Wirtschaft

Abhängig vom Erdöl Kanada ist auf einem schlammigen Weg

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Kanadas Premier Justin Trudeau

(Foto: REUTERS)

Bislang hat Kanada dem Verfall des Ölpreises getrotzt. Die Probleme sind allerdings nicht gelöst. Der populäre Regierungschef Justin Trudeau reagiert mit "altbewährten" Mitteln.

Nach einer kurzen Erholung gerät der kanadische Aktienmarkt wieder unter Druck. Der Leitindex S&P/TSX Composite Index hängt einmal mehr an der Entwicklung des Ölpreises. Er liegt daher um 65 Prozent unter dem 2014er-Hoch. Besonders die Ölsand-Industrie Kanadas leidet, gehört sie doch zu den Förderern mit den weltweit höchsten Kosten. Wegen des Verfalls des Ölpreises soll die kanadische Ölindustrie - mit Multis wie Encana, Cenovus Energy und Suncor Energy - im laufenden Jahr laut Schätzungen die Investitionen um ein Drittel kürzen und weiter kräftig Mitarbeiter abbauen.

Trotz der Krise im Ölsektor haben sich die kanadischen Bankaktien bislang bemerkenswert gut gehalten. Das könnte sich aber ändern. Während die US-Institute Rückstellungen in Höhe von fünf bis zehn Prozent gemessen am gesamten Kreditvolumen an die Ölindustrie gebildet haben, haben die kanadischen Banken - wie die Royal Bank of Canada - fast keinerlei Rückstellungen gebildet. Sollte sich die Notierung des Rohstoffs in den nächsten Monaten nicht kräftig erholen, könnte es bei den Banken zu den ersten Kreditausfällen kommen, was deren Aktien deutlich belasten sollte.

Da die Krise im Ölsektor so schnell nicht enden dürfte, sollte sie in den nächsten Monaten etliche andere Branchen belasten. Bislang haben vor allem die Verbraucher die Wirtschaft am Laufen gehalten, weil sie kräftig konsumiert haben. Das basiert allerdings nicht zuletzt auf einer massiven Schuldensause.

So haben sich die Schulden der privaten Haushalte gegenüber Anfang 2000 auf 1,9 Billionen kanadische Dollar (1,45 Billionen US-Dollar) verdreifacht. Entsprechend sind die Schulden auf 96,5 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung nach oben geschossen. Damit stehen die Kanadier noch tiefer in der Kreide als die US-Amerikaner, deren Verschuldung sich auf 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beläuft.

Zinsen vor dem Rückgang?

Die kanadische Notenbank hat klar gemacht, dass die Wirtschaft mehr als zwei Jahre brauchen wird, um sich von den Problemen, die der Verfall der Rohstoffpreise verursacht hat, zu erholen. Rohstoffe machten im vierten Quartal 2015 41 Prozent der Exporte des Landes aus. "Wir sind verhalten optimistisch, dass der Übergang weg von Rohstoffen hin zu einer nachhaltigeren Produktion weitergehen wird", sagte Dana Peterson, Volkswirtin bei der Citigroup. "Es gibt aber eine Menge Risiken."

Anders als in den USA dürfte der Chef der kanadischen Notenbank Stephen Poloz im aktuellen Umfeld die Zinsen von zuletzt 0,5 Prozent weiter senken, eine QE-Gelddruckrunde ist ebenfalls nicht ausgeschlossen. Damit wächst aber die Gefahr, dass die Immobilienblase in Kanada noch weiter aufgepumpt wird.

Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst bei CMC Markets, glaubt, dass Regierungschef Justin Trudeau weiter mit "altbewährten" Mitteln reagiert. "Bisher hat Trudeau die Neuverschuldung kräftig auf 29,2 Milliarden kanadische Dollar erhöht. Das Defizit für die kommenden sechs Jahre soll sich damit auf horrende 118,6 Milliarden summieren".

Laut Trudeau könne Kanada sich das erlauben, weil die Staatsschulden im internationalen Vergleich niedrig seien. Das stimmt aber nicht ganz. Zwar belaufen sich die Schulden auf Bundesebene auf lediglich etwas mehr als 50 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Inklusive der Verbindlichkeiten der anderen staatlichen Ebenen, liegen die Schulden aber bei rund 90 Prozent der Wirtschaftsleistung und damit praktisch auf dem gleichen Niveau wie in der Euro-Zone (91,6 Prozent).

Kanada hängt wie andere erdölexportierende Länder stark am Ölpreis, die Währung und Aktienmarkt fest im Griff haben. Die aktuellen Reaktionen an den Börsen zeigen, dass sich Kanada damit gar nicht so sehr von anderen unterscheidet, da derzeit auch in Europa oder den USA die Aktienmarktentwicklung sehr vom Ölpreis bestimmt wird.

Quelle: ntv.de

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