Wirtschaft

Das Ende des "perfekten Sturms"? Hanjin-Pleite lässt Frachtpreise steigen

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Die Containerschifffahrt in turbulentem Fahrwasser: Wann die Fracht der Hanjin Europe im Hamburger Hafen gelöscht wird, ist nicht bekannt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Pleite der koreanischen Großreederei Hanjin verschafft der dümpelnden Containerschifffahrt endlich etwas Luft: Ein paar Wochen mit weniger Konkurrenz und schon steigen die Preise. Beobachter warnen aber vor zu großen Erwartungen.

Der Niedergang von Hanjin Shipping ist ein Schock für Südkorea. Die Containerschifffahrt spielte in der auf Export ausgerichteten Wirtschaft seit Jahrzehnten eine große Rolle. Sie hat das Wachstum des Landes maßgeblich mitgetragen. Heute ist die siebtgrößte Reederei der Welt mit umgerechnet fast fünf Milliarden Euro verschuldet. Ende August musste sie Insolvenz anmelden.

Was für Südkorea eine regelrechte Implosion der Handelsschifffahrt bedeutet, ist für den Rest der Branche weltweit ein Segen. Jede Zuckung des Konkurrenten verfolgt sie mit Argusaugen. Mancher Reeder hofft auf den großen Befreiungsschlag für die seit Jahren unter den Überkapazitäten leidende Containerschifffahrt. Schon wenige Wochen Stillstand bei Hanjin reichten immerhin aus, um die Kassen nach sieben Jahren Krise zumindest ein bisschen zum Klingeln zu bringen.

Wie aus Daten der Schifffahrtsbörse in Schanghai hervorgeht, erhöhten sich die Frachtraten für den Containertransport zwischen Asien und Nordeuropa allein in der ersten Woche nach dem Konkurs um fast 40 Prozent, auf dem Pazifik im Frachtverkehr zwischen Asien und den USA sogar um mehr als 50 Prozent. Auf den Routen zwischen Asien und dem Mittelmeer sowie zwischen Asien und Nahost werden ähnliche Preisanstiege verzeichnet.

Hanjin ist zwar ein kleinerer Player im Schifffahrtsmarkt. Die Weltflotte umfasst 6000 Containerschiffe mit insgesamt 16 Millionen Standardcontainern. Hanjin hält daran lediglich einen Anteil von rund einer halben Million. Aber in den Fahrtgebieten, in denen die Koreaner aktiv sind, bedeutet der Ausfall der Schiffe dennoch einen spürbaren Rückgang der Kapazitäten. Die vorübergehende Marktbereinigung kommt den Konkurrenten in Form höherer Frachtraten deutlich zugute.

Ob dieser Trend von Dauer sein wird, bezweifeln Experten jedoch. Die Hanjin-Schiffe gehören zum Teil Charterreedereien, wie zum Beispiel dem Hamburger Haus Peter Döhle. Sie werden ihre festgesetzten Schiffe zurückbekommen und auf dem Markt erneut zur Vercharterung anbieten. Schiffe im Besitz von Hanjin dürften laut Schifffahrtsexperten verkauft werden. Auch sie werden danach - unter der Flagge der neuen Besitzer - wieder in See stechen.

Überkapazitäten bleiben

Eine Branchenanalyse des weltweit führenden Kreditversicherers Euler Hermes geht davon aus, dass hohe Verluste bei den Reedereien, steigende Risiken und Insolvenzen das Bild in der internationalen Schifffahrt auch ohne den Konkurrenten Hanjin bestimmen werden. Zwischen Januar und Mai 2016 seien die Insolvenzen in der Branche im Vergleich zum Vorjahr um mehr als zehn Prozent gestiegen. Ron van het Hof, der Chef von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz, nennt es einen "fast perfekten Sturm".

Die Containerschifffahrt stecke in ihrer größten Krise, ein Ende der Konsolidierung sei nicht in Sicht, meint der Versicherer. Der Wert des Welthandels werde im laufenden Jahr - in US-Dollar gerechnet - um zwei Prozent schrumpfen, nach einem Rückgang um zehn Prozent im Vorjahr. Außerdem würden noch Riesen-Containerschiffe ausgeliefert, die zu den Boomzeiten der Branche bestellt wurden. Das dürfte die Überkapazitäten noch weiter vergrößern. Eine Pleite von Hanjin wäre damit nur der Anfang der nötigen Marktbreinigung.

Zwischenzeitlich hat sich die Lage bei Hanjin allerdings etwas entspannt. Gute Nachrichten kommen unter anderem aus den USA. Nachdem ein Konkursgericht in den USA den Südkoreanern in der vergangenen Woche vorläufig Gläubigerschutz gewährt hat, werden seit Tagen festsitzende Schiffe nun endlich entladen. Die "Hanjin Greece" habe den Hafen von Long Beach (Bundesstaat Kalifornien) bereits wieder verlassen, teilte eine Sprecherin in Seoul mit. Noch im Laufe des Tages sollte am selben Terminal die "Hanjin Gdynia" anlegen, zwei weitere Schiffe seien bereits in Warteposition, heißt es.

Nach Aussage der Sprecherin hat Hanjin noch insgesamt 93 Frachter auf offener See. Häfen verweigern den Schiffen vielfach den Zugang aus Angst, nicht bezahlt zu werden. Zudem wurden einige angelandete Schiffe bereits von Gläubigern beschlagnahmt. Frachtgut im Wert von 14 Milliarden Dollar sitzt angeblich fest. Neben dem Hafen in den USA können die Hanjin-Schiffe nun immerhin auch Japan und Großbritannien ansteuern, ohne befürchten zu müssen, samt Ladung gepfändet zu werden. Angaben dazu, wie viele Schiffe dort gelöscht werden, gibt es allerdings noch nicht.

Finanzspritze von der Mutter

Auch eine kleine Finanzhilfe konnte sich die schlingernde Reederei sichern. Eine entsprechende Forderung eines Gerichts bei den Gläubigern war auf Widerstand gestoßen. Dafür kündigte jetzt der Chef der Hanjin-Gruppe an, der Reederei des Konzerns mit einer Geldspritze von 40 Milliarden südkoreanische Won - umgerechnet rund 32 Millionen Euro - unter die Arme zu greifen.

Die Zahlung soll Teil der von der Muttergesellschaft bereits zugesagten Finanzhilfen über 100 Milliarden Won sein. Wie die Unternehmenssprecherin hinzufügte, hat auch Chos Vorgänger, Choi Eun-young, zehn Milliarden Won in Aussicht gestellt.

Hanjin Shipping muss dem zuständigen Gericht in Seoul bis zum 25. November einen Sanierungsplan vorlegen. Auf der Grundlage soll dann entschieden werden, ob das Unternehmen sein Geschäft fortführen darf. Mit Blick auf die Haltung der Regierung scheint es dabei aber vor allem darum zu gehen, Hanjin mehr Zeit für eine geordnete Abwicklung einzuräumen.

Zumindest die großen Containerreedereien wie Moeller-Maersk spekulieren darauf. Sie sind bereits in die Spur gegangen, die durch eine Hanjin-Pleite frei werdenden Marktanteile zu erobern. Ihre Verhandlungsposition wäre ohne Hanjin auf jeden Fall besser. Sie kündigten bereits an, die Frachtraten auf wichtigen Handelslinien von Asien in die USA und Europa ab September anheben zu wollen.

Quelle: ntv.de, ddi/dpa/DJ

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