Wirtschaft

Nach Milliarden-Investitionen Kann Olympia Brasiliens Wirtschaft retten?

be9b692cd6cfa39402f0188cb7210d69.jpg

Die Freude über die Austragung der Olympischen Spiele hält sich bei den Brasilianern in Grenzen.

(Foto: imago/Bildbyran)

Brasilien steckt in einer der schwersten Rezession seit Jahrzehnten. Das Land hofft jedoch auf wirtschaftliche Impulse durch die Olympischen Spiele. Doch die dürften gering ausfallen, wie die Erfahrung zeigt.

Sportgroßereignisse wie Olympische Spiele und Fußballweltmeisterschaften sind mittlerweile mit gigantischen Kosten für die ausrichtenden Länder verbunden. In Erinnerung sind vielen noch die Winterspiele von Sotschi in Russland 2014: Mit umgerechnet 45,6 Milliarden Euro waren sie die teuersten aller Zeiten. Im Vergleich dazu kommen die olympischen Wettkämpfe dieses Jahr in Rio de Janeiro mit umgerechnet 10,7 Milliarden Euro relativ günstig daher. Auch im Vergleich zu den Spielen von London 2012, die mit 13,5 Milliarden Euro zu Buche schlugen.

Dennoch ist das ein Haufen Geld. Und Brasilien steckt dazu noch in einer schweren Rezession. Mittlerweile hat der Bundesstaat Rio sogar den Notstand ausgerufen, um finanziellen Spielraum für die Abwicklung der Spiele zu bekommen. Dabei wird bereits ein Großteil der Kosten für die Sommerspiele privat finanziert: durch Sponsoren, den TV-Einnahmen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Tickets und lizensierte Produkte. Für einen Anteil von umgerechnet 4,6 Milliarden Euro muss jedoch der Steuerzahler aufkommen.

Es gibt aber die Hoffnung, dass Olympia 2016 dem in wirtschaftliche Bedrängnis geratenen Land wieder in die Spur helfen könnte. Brasilien befindet sich derzeit in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren. In diesem Jahr soll das Bruttoinlandprodukt (BIP) laut der regionalen UN-Wirtschaftskommission Cepal um 3,5 Prozent schrumpfen. Im vergangenen Jahr waren es 3,8 Prozent. Rund 11 Millionen Brasilianer haben keine Arbeit.

Milliarden für Rios Infrastruktur

81760498.jpg

Umgerechnet fast zwei Milliarden Euro kostete die Errichtung der Olympiastätten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Gründe der gegenwärtigen Rezession hängen mit dem Verfall der Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt eng zusammen. Brasilien ist immer noch stark abhängig von dem Export seiner Rohstoffe. Hinzu kommen strukturelle Probleme: Der Staat spielt in Brasiliens Wirtschaft eine wesentliche Rolle, sei es mit der Finanzierung der armen Bevölkerung oder der Vergabe von Aufträgen an Großunternehmen. Dies geht jedoch zu Lasten von Wettbewerb und Produktivität. Und es fördert die Korruption – zutage getreten beim Petrobras-Skandal, in den auch führende Politiker verwickelt sind. Der Konzern selbst verzeichnete in der Folge einen Milliardenverlust.

Können die wegen den Olympischen Spielen getätigten Investitionen der Konjunktur neue Impulse verleihen? Umgerechnet werden schließlich fast sieben Milliarden Euro in die Infrastruktur Rio de Janeiros gesteckt – darunter in eine neue Stadtbahn, eine neue Metrolinie, die Reinigung der Gewässer und der Revitalisierung des Hafenviertels. Dazu kommen noch weiter knapp zwei Milliarden Euro für die Errichtung der Olympiastätten, darunter auch das Athletendorf, dessen 3604 Apartments als exklusiver Wohnkomplex  "Ilha Pura" (die reine Insel) im trendigen Stadtteil Barra da Tijuca nach den Spielen zu Höchstpreisen verkauft werden sollen.

Olympia hat zudem 85.000 temporäre Arbeitsplätze geschaffen, 2000 Zulieferfirmen Aufträge beschert, 46 neue Hotelbetriebe aus dem Boden gestampft. Das Wirtschaftsblatt Valor berichtet von einer Studie, der zufolge landesweit direkt oder indirekt mit den Spielen umgerechnet rund 21 Milliarden Euro umgesetzt werden.

81461525.jpg

Der Wohnkomplex "Ilha Pura" im Athletendorf - die Appartements sollen nach Ende der Spiele Höchstpreise erzielen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Ratingagentur Moody's bewertet die positiven wirtschaftlichen Effekte der Spiele allerdings als gering. Zwar profitiere die Stadt Rio de Janeiro von einigen bleibenden Verbesserungen in der Infrastruktur und einen zeitlich begrenzten Anstieg des Steueraufkommens, schrieb die Ratingagentur in einem Bericht im Mai. Die meisten Unternehmen würden durch die 350.000 erwarteten Besucher allerdings nur eine zeitlich begrenzte Absatzsteigerung erwarten können, die nach dem Ende der Spiele wieder abflaue. Für den Bankensektor mache die Kreditvergabe für die Bauprojekte nur einen kleinen Teil ihrer Bilanz aus, heißt es in der Studie. Und der Boom bei den Konstruktions- und Bau-Unternehmen sei mit der Fertigstellung der Anlagen bereits zu einem Ende gekommen.

Fußball-WM 2014 brachte keinen Tourismus-Boom

Auch der der US-Sportökonom Andrew Zimbalist hat in seinem 2015 veröffentlichten Werk "Circus Maximus" die wirtschaftlichen Effekte von sportlichen Großveranstaltungen wie Olympische Spiele und Fußballweltmeisterschaften unter die Lupe genommen - und keine Gewinne für die ausrichtenden Länder ausmachen können. Besonders jene Länder, in denen noch viele an nötiger Infrastruktur teuer erbaut werden muss, zahlen am Ende drauf. Den kurzfristigen wirtschaftlichen Zuwachs einer Fußball-WM oder Olympischen Spielen verortet Zimbalist bei umgerechnet 1,8 bis 4,5 Milliarden Euro.

Zudem kritisiert Zimbalist die vom IOC gepriesenen ökonomischen Langzeiteffekte der Spiele – wie etwa steigende Touristenzahlen, wachsenden Handel und Investitionen sowie steigende Immobilienpreise. Zum einen würden sich derartige Effekte erst nach Jahren oder sogar Jahrzehnten einstellen, schreibt Zimbalist. Zum anderen sei es aufgrund der Komplexität der Wirtschaft am Ende kaum nachweisbar, welche Effekte auf die Olympischen Spiele zurückzuführen seien.

Oft vom IOC gepriesen werden die positiven Auswirkungen der Spiele auf den Tourismus eines Landes – schließlich kann sich die ausrichtende Nation während der Wettkämpfe Milliarden von Fernsehzuschauern präsentieren. Allerdings verzeichneten sowohl Peking als auch London während der Olympischen Sommerspiele 2008 und 2012 einen Rückgang der Besucherzahlen im Vergleich zu den Vorjahren, mahnt Zimbalist. Auch in Brasilien gab es nach dem jüngsten sportlichen Großereignis, der Fußballweltmeisterschaft 2014, keinen messbaren Anstieg der Touristenzahlen. Dabei hat das Land sogar noch mehr Geld in die Ausrichtung der WM investiert als bei den Olympischen Spielen – umgerechnet 13,4 Milliarden Euro.

Quelle: ntv.de