Wirtschaft

Kampf ums Überleben Jetzt rollt die Pleitewelle der Modehändler

Wolfram van Tongern betreibt in der Siegburger Innenstadt das Modegeschäft

Wolfram van Tongern betreibt in der Siegburger Innenstadt das Modegeschäft "Solo"

(Foto: privat)

Fast alle Geschäfte machen in der Corona-Krise minimal oder null Umsatz. Besonders hart trifft es die Fashion-Läden, die auf der Frühjahrsware sitzen bleiben. Der Filialist Appelrath Cüpper hat schon Insolvenz angemeldet. Weitere werden folgen. 

Der strahlend blaue Himmel dieser Tage lässt das Herz von Wolfram van Tongern nur mäßig höher schlagen. "Bei dem herrlichen Wetter hätten wir bombastische Umsätze gemacht", sagt der 48-Jährige. "Aber nun ist das wichtige Geschäft im März und April dahin." Van Tongern betreibt das Modegeschäft "Solo" in der Innenstadt von Siegburg, einen Katzensprung von der Galeria Kaufhof entfernt. Doch genauso wie in dem Kaufhaus geht im "Solo" momentan: nichts. Beide Einrichtungen sind bis auf Weiteres geschlossen. Und für beide gilt: Ob sie je wieder aufmachen, ist offen.

Van Tongern steht exemplarisch für Zehntausende kleine und mittlere Ladenbetreiber, die - abgesehen von den Supermärkten - unter der Corona-Krise leiden und ums Überleben kämpfen. Überall sind die Einnahmen auf einen Bruchteil der sonstigen Monate gesunken oder sogar auf null geschrumpft. Einige Händler machen noch ein bisschen Umsatz durch das Online-Geschäft, das bei den allermeisten kleinen Händlern nicht existiert und auch nicht im Handumdrehen aufgebaut werden kann, zumal es einiges kostet. "Das Geld hätte ich jetzt gar nicht", sagt van Tongern.

Die Modegeschäfte trifft es besonders hart. Denn für sie ist das Frühjahrs- ebenso wie das Weihnachtsgeschäft die gewinnträchtigste Zeit des Jahres. Nun bleiben sie auf der Ware sitzen, die kommenden März keiner mehr kaufen würde, weil dann andere Farben und Schnitte angesagt sind. Van Tongern befürchtet, "auf der gesamten Frühlings- und Übergangsware im Einkaufswert von rund 50.000 Euro" sitzen zu bleiben. "Oder ich verkaufe sie mit einem Verlust von 70 Prozent."

Nun lautet bundesweit die Devise: möglichst nicht pleitegehen. "Es geht für mich nur noch darum, liquide zu bleiben und meine vier Angestellten zu bezahlen - an einen Gewinn denke ich gar nicht erst", sagt der Siegburger. "Sollten die Läden ab Mai nicht wenigstens drei Tage in der Woche wieder auf haben, muss ich meinen Laden ganz schließen." Es sei denn, der Staat springe ihm zur Seite.

Die Uhr tickt

Auch der Einzelhandelsverband HDE richtet einen Hilferuf an die Politik. Sein Hauptgeschäftsführer Stefan Genth fordert von der Bundesregierung "erhebliche Nachbesserungen" beim Hilfspaket und die Maßnahmen auf Unternehmen mit mehr als zehn Beschäftigte auszuweiten. Ansonsten drohe eine Pleitewelle selbst unter alteingesessenen Schuh- und Bekleidungsfilialisten. "Unter den gegebenen Umständen halten viele Einzelhändler nicht länger als vier Wochen aus."

Schon vor der Corona-Krise hatte der Verband mit dem Ende von rund 50.000 Geschäften in naher Zukunft gerechnet, was die Debatte über eine Verödung der Stadtzentren als Folge des Booms beim Internethandel anheizte. Tatsächlich sehen manche Innenstädte trostlos aus, oft sind nur wenige Läden vermietet. Andere Areale wie der Berliner Kurfüstendamm erlebten dagegen eine Renaissance. Aber die Corona-Krise macht sowohl Revitalisierungen von Einkaufsstraßen als auch erfolgreiche Sanierungen angeschlagener Läden ein Stück weit zunichte.

Hamburgs Citymanagerin Brigitte Engler spricht von einem "Super-GAU". Schon die Ladenschließungen während des G20-Gipfels waren negativ zu Buche geschlagen - und die dauerten drei Tage. "Davon haben sich einige Geschäfte nur ganz schwer erholt", sagt Engler. Ihren Angaben zufolge erwirtschaften die Hamburger Einzelhandelsläden rund 11,6 Milliarden Euro im Jahr, wobei 1,7 Milliarden auf die Innenstadt entfallen. Selbst bei „umsichtiger und vorsichtiger“ Neuöffnung der Geschäfte würden "sich die Umsätze nur schwer wieder erholen. Wir gehen sogar noch im vierten Quartal 2020 von minus 20 Prozent aus" - trotz Weihnachten.

Die Pleitewelle rollt längst. Die Damenmode-Filialist Appelrath Cüpper, gegründet 1882, meldete Insolvenz in Eigenregie an. "Wir waren auf einem guten Weg. Super Januar, super Februar, Plan und Vorjahr bei weitem übertroffen", sagte Vorstandschef Lothar Schäfer dem Fachmagazin "Textilwirtschaft". Der Umsatz sei dann fast komplett eingebrochen. Appelrath Cüpper beschäftigt nach eigenen Angaben rund 1000 Mitarbeiter und macht etwa 110 Millionen Euro Umsatz im Jahr, zu 95 Prozent in seinen 16 Filialen. Weil es dem Unternehmen schon vor der Corona-Krise nicht sonderlich rosig ging, gab die staatliche KfW-Bank keinen Kredit.

Mieten werden zum Problem

Viele Läden versuchen, unterstützt von den Kommunen, Kunden an sich zu binden, um ihre Überlebenschancen zu erhöhen. Unter dem Motto "Solidarität schafft Liquidität" werden etwa in Lippstadt Gutscheine verkauft, die jetzt Geld in die Kassen spülen und später eingelöst werden können. Ähnliche Beispiele gibt es bundesweit dutzendfach. Experten sind sicher: Das hilft, aber reicht nicht.

Van Tongern hofft auf Rücksichtnahme seines Vermieters und der Hersteller der Ware, die er im "Solo" feilbietet. Ein Kredit komme für ihn nicht in Frage. "Die meisten Betroffenen im Einzelhandel sind ganz normale Leute wie ich, die von ihrem Laden leben und nicht mal soeben einen Kredit bei der KfW aufnehmen können. Es ist ja nicht so, dass ich jeden Monat 100.000 Euro Umsatz mache." Immerhin seien die Lieferanten kulant, sogar beim Stornieren. "Sie verschieben den Termin, ab dem ich die Ware zahlen muss, von 30 auf 60 Tage, oder geben mir satte Rabatte."

Enttäuscht zeigt sich der Modehändler von seinem Vermieter und der Politik, die Immobilienbesitzer nicht in die Pflicht nehme. "Es ist traurig, dass mein Vermieter zu keinem Zugeständnis bereit ist und die volle Summe will. Statt mir wenigstens die Hälfte der Miete zu erlassen, bietet er mir maximal eine Stundung an, was mich wegen der Zinsen nur noch mehr belasten würde". Der Immobilienbesitzer, der seinen Namen nicht genannt haben will, ist wiederum sauer, weil van Tongern ihn als "unsozialen Vermieter zu zeichnen" versuche, "was ungemessen ist, da ich mit anderen Mietern bereits einvernehmliche Lösungen gefunden habe".

Dieser Konflikt ist garantiert kein Einzelfall. Überall verhandeln oder streiten sich Hauseigentümer und Ladenbesitzer über das Ausmaß der Mieten. Theresa Weingarten, die bundesweit sechs Modehäuser für große Größen betreibt, bezeichnet eine Stundung als unzulänglich. "Ein derzeit gängiger Vorschlag scheint eine Teilung des Risikos zu 50 Prozent zu sein." Die Läden seien momentan eine Lagerfläche und müssten entsprechend bewertet werden. Der Hamburger Modehändler Harald Heldmann, der 13 Läden unter dem Namen "Classico" führt, rechnet mit einer zweiten Pleitewelle, "wenn der Handel die neue Herbstware und gleichzeitig die nun gestundeten Mieten zahlen muss". Van Tongern beschreibt den Teufelskreis so: "Falls ich nach dem Sommer Miete nachzahlen muss, habe ich kaum Geld zum Einkauf der Herbstware. Dabei wird es im Herbst ohnehin zu einer Preisschlacht kommen."

Quelle: ntv.de