Wirtschaft

Kein VW-Werk in der Türkei? Diess enthüllt seinen Masterplan für Manisa

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VW-Chef Herbert Diess in Denker-Pose.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Pläne für das neue VW-Werk in der Türkei liegen seit Erdogans Offensive in Syrien auf Eis. "Neben dem Schlachtfeld" dürfen keine Fabriken gebaut werden, verkündet VW-Chef Diess. Ethische Interessen seien wichtiger als wirtschaftliche. Wirklich? Untätig ist er in der Region nicht, wie man an der VW-Tochter MAN sieht.

Das geplante neue türkische Werk nahe Izmir wird für VW-Chef Herbert Diess immer mehr zur Zerreißprobe. Er muss eine schwierige Entscheidung treffen: Soll er grünes Licht geben, obwohl die Türkei Krieg im Nachbarland Syrien führt? Genau deswegen hatte er die Pläne erst einmal auf Eis gelegt. Wie soll sich Volkswagen in der Frage positionieren? Wo hören unternehmerische Entscheidungen auf? Wo beginnt die ethische Korrektheit? Es ist die Quadratur des Kreises, an der er eigentlich nur scheitern kann. Vor allem, weil sein Plan, die Angelegenheit bis zum Jahresende auszusitzen, schon jetzt nicht aufgeht. Ruhigeres Fahrwasser, auf das der VW-Chef gehofft haben mag, ist nicht in Sicht. Inzwischen scheint auch Brüssel gewittert zu haben, dass der Konzern sich - entgegen der europäischen und deutschen Linie - noch nicht ganz vom Türkei-Projekt verabschiedet hat.

Für die EU-Kommission stehen zwar nicht die moralischen Bedenken wegen der türkischen Syrien-Offensive im Vordergrund, sondern die Subventionen, die Ankara im Gegenzug für die Milliarden-Investition aus Deutschland angeboten hat. Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager wirft der Türkei vor, sie darüber nicht unterrichtet zu haben. Doch damit gibt es nun ein weiteres Hindernis auf dem Weg an den genauso umstrittenen wie blühenden Investitionsstandort am Bosporus - als wäre die türkische Affäre nicht schon kompliziert genug. Diess steckt in der Klemme.

Will er unternehmerisch handeln, muss er grünes Licht geben. Will er politisch korrekt sein, muss er sich entschlossen von dem Türkei-Werk distanzieren. Diess hat sich bislang weder zu dem einen, noch zu dem anderen Schritt durchringen können. Die Entscheidung liegt bis Jahresende auf Eis. Dass Bulgarien noch als Alternativstandort infrage kommt, glauben die wenigsten. Zwar sind auch an diesem Standort die Personalkosten weitaus niedriger als in Deutschland. Dafür fehlt es aber an Infrastruktur und Fachkräften, die die Türkei reichlich zu bieten hat. Das wirft die Frage auf, wohin die Reise gehen soll, wenn nicht in die Türkei.

MAN: Ethisch korrekt oder Sünde?

Aus unternehmerischer Sicht braucht Diess entweder einen Plan C oder ein Hintertürchen. Zunächst einmal setzt er auf das Türchen. Die Türkei ist und bleibt ein Wirtschaftspartner. Dass ein Engagement trotz politischer Bedenken auch für Volkswagen immer noch möglich ist, beweist ein Deal in der Türkei, an dem der Konzern ebenfalls beteiligt ist. Nur wurde der von der Öffentlichkeit bisher kaum wahrgenommen.

Wenige Tage nachdem VW in der ersten Oktober-Woche das neue Werk in Manisa ins türkische Handelsregister hatte eintragen lassen, sicherte sich die VW-Tochter MAN im Stadtteil Akyurt in Ankara ein neues Investitionsgebiet. Der Nutzfahrzeughersteller produziert schon lange in der Türkei. In den späten 60er Jahren zunächst nur in Istanbul, seit den 1980er Jahren mit dem MAN-Motorenwerk dann auch in Ankara. Neben Motoren werden dort heute Busse gebaut. Volkswagen ist über den börsennotierten Nutzfahrzeug- und Bushersteller Traton mit knapp 95 Prozent beteiligt.

Am 4. Oktober, fünf Tage vor der Syrien-Offensive, feierte der türkische Industrie- und Technologieminister Mustafa Varank das Engagement von MAN bei einem Empfang in der deutschen Botschaft in Ankara. "Mit der Neuinvestition in Höhe von 452 Millionen türkischer Lira (umgerechnet gut 70 Millionen Euro) sollen 700 Arbeitsplätze geschaffen werden", lobte er in einer Rede. Auch der Ausbau des MAN-Standorts wird von Ankara subventioniert, erklärte Varank vergangene Woche vor deutschen Pressevertretern. "Deutsche Firmen bauen ihre Investitionen immer aus", stellte er zudem fest. Die Kritik hat sich bisher allerdings ausschließlich an dem neuen VW-Werk in Manisa entbrannt. Warum es keinen Aufschrei wegen MAN gibt, kann der ehemalige Berater des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan bis heute nicht verstehen. 

Diess hat somit gute Gründe, auf Zeit zu spielen und auf das Unmögliche zu hoffen. Dass er das Projekt noch verfolgt und jederzeit bereit ist, durch ein Hintertürchen in die Türkei zu schlüpfen, beweist auch ein Kommentar, den er vor zwei Tagen zur ethischen Verantwortung seines Unternehmens veröffentlicht hat.

"Wirtschaftsbeziehungen fördern Frieden und Freiheit"

Überschrieben ist der Artikel mit "The Essence of a Global Corporation", übersetzt "Das Wesen eines globalen Unternehmens". Diess unterstreicht hier das ethische Anliegen des Konzerns. Man sei überzeugt, "dass die Marktwirtschaft ihre ethische Grundlage verliert, wenn Unternehmen der Ansicht sind, dass das Völkerrecht und die Menschenrechte in der alleinigen Verantwortung der Regierungen liegen." Die Schlussfolgerung daraus lautet: "So lange Menschen getötet werden, legen wir keinen Grundstein neben dem Schlachtfeld." Ausnahmsweise wurde der Text direkt in Englisch verfasst, was nahelegt, dass Diess sich damit bewusst an ein internationales Publikum wenden wollte.

Soweit, so moralisch. Interessant ist dann aber der Schwenk in den folgenden Zeilen, in denen Diess die unternehmerische Verantwortung ins Gegenteil verkehrt: Die langfristigen wie die kurzfristigen Konsequenzen müssten "genauestens" berücksichtigt werden, schreibt er, um dann konkreter zu werden: "Ich bin überzeugt, dass internationaler Handel und enge wirtschaftliche Beziehungen Frieden, Wohlstand und Freiheit fördern." Nicht alle Länder teilten die Vision einer freien Demokratie. "Nur 4,5 Prozent der Weltbevölkerung leben in 'vollen Demokratien'", zitiert Diess den Economist Democracy Index, um dann abschließend zu fordern: "Wir müssen uns auch um die Entwicklungsaussichten der verbleibenden 95,5 Prozent kümmern."

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Mit anderen Worten: Unternehmen sollen oder müssen - nach seiner Lesart - sogar investieren, egal wo. Das SPD-regierte Niedersachsen, der größte Anteilseigner des Konzerns, sowie der Betriebsrat haben ihm mit der Forderung, keine gemeinsame Sache mit der Türkei zu machen, dabei allerdings einen Strich durch die Rechnung gemacht. MAN hatten beide wohl noch nicht auf dem Schirm.

Die große Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis ist unübersehbar. Die VW-Nutzfahrzeugtochter, die Alternativlosigkeit des türkischen Standorts sowie das ethische Selbstverständnis des Konzerns, das Diess in seinem Kommentar formuliert hat, zeigen, wohin die Reise gehen wird, sobald sich die Lage in Syrien etwas beruhigt hat. Bislang sieht es danach noch nicht aus. Erst am Donnerstag bestätigte das Verteidigungsministerium in Ankara einen Drohnenangriff in Nordsyrien. Der Standort von MAN in Ankara liegt rund 1400 Kilometer vom Schlachtfeld in den syrischen Kurdengebieten entfernt. Der ersehnte Standort für das neue VW-Werk in Manisa wäre sogar weiter weg.

Quelle: n-tv.de