten. Aber nachvollziehbar sind sie nicht, betonen westliche Analysten. Und die gehandelten Barren haben alle die gleiche Qualität.

Goldembargo eher Symbolpolitik

Auch die russische Zentralbank will nach einer Pause das heimische Edelmetall wieder im großen Stil aufkaufen - womöglich, um über eigene Kanäle die Devisenbestände aufzubessern. Viele Zentralbanken sind traditionell Großkunden in Russland, darunter auch die amerikanische Notenbank und auch die Zentralbank der Türkei. Goldreserven zu stärken, ist ein probates Mittel, um Währungsschwankungen zu stabilisieren. "Auch das ist ein großes Handelsvolumen", sagt Verbandsgeschäftsführer Tetzlaff.

Somit bleibt ein Goldembargo vom Wirkungsgrad weitgehend auf der Ebene der Symbolik. Es wird weder die Kriegskasse von Präsident Wladimir Putin merklich schmälern, noch wird es dem Westen selbst großen Schaden zufügen. Russlands knapp zehnprozentiger Anteil am Weltgoldmarkt wird nicht so spürbar fehlen wie Erdgas, Getreide oder Düngemittel. Da es global ein Überangebot gibt, betonen Analysten, sind Engpässe und preisliche Auswirkungen nicht zu befürchten. Und außerdem gilt der Boykott nur für neues russisches Gold. Alte Goldbarren, die vor der russischen Aggression im Umlauf waren, dürfen weiter gehandelt werden.

Quelle: ntv.de

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