Wirtschaft
Die Mehrheit der Kunden will öfter bargeldlos bezahlen können.
Die Mehrheit der Kunden will öfter bargeldlos bezahlen können.(Foto: picture alliance / Franziska Kra)
Donnerstag, 08. März 2018

Die Zukunft des Einzelhandels: Kassenloses Bezahlen macht Warten hinfällig

Von Juliane Kipper

In Österreich können Saturn-Kunden jetzt auf Geld oder EC-Karten verzichten. Die Elektrokette setzt in einer kassenlosen Filiale lieber auf eine App. Im Gespräch mit n-tv.de sagt Handelsexperte Berens warum das auch deutsche Händler unter Druck setzt.

Auf der Suche nach den restlichen Münzen kramt jemand eine gefühlte Ewigkeit im Portemonnaie. Ein anderer hat den Pin seiner Geldkarte vergessen. Beide Szenarien halten tagtäglich den Verkehr im Einzelhandel auf. Endlos lange Schlangen an den Kassen können einem den letzten Nerv rauben.

Der Elektrohändler Saturn macht mit diesem Phänomen jetzt Schluss und eröffnet heute in Innsbruck sein erstes Geschäft ohne Kassen, in dem Kunden Produkte mit dem Handy bezahlen. Dort können sie einfach das gewünschte Produkt aus dem Regal nehmen, scannen und in der "Saturn-Express-App" bezahlen - auch die Diebstahlsicherung für die gekaufte Ware wird mit diesem Prozess deaktiviert.

"Saturn setzt im Moment immer mehr auf Innovation und probiert sich gerne aus. Ich finde es sehr erfreulich, dass der Elektrohändler jetzt erstmalig in Europa mit einer kassenlosen Technologie startet", sagt Sascha Berens vom wissenschaftlichen Institut des Handels EHI Retail im Gespräch mit n-tv.de. Saturn Express an sich sei aktuell mit rund 900 Artikeln als Laden nicht besonders groß und auch die App-Entwicklung müsse nicht zwingend allzu teuer gewesen sein. "Es ist trotzdem ein tolles Pilotprojekt, weil wir so etwas weder in Deutschland, noch in Österreich zuvor gesehen haben."

Einzelhandel öffnet sich für neue Technologien

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Die App akzeptiert Zahlungen per Kreditkarte und PayPal. Kunden müssen sich für den Elektromarkt ohne Kassen im Google Play Store oder im Apple Store die App Herunterladen und sich einmalig registrieren. Für die Anmeldung fragt das Unternehmen E-Mail-Adresse, Vorname und Nachname ab. Die Anmeldung ist auch über ein aktives Facebook-Konto möglich. Bei der Umsetzung der Idee für den Bezahlvorgang wurde Saturn von dem britischen Startup MishiPay unterstützt.

"Wir sehen uns als Händler für Konsumenten in der digitalen Welt. Unser Ziel ist es, das beste und individuell passende Angebot mit erstklassigen Services, guter Beratung und mit innovativen Konzepten zu ermöglichen um in jeder Hinsicht den Bedürfnissen unserer Kunden zu entsprechen", erklärt Florian Gietl aus der Geschäftsführung von Saturn Österreich. Bei Saturn Express vereine man die Vorteile innovativer, digitaler Lösungen mit jenen des stationären Handels. Ob es bei dem Elektroriesen zu weiteren Shops ohne Kassen kommt, ist noch unklar.

Kassiererinnen und Kassierer braucht diese Filiale mit der Einführung der App zwar nicht mehr. Personal wird es in den Geschäften aber trotzdem noch geben. Auch in Zukunft sollen Fachberater Kunden bei Fragen zu Produkten und zum Bezahlen mittels Smartphone helfen. Mit diesem Schritt lässt Saturn andere Einzelhändler hinter sich. Denn durchgesetzt haben sich bis jetzt lediglich sogenannte Self-Scanning-Terminals, also Selbstbedienungskassen, an denen eigenhändig eingescannt und bezahlt werden kann.

Das EHI Retail Institute aus Köln hat im Februar dieses Jahres mit einer Studie einen Überblick zum Bestand und zur Entwicklung von Kassensystemen veröffentlicht und herausgefunden: Bereits mehr als jeder dritte Händler in Deutschland hat bereits Self-Checkout-Systeme im Einsatz. In zwei bis drei Jahren soll es jeder Zweite sein. Zu sogenannten Self-Checkout-Systemen zählen unter anderem Handscanner und Automatensysteme, die Wechselgeld ausgeben.

Der Einzelhandel öffnet sich damit für neue Technologien und passt sich den Bedürfnissen der Kunden an. Die EHI-Studie findet auch heraus: 62 Prozent der Kunden will öfter bargeldlos bezahlen können. Immerhin noch 44 Prozent wünschen sich eine bessere Organisation von Warteschlangen und 22 Prozent eine neue Organisation von Kassenbereichen.

Datenschutzrechtliche Sorgen stehen Fortschritt im Weg

Auch deswegen stehen deutsche Händler jetzt unter Druck. Laut EHI-Studie wollen 86 Prozent der Händler in den nächsten zwei Jahren ihre Kassensysteme erneuern. Dass der Bezahlvorgang moderner und effizienter gestaltet werden muss, zeigt auch das Alter der Systeme: Die meisten Kassen sind durchschnittlich 5,2 Jahre alt und laufen mit 7 Jahre alter Software.

"Die datenschutzrechtlichen Sorgen vieler Kunden stehen dem technologischen Fortschritt im Weg", sagt Berens. Die Deutschen seien sehr vorsichtig im Umgang mit ihren Daten und gerade wenn es um Self-Scanning-Terminals gehe, bedürfe es sehr viel Überredungskunst der Händler, Kunden an diese Terminals zu bekommen. "Viele Kunden möchten nämlich nicht, dass Kassenkräfte eingespart werden." Dabei haben viele Händler, die solche Technologien einsetzen, gar kein Kassenpersonal eingespart, sondern sogar ein zusätzliches Angebot für ihre Kunden geschaffen, um lange Schlangen in den Peak-Zeiten zu verhindern.

Einen Schritt weiter in puncto kassenloses Bezahlen ist Amazon. Bei Amazon Go in Seattle verrechnen Sensoren, Bewegungsmelder und Kameras in den Einkaufskörben die Ware. Beim Verlassen des Geschäfts bucht Amazon Go dann automatisch die fällige Summe vom Bankkonto ab. Sieht so auch die Zukunft in Deutschland aus? Schon allein aus Gründen des Datenschutzes zeigen sich Experten hierzulande skeptisch.

Quelle: n-tv.de