Wirtschaft

Bereit für den Corona-Winter? "Kampf wird nicht in den Kliniken gewonnen"

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Wir werden noch einige Zeit ohne Impfstoff mit Corona leben, prognostiziert der Ärztliche Direktor der Universitätsmedizin Essen, Jochen A. Werner. Der Kampf gegen die Pandemie wird seiner Meinung nach in der Gesellschaft gewonnen, nicht in den Krankenhäusern.

(Foto: picture alliance/dpa)

Das deutsche Gesundheitswesen hat in der Pandemie dazugelernt. Mit der Digitalisierung, die hinterherhinkt, und der veralteten Krankenhauslandschaft, die dringend eine neue Struktur braucht, gibt es zwar noch große Aufgaben zu lösen. Trotzdem seien die Krankenhäuser für eine mögliche neue Corona-Welle im Winter "gerüstet", wenn die Fallzahlen jetzt nicht explodierten, sagt der Chef der Universitätsmedizin Essen, Jochen A. Werner, ntv.de. Sorgen bereitet ihm etwas anderes: dass die Gesellschaft nicht genug auf das Impfprozedere vorbereitet sein könnte. Möglicherweise habe man nicht genug "Akzeptanz" vorbereitet, wer die Impfung "wann und warum bekommt".

ntv.de: Das Rennen um einen Impfstoff läuft auf Hochtouren. Werden Sie sich sofort impfen lassen, sobald es eine Notfallzulassung für einen Impfstoff gibt?

Jochen A. Werner: Selbstverständlich werde ich mich schnellstmöglich impfen lassen, wenn ein gemäß der gültigen und bewährten Kriterien entwickelter wirksamer und sicherer Impfstoff zur Verfügung steht. Darüber hinaus werde ich mich auch in diesem Jahr wiederum gegen Grippe impfen lassen - auch diese Prävention ist gerade vor dem Hintergrund noch ungeklärter Verstärkungsmechanismen mit dem Coronavirus ebenfalls sehr wichtig.

Wie gut wir durch diesen Winter kommen, hängt sehr an einem Impfstoff. Werden wir denn bald einen haben?

Diese Frage kann niemand seriös beantworten. Zurzeit sind viele Unternehmen mit Hochdruck und mit verschiedenen Verfahren dabei, einen Impfstoff zu entwickeln. Ich halte es für wahrscheinlich, dass wir irgendwann über mehrere Impfstoffe mit verschiedenen Wirkungsweisen verfügen. Das wäre auch gut so, um allen Menschen mit unterschiedlichen persönlichen und genetischen Dispositionen einen Zugang zur Impfung gegen Corona zu ermöglichen. Ich halte es aber eher für unwahrscheinlich, dass Impfstoffe bereits zur Wintersaison, die ja in wenigen Wochen beginnt, ausreichend getestet und vor allem auch in der erforderlichen Menge für eine relevante Anzahl von Menschen vorliegen. Hier reden wir ja zumindest im globalen Maßstab über Milliarden Einheiten an Impfdosen. Wir werden im realen Alltag also noch einige Zeit ohne Impfstoff mit Corona leben müssen. Umso wichtiger ist daher das Einhalten der AHA-Regeln - Abstand halten, Hygiene beachten und Alltagsmaske.

Müssen wir uns Sorgen machen, wenn der Impfstoff länger auf sich warten lässt?

Natürlich wird die Situation in vielen Bereichen nicht einfacher, wenn ein Impfstoff noch länger nicht verfügbar wäre. Große Sorgen müssten wir uns meiner Meinung nach vor allem dann machen, wenn wir die Kontrolle über das Virus verlieren und weltweit einschneidende Verwerfungen in Gesellschaft und Wirtschaft die Folge wären. Ich gehe auch weiterhin davon aus, dass der Kampf gegen Corona nicht in den Krankenhäusern, sondern in der Gesellschaft gewonnen wird. Besorgt bin ich darüber, ob wir nach unseren nicht unproblematischen Erfahrungen mit der Einführung von Masken und von Testungen ausreichend für den Beginn der Einführung von Impfungen vorbereitet sind und Akzeptanz vorbereitet haben, wer diese wann und warum bekommt und wie man mit der sich dann möglicherweise erneut formierenden Gruppe von Impfgegnern kommuniziert.

Wie lange wird es dauern, bis alle durchgeimpft sind?

Das ist schwer zu sagen und hängt maßgeblich von den zur Verfügung stehenden Impfstoffen ab. Ideal wäre es, wenn Impfstoffe verschiedener Firmen zur Verfügung stünden, weil dann auch die notwendige Menge an Impfdosen schneller hergestellt werden könnte. Aber sicher müssen wir, je nach Leistungsfähigkeit der staatlichen Gesundheitssysteme, mit mehreren Monaten rechnen.

Am Anfang der Corona-Pandemie waren Krankenhäuser teils heillos überfordert. Sind die Kliniken in Deutschland für eine mögliche neue Welle besser gerüstet?

Die Corona-Pandemie hat die Schwächen des deutschen Gesundheitssystems offengelegt, vor allem die mangelnde Digitalisierung. Aber auch unsere Stärken - motivierte und gut ausgebildete Pflegekräfte und Ärzte, eine gute Infrastruktur sowie der vergleichsweise hohe Anteil an Intensivbetten - sind deutlich geworden. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen sowie einem mittlerweile überwiegend unkritischen Bestand an Schutzmaterialien sind wir für steigende Fallzahlen gerüstet - wenn diese nicht explodieren.

Krankenhauszukunfts- gesetz

Das Krankenauszukunftsgesetz umfasst insgesamt die Summe von 4,3 Milliarden Euro, rechnet man die Beteiligung der Länder beziehungsweise Träger hinzu. Mit diesem Geld wird beim Bundesamt für Soziale Sicherung ein Krankenhauszukunftsfonds (KHZF) eingerichtet, über den von den Ländern diese Mittel abgerufen werden können. Für Universitätsklinika sind zehn Prozent der Gesamtsumme vorgesehen. Gefördert werden sollen Investitionen in moderne Notfallkapazitäten und eine bessere digitale Infrastruktur, zum Beispiel Patientenportale, elektronische Dokumentation von Pflege- und Behandlungsleistungen, digitales Medikationsmanagement, Maßnahmen zur IT-Sicherheit sowie sektorenübergreifende telemedizinische Netzwerkstrukturen. Auch erforderliche personelle Maßnahmen können durch den KHZF finanziert werden.

Vergangene Woche wurde das sogenannte Krankenhauszukunftsgesetz verabschiedet. Gut vier Milliarden Euro gibt es zu verteilen. Hilft das?

Aus meiner Sicht kann die Summe nur eine Anschubfinanzierung und ein Innovations-Beschleuniger sein, da der Investitionsbedarf für die grundlegende Digitalisierung des Gesundheitswesens definitiv deutlich höher ist. Die Politik mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat klar erkannt, dass wir bei der Digitalisierung auch im internationalen Vergleich einen großen Nachholbedarf haben. Insofern ist das Krankenhauszukunftsgesetz unzweifelhaft ein positives Signal, das aber auch deutlich macht, dass sich der Bund damit in die Krankenhausfinanzierung der Länder einbringt.

Wo sehen Sie Risiken im System?

Ich sehe die größte Gefahr darin, dass die eigentlich für Digitalisierung und Innovation vorgesehenen Gelder für das Bewahren tradierter Strukturen und für Besitzstandswahrung investiert werden. Denn auch die Kliniklandschaft muss sich mittelfristig ändern, hin zu größeren spezialisierten Einheiten, die komplexe Krankheitsfälle behandeln. Dass jeder alles macht, wie es heute häufig der Fall ist, limitiert nicht nur die medizinische Qualität, sondern behindert auch den digitalen Fortschritt, weil kleine Häuser viele Investitionen weder finanziell noch personell stemmen können.

Sie setzen auf Digitalisierung und Robotik im Pflegebereich. Damit sollen Zeit und Raum für menschenwürdige Pflege geschaffen werden. Wer aber garantiert, dass der Patient am Ende nicht nur noch von Robotern betreut wird?

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Prof. Dr. Jochen A. Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen.

Die Digitalisierung wird die Medizin nicht entseelen, sondern im Gegenteil viel menschlicher machen. Wir erkennen schon heute, dass insbesondere die Pflege durch die Einführung der Elektronischen Patientenakte von patientenfernen Tätigkeiten entlastet wird und sich langsam wieder Slots für mehr Zeit am Patienten auftun. Sie spüren sicherlich meine vorsichtige Formulierung, weil dies natürlich nur ein Ansatz zur Entlastung der Pflege sein kann. Beispielsweise müssen wir uns auch damit befassen, auf welche Dokumentationspflichten wir verzichten können. Und natürlich spricht auch nichts dagegen, perspektivisch beispielsweise Roboter einzusetzen, die die Pflegekräfte bei schweren körperlichen Arbeiten unterstützen oder Essensbestellungen aufnehmen, gerade wenn es keine die Pflege entlastenden Servicekräfte gibt.

Gibt es etwas auf Ihrer Wunschliste, das nicht unbedingt an Geld hängt?

Ja, und das wären Mut, Entschlossenheit und der Wille, Partikularinteressen hintenanzustellen. Die Medizin mit ihren divergierenden Einflussgruppen ist leider versiert darin, Projekte zu verhindern und zu zerreden. Die Digitalisierung in der Medizin wie in der Gesellschaft ist aber ein großes, übergreifendes, langfristiges und herausforderndes Projekt. Das werden wir nur schaffen, wenn wir die Egoismen überwinden und an einem Strang ziehen. Ich finde, die Orientierung am Wohl der Patienten sowie der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Krankenhäusern und nicht an den eigenen Interessen ist dabei die richtige Richtschnur. Und dann müssen wir noch den nächsten Schritt mitdenken: die notwendige Information und Schulung zu den mit der Digitalisierung verbundenen Veränderungen. Wir alle müssen intensiv am Thema Bildung mitarbeiten.

Mit Jochen A. Werner sprach Diana Dittmer

Quelle: ntv.de