Wirtschaft

Häufung von SelbsttötungenVerzweiflung unter Landwirten groß - "Kümmerer" sollen Suizide verhindern

04.04.2026, 07:04 Uhr Christina-LohnerVon Christina Lohner
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Stefan Leichenauer hat schwierige Zeiten durchlebt und will nun selbst helfen. (Foto: picture alliance/dpa)

Die Agrarminister fordern eine Untersuchung, wie es um die mentale Gesundheit der deutschen Bauern steht. Suizide erschüttern die Branche. Baden-Württemberg will auch direkt helfen.

Landwirten wird gern vorgeworfen, ständig zu jammern - über das Wetter, die Ernte, die Preise, komplizierte Vorschriften oder übertrieben kritische Verbraucher. Aktuell sind etwa die gestiegenen Kosten für Diesel und Dünger Anlass zu klagen. Doch zahlreiche Bäuerinnen und Bauern stehen tatsächlich unter enormem wirtschaftlichem, körperlichem und sozialem Druck.

Ist die Belastung sogar so groß, dass Landwirte ein erhöhtes Suizidrisiko haben? Studien aus dem Ausland zeigen eine höhere Suizidrate als in anderen Berufsgruppen. Die Agrarminister der Bundesländer fordern deshalb vom Bund eine Untersuchung zur mentalen Gesundheit von Landwirten in Deutschland.

Die Initiative kommt aus Baden-Württemberg, wo mehrere Suizide von Bauern in den vergangenen Jahren auch die Landesregierung aufgeschreckt haben. "Wir haben uns die Frage gestellt, ob im System etwas schiefläuft", sagt Landwirtschaftsminister Peter Hauk. "Es kann und darf nicht sein, dass es so weit kommt, dass sich jemand das Leben nimmt." Das Land wird auch selbst aktiv und will 350.000 Euro für Vertrauensleute bereitstellen. Fünf sogenannte Kümmerer sollen Ansprechpartner für verzweifelte Bauern werden.

Ohne Hoffnung sind offenbar viele: "Aus Erfahrung weiß ich: Jeder Landwirt kennt ungefähr drei andere Landwirte, die Suizid begangen haben", sagte etwa die auf Depressionen bei Bauern spezialisierte Psychotherapeutin Karen Hendrix dem "Tagesspiegel". Besonders groß ist der Hilfebedarf laut einer gerade veröffentlichten Studie - unter anderem von einer Arbeitsgruppe des Nationalen Suizidpräventionsprogramms - bei männlichen Landwirten, Betriebsleitern, in kleinen und mittelgroßen Betrieben sowie in der Tierhaltung.

Nie endende Arbeit, Regularien, obendrein am "Pranger"

In Frankreich wurde in der Landwirtschaft demnach eine um 20 bis 30 Prozent höhere Suizidrate als in der Allgemeinbevölkerung festgestellt, weltweit sogar um 50 bis 60 Prozent erhöhte Werte. Die EU-Agentur für Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz nennt als Risikofaktoren unter anderem die langen Arbeitszeiten und den ständigen "Bereitschaftsdienst", wodurch die Erholungsfähigkeit zusätzlich beeinträchtigt wird.

Wesentliche psychosoziale Risiken sind demnach auch der zunehmende regulatorische Druck und der damit verbundene Verwaltungsaufwand. Daneben belasten die finanzielle Unsicherheit und eine wachsende Entfremdung von der übrigen Gesellschaft. Landwirte erleben wachsende Vorurteile und Stigmatisierung. Eine Sprecherin des baden-württembergischen Landesbauernverbands berichtete beispielsweise von Mobbing gegen Kinder aus Bauernfamilien.

"Viele Landwirte oder auch Winzer leiden unter verschiedensten, sich teils widersprechenden Auflagen, etwa seitens der EU, und dem Gefühl, an allem schuld zu sein. Sie sitzen zwischen allen Stühlen, wollen es allen recht machen, können es aber oft nicht", sagt Minister Hauk. "Wir wollen mehr Verständnis für die Arbeit auf unseren Betrieben wecken, aber auch die Betriebe sensibilisieren, dass Beratung und Unterstützung kein Zeichen von Schwäche sind." Auslöser der Initiative waren demnach unterschiedliche Tierschutzfälle, bei denen Landwirte und auch Veterinäre an den Pranger gestellt wurden, ohne dass jemand gefragt habe, wie es dazu kam.

Rat und Nothilfe bei Suizid-Gefahr und Depressionen

  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Deutschlandweites Info-Telefon Depression, kostenfrei: 0800 33 44 5 33
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111)
  • Bei der Deutschen Depressionshilfe sind regionale Krisendienste und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der Deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige. Dort gibt es auch eine E-Mail-Beratung für Depressive.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Die neuen "Kümmerer" sollen auch auf Hinweis von außen, etwa von nahestehenden Personen oder Ämtern, aktiv werden. Landwirt Stefan Leichenauer soll die Vertrauensleute unterstützen. Er weiß, wovon er spricht, denn er hatte selbst einen Burn-out inklusive Suizidgedanken. Sowohl der Betrieb als auch die Ängste waren ihm über den Kopf gewachsen, sein Hof verlotterte. Doch der Bauer suchte sich Hilfe – und überlebte.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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