Wirtschaft

Halbleiterhersteller ohne Strom Kältewelle in USA verschärft Chip-Crunch

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Die Nachfrage nach Chips aus der Unterhaltungs- und Autobranche ist massiv gestiegen..

(Foto: via REUTERS)

Die Lage auf dem globalen Halbleitermarkt wird immer angespannter. Ein arktischer Wintersturm hat große Teile der USA fest im Griff. Weil die Stromversorgung zusammenbricht, müssen Chiphersteller in Texas ihre Werke runterfahren.

Die arktische Kälte in den Vereinigten Staaten, die bereits über 20 Menschen das Leben gekostet und Millionen Menschen von der Stromversorgung abgeschnitten hat, trifft die Halbleiterindustrie an einem empfindlichen Punkt. In dem vom Wintereinbruch am meisten betroffenen US-Bundesstaat Texas musste der lokale Energieversorger alle in Austin ansässigen Chiphersteller auffordern, die Produktion einzustellen, damit genügend Strom für die Gesundheitsversorgung übrigbleibt. In der Region haben sich wegen der niedrigen Unternehmenssteuern besonders viele Chipproduzenten angesiedelt.

Samsung Electronics
Samsung Electronics 82.500,00

NXP, einer der größten Lieferanten für Autokonzerne, legte zwei Werke in Austin still. Samsung, der zweitgrößte Halbleiterhersteller der Welt, und Infineon stellten ebenfalls die Produktion ein.

Der Zeitpunkt für die Drosselung der Produktion könnte nicht schlechter sein. Die Lage auf dem globalen Halbleitermarkt ist angespannt. Die Nachfrage nach Chips aus der Unterhaltungs- und Autobranche ist Ende vergangenen Jahres massiv angestiegen. Lockdown und Homeoffice haben die Umsätze nach Laptops auf den höchsten Stand seit zehn Jahren getrieben. Auch die Nachfrage nach Haushaltsgeräten, von Fernsehern bis hin zu Luftreinigern, ist deutlich gestiegen. Horten und Bunkern von Chips steht hoch im Kurs. Nicht zuletzt wegen der US-Sanktionen haben Unternehmen mit einer Lagerhaltung begonnen, die vorher so nicht üblich war. Viele Autohersteller klagen über Versorgungsprobleme.

NXP: "Mögliche Versorgungsengpässe"

NXP
NXP 151,60

Normalerweise laufen die Anlagen in Texas sieben Tage die Woche rund um die Uhr. In den USA werden zwar weitaus weniger Halbleiter hergestellt als in den großen Werken in Taiwan und Südkorea. Weil es aber immer schwieriger wird, die Nachfrage auf dem Weltmarkt mit Produkten aus Asien zu stillen, wächst auch die Bedeutung der US-Werke. NXP warnte seine Kunden bereits vor "möglichen Versorgungsengpässen". Samsung ließ wissen, dass es noch keinen Zeitplan gebe, wann die Produktion wieder anlaufen könne. Die hochkomplexe Fertigung - auch nur für kurze Zeit - zu unterbrechen, könnte den Unternehmen zudem Einbußen in Höhe von mehreren Millionen Dollar bescheren, schreibt die "Financial Times" (FT).

Die Stilllegung der Werke in den USA werde sich "zweifellos auf den bereits großen Mangel an Chips auswirken", zitiert die Zeitung einen Analysten des Marktforschungsinstituts Creative Strategies. Große Autobauer wie Volkswagen, Ford und Toyota haben ihre Produktion wegen des Komponentenmangels bereits gedrosselt. Zehntausende Autos hätten in China wegen der Lieferengpässe nicht verkauft werden können, teilte der China-Chef von Volkswagen, Stephan Wollenstein, diese Woche mit. Auch Daimler berichtet von Lieferengpässen. Das Geschäft werde darunter besonders in den ersten Monaten 2021 leiden, heißt es bei Vorlage der Jahreszahlen. Aktuell gehe man aber davon aus, dass das verlorene Produktionsvolumen bis zum Jahresende wieder aufgeholt werden könne.

Infineon
Infineon 35,02

Die Experten von IHS Markit schätzen, dass sich die Produktion von einer Million Fahrzeugen im ersten Quartal verzögern wird, potenzielle Umsätze von 61 Milliarden US-Dollar könnten dadurch in der Autobranche vernichtet werden. Noch viel größer dürften die Auswirkungen des Chip-Crunches für die deutlich größere Elektronikindustrie sein. Angefangen von Handys bis hin zu Spielekonsolen, überall werden Halbleiter verarbeitet. Die Engpässe dürften sich perspektivisch auch in höheren Preisen bemerkbar machen.

Hilferufe nach Taiwan

Der Engpass bei Halbleitern macht deutlich, in welch hohem Maße die Weltwirtschaft von Taiwan abhängig ist . Die Inselrepublik ist die Heimat des größten Halbleiterherstellers der Welt. Wenn Apple ultraschnelle Mikrochips braucht, wendet sich der iPhone-Hersteller an TSMC. Der zuverlässige Chip-Gigant aus Taiwan ist der unangefochtene Platzhirsch in der Branche. Nach dem deutschen Wirtschaftsminister Peter Altmaier wandte sich deshalb nun auch der Top-Wirtschaftsberater von US-Präsident Joe Biden, Brian Deese, mit einem Hilfeersuchen an die taiwanesische Regierung, wie Bloomberg schreibt. Wirtschaftsminister Wang Mei-hua soll geantwortet haben, er werde versuchen, die Engpässe zu beheben.

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Nicht nur Apple und die deutschen Autobauer würden das begrüßen. Auch die amerikanische Autoindustrie hält das Bemühen der Regierung für richtig und hofft auf eine Entspannung der Lage: Die Versorgungsschwierigkeiten würden im "ersten Halbjahr ein Problem sein", erklärte Matt Blunt, Präsident des American Automotive Policy Council, der sich für Ford, General Motors und Stellantis (ehemals Fiat Chrysler) einsetzt.

Perspektivisch suchen die Regierungen allerdings eine andere Lösung. Biden will die US-Industrie bei der Beschaffung von Halbleitern unabhängiger machen. Das ist auch das erklärte Ziel von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Im Dezember verständigten sie sich darauf, den Aufbau einer europäischen Chipindustrie zu beschleunigen.

Quelle: ntv.de