Wirtschaft

Start in ungewisse Zukunft Beim siebten Mal soll's mit dem BER klappen

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Die Luftfahrt steckt in der tiefsten Krise der Nachkriegszeit. BER-Chef Engelbert Lütke Daldrup steht zu Recht nicht der Sinn nach großer Party.

(Foto: imago images/Matthias Koch)

Es wird ernst: Morgen will der BER nun wirklich eröffnen. Sechs Mal in neun Jahren musste der Starttermin gekippt werden. Also endlich ein Happy End? Der Hauptstadtflughafen ist fertig, aber von einem guten Ende kann keine Rede sein.

Es gab viele dunkle Momente in der Pannengeschichte des BER. Dieser aber dürfte der allerschwärzeste sein: Alles ist akribisch vorbereitet. In einer Nacht- und Nebelaktion sollen vom 2. auf den 3. Juni 2012 Flugzeuge, Mitarbeiter und Dienstleister vom Flughafen Tegel auf den neuen Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld umziehen. Die Einladungskarten für die große Eröffnungsparty am 3. Juni sind verschickt. Flugtickets mit dem Kürzel BER verkauft und gedruckt. Anfang Mai dann der Schock.

Vier Wochen vor der Eröffnung fällt den Verantwortlichen auf, dass es gravierende Probleme mit dem Brandschutz gibt. Der Termin wird abgesagt, es ist bereits das dritte Mal. Auf der Baustelle tun sich immer tiefere Abgründe auf: "Dass man nicht in der Lage ist, so ein Ding hinzukriegen oder rechtzeitig Alarm zu schlagen, dafür hat meine Fantasie bisher nicht ausgereicht", wütet der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Was zu dem Zeitpunkt keiner ahnt: In den Jahren danach wird noch viel mehr Fantasie nötig sein, um sich das ganze Ausmaß der Baukatastrophe auszumalen.

Den Startschuss dafür gibt damals im Sommer 2012 der Aufsichtsrat, als er im Affekt und aus Frust heraus Technik-Chef und Planer - samt 300 Ingenieuren und Architekten - feuert. BER-Architekt Meinhard von Gerkan warnt vor dem "totalen Chaos" und liegt richtig mit seiner Prophezeiung. Ohne die Unterlagen und Akten seines Büros stehen die Verantwortlichen plötzlich ziemlich ratlos da. Die Folge: Die Pannenserie reißt auf Jahre nicht ab und der BER muss drei weitere Eröffnungstermine kippen. So ein Fiasko soll es unter Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup, der das Projekt BER ab März 2017 leitet, unbedingt nicht noch einmal geben.

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Beim siebten Anlauf, am 31. Oktober 2020, soll es klappen - insgesamt achteinhalb Jahre nach dem ersten verpatzten Eröffnungstermin. Um Punkt 14 Uhr am Samstag werden - wenn nun wirklich nichts mehr dazwischenkommt - eine Lufthansa- und eine Easyjet-Maschine gleichzeitig auf den beiden Landebahnen aufsetzen und am neuen Terminal in Schönefeld andocken. Die ersten Starts absolvieren am darauffolgenden Tag Maschinen von Easyjet. Was lange währt, wird also doch noch gut?

Berlins derzeit Regierender Bürgermeister Michael Müller ist überzeugt, dass die Leidensgeschichte während des Baus bald vergessen sein wird. Vielleicht ist dem so, gut ist deshalb aber noch lange nichts. Die Luftfahrt hat sich durch das Coronavirus verändert. Der BER ist nun zwar endlich fertig, doch in der Pandemie fliegt jetzt kaum noch jemand. Fast wäre der BER deshalb kurz vor seiner Eröffnung sogar pleitegegangen. Nur mit einer schnellen Finanzspritze der Gesellschafter - die Länder Berlin und Brandenburg haben jeweils 37 Prozent Anteil, 26 Prozent hält der Bund - konnte diese Bruchlandung auf den letzten Metern vor der Eröffnung abwendet werden. Über die Jahre sind die Kosten für den Flughafen bereits auf gut sechs Milliarden Euro gestiegen, kalkuliert hatten die Planer mit zwei Milliarden. Für den Großteil kommt der Steuerzahler auf.

Flughafenchef Lütke Daldrup steht zu Recht nicht der Sinn nach einer großen Party in Berlin. Denn die Hängepartie geht weiter. Nach zahllosen Pleiten, viel Pech und Pannen - inklusive gigantischer Kostenexplosion, deren Ende noch gar nicht abzusehen ist - fliegt der BER schnurstracks in eine ungewisse Zukunft. Es ist die große Tragik zum Schluss.

Quelle: ntv.de