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Dürre, Schädlinge, Stürme Ist der deutsche Wald noch zu retten?

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Vom Borkenkäfer befallene Fichten sind eine Gefahr für Wanderer und Radfahrer.

(Foto: picture alliance/dpa)

Abgebrochene Äste, entwurzelte Bäume, bedrohte Existenzen. Dem deutschen Wald geht es schlecht. Inzwischen sterben ganze Baumbestände großflächig ab. Das schadet nicht nur dem Ökosystem, sondern lässt auch viele private Waldbesitzer bangen.

Umweltschützer, Politiker, Waldbesitzer und Förster sind sich einig: Extreme Trockenheit und Schädlingsbefall setzen dem deutschen Wald zu. Im vergangenen Jahr sind bundesweit mehr als 100.000 Hektar Wald zerstört worden. Einige Experten sprechen sogar davon, dass ganze Baumbestände vor dem Kollaps stehen. "Der deutsche Wald hat so etwas seit Beginn der Wetteraufzeichnung noch nicht gesehen", sagt der Leiter des hessischen Forstamts Reinhardshagen Markus Ziegeler im Gespräch mit n-tv.de.

In Hessen sind nach Angaben der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald 15.000 Hektar Wald tot. Besonders beängstigend sei die Geschwindigkeit, mit der die Schäden zunähmen. Sturmschäden gefolgt von einem trockenen und sehr warmen Sommer mit wenig Niederschlag, haben ihre Spuren hinterlassen. "Der Boden, der eigentlich enorm viel Wasser speichern kann, ist völlig leer", sagt Ziegeler. "Die Bäume leiden massiv unter Trockenstress."

Auch bei Ziegeler im Reinhardswald weiten sich die baumfreien Flächen aus. Von dem 20.000 Hektar großen Gebiet sind aktuell ungefähr 2000 Hektar kahl. Abgebrochene Äste und entwurzelte Bäume treiben außerdem die Holzernte in die Höhe. Für die Waldbauern eine Katastrophe. Anstatt der sonst üblichen 130.000 Kubikmeter berichtet Ziegeler inzwischen schon von einer Million Kubikmeter, die dieses Jahr geerntet worden seien – und für einen Spottpreis verscherbelt würden.

Fast die Hälfte des deutschen Waldes ist in Privateigentum. Die Klimakrise im Wald bedroht damit nicht nur das Ökosystem, sondern auch die Existenzen vieler Waldbesitzer. Besonders Waldeigentümer mit wenigen Hektar bangen um ihr Vermögen. "Holz kann momentan im Durchschnitt gerade noch kostendeckend geerntet werden", sagt Ziegeler.

Klimawandel ist nicht allein Schuld

Die Bilder der dramatischen Baumschäden erinnern an das Waldsterben in den 1980er Jahren. Damals wurde befürchtet, dass der durch Luftverschmutzung verursachte sogenannte saure Regen das Land entwalden könnte. Inzwischen leidet der Wald unter klimabedingtem Umweltstress, anhaltender Trockenheit und ist dem Borkenkäfer schutzlos ausgeliefert. "Heutzutage ist der Wald Klimaretter und Klimaopfer zugleich", sagt Ziegeler. Einerseits sei der Wald wie kein anderes Ökosystem in der Lage, den CO2-Gehalt in der Atmosphäre zu reduzieren und damit die Erderwärmung zu begrenzen. Andererseits seien die Belastungen momentan so hoch, dass er damit nicht mehr hinterherkommt.

Doch an dem Waldsterben 2.0 sei nicht nur der Klimawandel schuld, sagen Kritiker. Die deutschen Wälder bestehen größten Teils aus Nadelbäumen wie der Fichte. Heimisch sind sie in Deutschland eigentlich nicht. Die Fichte ist vielmehr ein Baum der höheren Lagen mit flachen Wurzelsystemen in den oberen Bodenschichten. In langen Perioden ohne Niederschlag trocknen sie als erstes aus. Ein zusätzliches Problem: Ohne Wasser kann die Fichte kein Harz bilden. Das braucht sie aber dringend, um sich vor dem Borkenkäfer zu schützen.

Dürren und Stürme seien keine neuen Naturphänomene, argumentiert Förster und Autor Peter Wohlleben. "Durch den Klimawandel werden Probleme nur verschärft, die wir schon immer hatten", sagt er der "WirtschaftsWoche". Den Wäldern gehe es jetzt schlecht, weil die falschen Bäume gepflanzt worden seien. "Natürlich halten die Wetter-Extreme nicht so gut aus wie gesunde Wälder."

"Waldumbau ist eine Generationenaufgabe"

Die Entscheidung, nach dem Zweiten Weltkrieg mit großen Nadelholz-Monokulturen aufzuforsten, rächt sich jetzt. Die Wahl auf die Fichte fiel damals vor allem aus einem Grund: Sie wächst sehr schnell. Das war in der Nachkriegszeit wichtig, weil in sehr kurzer Zeit sehr viel Holz benötigt wurde. "Der Vorwurf, die Förster seien selbst schuld an ihrer Misere greift nicht nur zu kurz, sondern ist auch diffamierend", sagt Ziegeler. Mit Fichte lasse sich schlicht besser bauen als mit Buche – und darauf sei es nach 1945 angekommen.

Wie dem deutschen Wald in Zeiten des Klimawandels zu helfen ist, darüber will Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner gemeinsam mit den Forstministern der CDU auf einem Waldgipfel in der kommenden Woche beraten. Auf dem Plan stehen kurzfristige Hilfsprogramme zur Wiederaufforstung abgestorbener Waldflächen und eine langfristige Anpassung der Baumbestände an den Klimawandel. "Ein Waldumbau ist eine Generationenaufgabe" sagt Klöckner im Deutschlandfunk. Bei der Wahl geeigneter Baumarten müsse je nach Standort entschieden werden. Das Ziel seien standortangepasste, klimaresiliente Mischwälder. In Baumschulen stünden rund eine Milliarde Pflanzen bereit. Aus Sicht des Bundes könnten staatliche Hilfsprogramme von rund einer halben Milliarde Euro realistisch sein. Für die Unions-Forstminister viel zu wenig: Sie fordern vom Bund 800 Millionen Euro.

Deutschlands vielleicht bekanntester Förster Wohlleben setzt nicht viel Hoffnung auf diesen Gipfel. "Mir scheint, als stünden da überwiegend wirtschaftliche Interessen im Vordergrund", zitiert ihn die "WirtschaftsWoche". Das System fokussiere sich auf Holz und nicht auf Bäume. Auch der hessische Forstamtsleiter Ziegeler gibt zu bedenken: "Wenn nur Geld allein in den Wald gestreut wird, nutzt das nicht viel." Für den Wiederaufbau der Wälder seien zwar erhebliche Investitionen notwendig, es brauche aber auch geschulte Revierförster und Waldarbeiter. Personalengpässe und ein Einstellungsstopp in einigen Bundesländern erschweren die Situation. "Die Kollegen werden von den Ereignissen aktuell überrollt. Viele sind total fertig mit den Nerven", sagt er.

Klimastabiler Mischwald

In Reinhardswald haben Ziegeler und seine Kollegen in den vergangenen Jahren bereits im Schatten der robusten Altbäume aus der Nachkriegsaufforstung viele Buchen angebaut. Wenn man allerdings nur auf die Baumverteilung schaue, die sich in der Vergangenheit bewährt habe, hieße das noch lange nicht, dass das dem Klima der Zukunft tauge. "Wir wollen in unser Ökosystem deswegen auch Baumarten integrieren von denen wir wissen, dass sie mit dem prognostizierten Klima besser zurechtkommen." Der Dauerbrenner in der Diskussion: Die Douglasie. Sich aus klimatischen Gründen jetzt von der Fichte zu verabschieden und sie durch Douglasien zu ersetzen, wäre allerdings nicht sinnvoll, sagt Ziegeler. Die Kahlflächen die durch Sturm, Käferbefall oder Dürren entstanden sind, bekomme nur ein klimastabiler Mischwald in den Griff.

Denn die Klimaprognosen für die Zukunft sind unsicher. Erschwerend kommt hinzu: Investitionen, die heute getätigt werden, müssen die Rahmenbedingungen der nächsten 100 Jahre bedenken. Schließlich hat die Forstwirtschaft im Vergleich zur Landwirtschaft viel längere Produktionszeiträume.

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Quelle: n-tv.de

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