Wirtschaft
Ein Mann schreit bei einem Hunger-Protest in Caracas, Venezuela.
Ein Mann schreit bei einem Hunger-Protest in Caracas, Venezuela.(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 15. Juni 2016

"Wir wollen essen!": Hunger-Aufstände erschüttern Venezuela

Von Hannes Vogel

Die Wirtschaftskrise in Venezuela erreicht immer erschreckendere Ausmaße: Die Inflation galoppiert. Der Strom wird rationiert. In den Krankenhäusern sterben Babys. Und nun werden bei Hunger-Protesten mindestens vier Menschen getötet.

"Kapitalismus ist der Weg des Teufels und der Ausbeutung. Nur der Sozialismus kann wirklich eine echte Gesellschaft erschaffen", sagte Venezuelas damaliger Präsident Hugo Chavez 2006. Der Ölpreis lag bei fast 80 Dollar und Chavez' Traum vom "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" ließ sich leicht finanzieren: Venezuela ist das ölreichste Land der Welt. Der frühere Oberstleutnant verstaatlichte die wichtigsten Betriebe und verteilte die Einnahmen der Ölgesellschaft PDVSA mit vollen Händen im Volk. Bolivarische Missionen errichteten tausende kostenlose Krankenhäuser, der Staat subventionierte Sprit und Essen, die Armutsquote sank.

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Inzwischen sind die Ölpreise abgestürzt. Und Venezuela versinkt trotz seines gigantischen Reichtums mit den gefallenen Preisen in Chaos und Anarchie. Nach 17 Jahren unter den "Chavistas" ist Venezuelas sozialistischer Traum geplatzt. Chavez ist tot, sein Nachfolger Nicolás Maduro klammert sich an die Macht. Im Land herrscht Ausnahmezustand. Die Regierung hat Stromsperrungen verhängt, trotzdem fällt er regelmäßig aus. Die "New York Times" berichtete im Mai von den katastrophalen Zuständen in den Krankenhäusern. Medikamente und Blutkonserven sind knapp. Babys sterben regelmäßig.

"Wir haben Hunger"

Nun hat die Mangelwirtschaft solch erschreckende Ausmaße angenommen, dass es offenbar Hungeraufstände in dem Land gibt. "Wir wollen essen!", skandierten aufgebrachte Demonstranten am Dienstagabend im Armenviertel "23 de Enero" in der Hauptstadt Caracas. Sie forderten einen besseren Zugang zu Brot, Milch und anderen Grundnahrungsmitteln. Die Regale in den Supermärkten sind längst leer, überall gibt es lange Schlangen, besonders vor den Bäckereien. Der größte Lebensmittelproduzent Polar hatte schon im Mai gewarnt, man könne nur noch bis Ende des Monats Brot backen. In ihrer Not lauern die Menschen Lebensmittellastern auf und überfallen sie.

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Bei der Welle von Plünderungen und Gewalt sind in den vergangenen Tagen mehrere Menschen getötet worden. Am Dienstag wurde laut der Oppositionspolitikerin Milagros Paz ein Mann bei Protesten in der Küstenstadt Cumana erschossen. Weitere 27 seien verletzt worden. "Es war alles sehr verwirrend. Es gab gleichzeitig Plünderungen in verschiedenen Teilen der Stadt. Es wurden mehr als 100 Läden geplündert", sagte Paz. Auf Youtube-Videos ist zu sehen, wie hunderte Menschen Supermärkte und Läden stürmen.

Damit wären bei den Hungerprotesten allein in diesem Monat bereits vier Menschen gestorben. Eine 42-jährige Frau und zwei 21-jährige Männer waren bereits in der vergangenen Woche bei Protesten vor Läden in Caracas und in den Bundesstaaten Tachira und Sucre erschossen worden. Ein Polizist und ein Soldat wurden festgenommen. Bewaffnete Polizisten müssen mittlerweile die Supermärkte beschützen. Auch ohne die Hungerproteste ist Venezuela eines der gefährlichsten Länder der Welt. In keiner Stadt der Welt gibt es im Verhältnis zur Bevölkerungszahl mehr Morde als in Caracas.

Tausche Windeln gegen Nudeln

Der Ausnahmezustand wird verschärft durch die desaströse Wirtschaftslage. Venezuela ist völlig von den Öleinnahmen abhängig. Öl ist faktisch das Einzige, was das Land produziert und exportiert. Im Gegenzug muss alles, was es braucht, importiert werden. Nirgendwo liegt deshalb die Inflation weltweit höher als in Venezuela. Der Regierung fehlt inzwischen sogar das Geld, um Geld zu drucken.

Weil es ohnehin faktisch wertlos geworden ist, kehren die Menschen zur Tauschwirtschaft zurück. Auf Whatsapp, Facebook und im Internet haben sich Gruppen gebildet, die den Handel organisieren. "Ich habe Windeln, tausche sie gegen ein Kilo Nudeln", heißt es dort. "Ich brauche Milch, egal zu welchem Preis, mein Baby hat keine mehr". Oder: "Ich tausche Shampoo gegen Mehl." Und: "Ich habe Mehl, ich tausche es gegen Damenbinden."

Die Hunger-Proteste werden inzwischen zunehmend zum Problem für Präsident Maduro. Die Opposition hat bereits mehr als eine Million Unterschriften für seine Absetzung gesammelt. Doch dem angestrebten Referendum will sich Maduro frühestens im kommenden Jahr stellen. Kommt es noch in diesem Jahr zur Abstimmung, müsste es bei einer Niederlage Maduros Neuwahlen geben. Wird Maduro dagegen erst im nächsten Jahr abgewählt, könnte einfach sein Stellvertreter die Geschäfte übernehmen.        

Quelle: n-tv.de

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