Wirtschaft

Mobilitätskarte und fahrerlose Autos Grube will nicht mehr Lohnkutscher sein

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Viel digitaler Dampf: Bahn-Chef Grube gibt sich optimistisch.

(Foto: picture alliance / dpa)

Selbstfahrende Züge, Auto-Flotten ohne Fahrer, Allround-Tickets per App - Bahn-Chef Grube träumt von einem modernen "Mobilitätskonzern", der überall mitplant, wo und wie Menschen sich fortbewegen. Träumen ist erlaubt.

Es ist das andere, moderne Gesicht der Deutschen Bahn, das Bahn-Chef Rüdiger Grube präsentiert, wenn er über die Zukunft der Mobilität und die Rolle der Deutschen Bahn schwadroniert. Das Eisenbahnzeitalter mit viel Dampf und Qualm scheint Lichtjahre entfernt. Die Zukunft der Mobilität soll anders aussehen. Es geht mit Volldampf ins digitale Zeitalter.

In 20 Jahren wird es mehr Transportmöglichkeiten geben - autonomes Fahren wird eine große Rolle spielen. "Die Frage wird nicht mehr sein, nehme ich die Bahn, das Auto oder das Fahrrad", sagt Grube. Sondern: "Welche Kombination von Transportmitteln wähle ich für welche Route." Doch wer wird diese "multimodalen Lösungen" organisieren?

Grube fürchtet, von den digitalen Innovationen überrollt zu werden, wie er im Gespräch mit der "Wirtschaftswoche" verrät. "Meine größte Befürchtung ist, dass sich zwischen den Kunden und uns als Bahn eine digitale Plattform dazwischenschaltet, die mit uns gar nichts zu tun hat und den Buchungsprozess für unsere Kunden managt. Uns bliebe salopp gesagt, noch die Rolle des Lohnkutschers."

Das will er unbedingt verhindern. Es gebe keinen Bereich mehr, in dem nicht digitale Projekte realisiert würden, erklärt der Bahn-Chef. Bereits vor zwei Jahren startete der Konzern einen Reisewegplaner-App Qixxit, mit dem User ihren individuellen Reiseweg mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln planen können. Kunden, die hier suchen, wollen hier auch buchen, sagt Grube. Das nächste Projekt der Bahn.

Clever Shuttle ist ein weiteres Start-up, mit dem der Konzern in neue Bereiche vorstößt. Auf der letzten Reisemeile sollen Kunden künftig mit Elektrofahrzeugen ans Ziel gelangen. Testbetriebe laufen bereits in München und Leipzig. Im Schwarzwald gibt es Flinc. Hier werden Fahrzeuge in dünn besiedelte Gebiete geschickt, um Kunden zum Beispiel zum Bahnhof zu bringen. Alles mit einer Mobilitäts-App.

Autonome Autos - Schafft die Bahn sich ab?

Auch das automatisierte Fahren sei ein großes Projekt bei der Bahn, sagt Grube. Die Aufgaben des Lokführers und des Fahrdienstleisters sollen in Zukunft immer mehr verschmelzen. Züge könnten in ein bis zwei Jahrzehnten aus der Betriebszentrale gesteuert werden.

Wenn in Zukunft autonom fahrende Autos Reisezeit zur Qualitätszeit machen würden, so wie es die Bahn ihren Reisenden verspricht, dann müsse man auch hier reagieren und diese "mit ins Portfolio aufnehmen". "Wir arbeiten an Projekten und werden mit Sicherheit in Zukunft Flotten mit fahrerlosen Autos betreiben", führt Grube weiter aus.

Ein Auslaufmodell ist die Eisenbahn für ihn deshalb noch lange nicht. Bahn und selbstfahrende Autos werden in Zukunft vielmehr eine friedliche Koexistenz führen. Und das am besten unter einem unternehmerischen Dach, geht es nach dem Willen des Bahn-Chefs. "Die Bahn ist und bleibt das sicherste, schnellste, komfortabelste und effizienteste Transportmittel. Staus auf der Autobahn und in der Stadt bekommen sie auch mit Google-Autos nicht gelöst."

Doch noch sind selbstfahrende Autos Zukunftsmusik. Autonomes Fahren werde frühestens 2025 Standard, erklärt Grube. Voraussetzung sei der Mobilfunkstandard 5G der nächsten Generation, der frühestens 2021 komme. "Erst dann steht eine digitale Übertragungsrate zur Verfügung, die die Kommunikation von uns mit Autos ermöglichen wird".

Das neue Multi-Ticket

Wenn der mobile Mensch vom Bus auf die Bahn und dann aufs Elektrofahrrad umsteigt, dann soll er diese Route nicht nur über eine App planen, sondern in Zukunft auch bezahlen können. Am Ende des Monats gebe es eine Rechnung wie fürs Telefonieren. Diese Idee ist sogar für den Kooperationspartner Google interessant, denn sie besteht den "Zahnbürsten-Test". Damit ist gemeint, dass eine Geschäftsidee interessant ist, wenn Millionen Menschen das Produkt oder eine Dienstleistung mindestens zwei Mal am Tag benutzen. Die Bahn und Google kooperieren seit 2012. Wer in der Karten-App Google Maps nach den schnellsten Wegen sucht, findet neben Autorouten auch Zugverbindungen.

Das "next big thing" liegt für Grube jedoch fernab von Schiene und Straße. Der Bahn-Chef träumt davon, Gesprächspartner Videokonferenzen per Hologramm ins Besprechungszimmer beamen zu lassen. Das werde die Berufswelt verändern.

Doch alle diese Visionen sind teuer. Wichtig wäre jetzt, das nötige Geld dafür einzusammeln. Der Staatskonzern ist mit 17,5 Milliarden Euro verschuldet. Trotzdem plant die Bahn von 2016 bis 2020 Investitionen im Volumen von insgesamt 55 Milliarden Euro - davon 90 Prozent in Deutschland. 20 Milliarden Euro will die Bahn aus eigener Kraft stemmen. Wie, ist unklar. Grubes Pläne zur Kapitalbeschaffung durch die Börsengänge der Töchter Arriva und Schenker auf jeden Fall hat der Aufsichtsrat nicht durchgewunken. Der Bahn-Chef hatte auf finanzielle Spielräume gehofft, 4,5 Milliarden Euro sollten die IPOs in die Kasse spülen.

Quelle: ntv.de