Wirtschaft

Milliardenloch durch Chipkrise Insider: VW produziert 800.000 Autos weniger

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Ein VW ID.3 im Autoturm der Gläsernen Manufaktur in Dresden.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

In der Corona-Krise ergibt sich ein weiteres globales Problem: akuter Halbleitermangel. Weltweit dürften mehrere Millionen Autos weniger gebaut werden als geplant. Interne Zahlen von VW dokumentieren das wachsende Ausmaß des Dramas. Derweil signalisiert Infineon Entwarnung in Malaysia.

Der Chipmangel macht den deutschen Autobauern immer stärker zu schaffen. Weil Halbleiter fehlen, mussten fast alle Hersteller bereits vorübergehend Betriebsstätten schließen und Zehntausende Beschäftigte in Kurzarbeit schicken. Interne Zahlen von Volkswagen sollen nun eine neue Dimension der Krise dokumentieren. Laut dem Wirtschaftsportal Business Insider rechnet der Dax-Konzern durch den Engpass mit einem Produktionsausfall von mehr als 800.000 Fahrzeugen in diesem Jahr. Bei einem durchschnittlichen Verkaufspreis von 30.000 Euro pro Fahrzeug entspricht das einem entgangenen Umsatz von 24 Milliarden Euro.

VW Vorzüge
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Der Wolfsburger Konzern hatte bereits zuvor Schwierigkeiten durch den Chipmangel eingeräumt, dabei aber keine konkreten Angaben über mögliche zu erwartende Belastungen gemacht. Auch die jetzigen Zahlen wollte ein Sprecher nicht kommentieren. Das Unternehmen habe bereits in der Vergangenheit deutlich gemacht, dass die Engpässe bei Chips zu einer sechsstelligen Anzahl von nicht produzierten Fahrzeugen geführt habe, hieß es. Darüber hinausgehende Zahlen kommentiere man nicht.

Ferner wies der Konzern darauf hin, dass "nicht produzierte Fahrzeuge" keinen Rückschluss auf die Verkaufszahlen zuließen. Negative Einflüsse würden durch den "Abverkauf von Lagerfahrzeugen und andere Maßnahmen spürbar begrenzt". Ob dies auch in der zweiten Jahreshälfte gelingen werde, ließe sich allerdings derzeit "nicht verlässlich vorhersagen", räumte der Konzern ein. Trotz anhaltender Engpässe bei Halbleitern und voraussichtlicher Umsatzeinbußen will Volkswagen an seiner Jahresprognose festhalten. Die für den Konzern angekündigte Spanne einer operativen Marge von 5,5 bis sieben Prozent gelte nach wie vor, hieß es. Auch die Hauptmarke VW bleibe bei ihrer bisherigen Prognose von drei bis vier Prozent operativer Rendite für 2021.

Nicht nur Volkswagen ächzt unter dem Halbleitermangel, die gesamte Branche sucht händeringend Lösungen für die Nachschubprobleme. Volkswagen-Chef Herbert Diess hatte zuletzt erklärt, das Management sei mit Halbleiterkonzernen wie Infineon und Intel in Kontakt, um für die kommenden Jahre mehr Kapazitäten zu bekommen. Dafür seien Investitionen erforderlich, man arbeite an einem Plan. Bis die Versorgungsprobleme behoben seien, werde aber noch einige Zeit vergehen.

"Im Moment sind wir am tiefsten Punkt angekommen. Wir stehen vor den härtesten sechs Wochen", beschrieb es Volkswagens Einkaufschef Murat Aksel unlängst in einem Zeitungsinterview. Nach seinen Worten dürfte im dritten Quartal das Schlimmste überstanden sein. Gleichzeitig schränkte er ein, dass langfristig etwa zehn Prozent der Chips fehlten, weil weltweit nicht genug produziert werde.

Experten spekulieren über reale Kosten

Einer Studie der Unternehmensberatung Alix Partner zufolge dürften allein dieses Jahr wegen des Halbleitermangels 3,9 Millionen Fahrzeuge weltweit weniger gebaut werden als geplant. Wie stark die Verzögerungen dann in tatsächlichen Kosten münden, ist unter Experten jedoch umstritten. Die Fahrzeuge werden nicht gebaut, also müssen sie auch nicht auf Parkplätzen zwischengeparkt und später fertiggestellt werden. Es werden also keine zusätzlichen Kosten verursacht. Außerdem können die Autohersteller den Verdienstausfall teilweise dadurch ausgleichen, dass sie die Preise für die gebauten und verkauften Fahrzeuge stabiler halten als sonst.

Trotzdem schrillen bei den Wolfsburgern offenbar die Alarmglocken. Weil sie besonders viele Chips benötigt, steht bei Volkswagen vor allem die Marke VW im Feuer. Rund 600.000 der durch den Chipengpass erwarteten nicht produzierten Fahrzeuge entfallen nach Informationen von "Business Insider" auf VW-Pkw. Weil die Marke für ein Drittel des Konzernabsatzes steht und der prognostizierte Produktionsausfall so hoch sei, gerate nun auch Markenchef Ralf Brandstätter intern unter Druck, heißt es.

Der Chipengpass ist dabei zumindest teilweise ein hausgemachtes Problem der Autobauer. Wegen rückläufiger Absatzzahlen hatten sie zu Beginn der Corona-Pandemie Halbleiteraufträge storniert. Die Elektronikbranche nutzte die Chance, sich die frei werdenden Kapazitäten für die in der Lockdown-Situation wachsende Nachfrage bei Spielekonsolen und PCs zu sichern. Als die Nachfrage nach Autos dann doch schneller wieder stieg als erwartet, und VW, Daimler und Co wieder Interesse an Halbleitern anmeldeten, gab es nicht mehr genügend für alle. Erschwert wurde die Situation durch Naturkatastrophen, die zwei Chipfabriken in Japan und den USA zerstörten.

Entwarnung für Chip-Herstellung in Malaysia

Für Verunsicherung sorgten zuletzt Meldungen aus Malaysia, wo eine neue Corona-Welle unter anderem die Fabrik des deutschen Halbleiterherstellers Infineon, der auch ein wichtiger Zulieferer für die E-Autos von Volkswagen ist, in einen erneuten Lockdown-Zustand versetzt hat. Der verordnete Produktionsstopp im Juni könnte die angespannte Lage noch weiter verschlimmern, warnt der Business Insider. Diese Situation ist jedoch - zumindest vorerst - nicht eingetreten, wie Infineon ntv.de mitteilte. "Die Infineon-Standorte in Melaka und Kulim hatten den Status einer 'essenziellen Industrie' erhalten und konnten somit die Produktion grundsätzlich fortsetzen", sagte Infineon-Sprecher Gregor Rodehüser ntv.de.

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Diese Ausnahmeregelung der Regierung für die systemrelevante Chipindustrie sei zwar Anfang des Monats vom Gesundheitsministerium einkassiert worden, sodass der Standort in Melaka ab dem 3. Juni 2021 geschlossen werden musste. Nach zwei Tagen habe Infineon aber bereits wieder die Erlaubnis erhalten, "einige Produktionsblöcke zu öffnen und am 8. Juni alle acht Produktionsblöcke zu betreten und zu betreiben". Eine zusätzliche Verschärfung der Lieferengpässe konnte nach Unternehmensangaben damit vermieden werden.

"Die Werke von Infineon laufen auf Hochtouren", so Unternehmenssprecher Rodehüser. Das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage werde aber noch einige Quartale bestehen bleiben, "mit dem Risiko, dass es bis ins Jahr 2022 anhält". Wann sich die Situation verbessert, hänge in erster Linie davon ab, wie schnell die Auftragsfertiger in der Lage seien, neue Kapazitäten zu schaffen.

Quelle: ntv.de

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