Wirtschaft

Coronavirus bremst Weltfabrik "Keine Region lebt mehr isoliert"

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Kein Durchkommen: Auch diese Straße in Wuhan ist für den Verkehr gesperrt.

(Foto: REUTERS)

Mit Ausgangssperren, Reise- und Flugverboten versucht die chinesische Führung den Ausbruch des Coronavirus' in der Provinz Hubei einzudämmen. Der Plan scheint aufzugehen, nach wenigen Wochen haben sich die Infektionszahlen in China stabilisiert. Aber die drastischen Maßnahmen haben globale Konsequenzen: Die Krankheit legt schonungslos die weltweite Abhängigkeit der Industrie von China offen, erzählt Jens Eskelund im Interview mit ntv.de. Der Vizepräsident der Europäischen Handelskammer in China erklärt außerdem, warum China für Unternehmen attraktiv ist, obwohl es nicht mehr der günstigste Produktionsstandort ist, was aus Handelssicht aktuell eines der größten Probleme ist, und welche wichtige Frage sich viele Unternehmen nach dem Ausbruch stellen werden.

ntv.de: Sie leben seit 21 Jahren in China, haben also mitbekommen, wie der Handel zwischen der Volksrepublik und dem Rest der Welt Fahrt aufgenommen hat. Wieso belastet der Ausbruch einer Seuche in einer chinesischen Provinz die ganze Weltwirtschaft?

Wieder was gelernt

Das Interview mit Jens Eskelund gibt es auch zum Anhören, es ist für unseren "Wieder was gelernt"-Podcast entstanden. Die Ausgabe "Verzögert das Coronavirus das neue iPhone" finden Sie in der ntv-App, bei Audio NowApple Podcasts und Spotify. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Kopieren Sie die Feed-URL und fügen Sie "Wieder was gelernt" zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

Jens Eskelund: Was wir beim Coronavirus beobachten können, sind die globalen Abhängigkeiten. Es gibt keine Regionen oder Länder mehr, die isoliert leben. Das erkennt man bei einem Vergleich mit der letzten großen Pandemie in Asien, dem Sars-Ausbruch 2003. Damals ist China gerade Mitglied der Welthandelsorganisation WTO geworden und war für 8 Prozent der weltweiten Exporte verantwortlich, 2018 waren es 19 Prozent – Chinas Anteil an den weltweiten Exporten hat sich mehr als verdoppelt. Wenn man bedenkt, dass China heute sehr viel häufiger als Zwischenhändler fungiert und Unternehmen auf die Produkte für die Endfertigung angewiesen sind, dann hat das offensichtlich große Auswirkungen.

Haben Sie ein Beispiel?

Mit das bekannteste Beispiel ist die Automobilbranche. Koreanische, US-amerikanische und europäische Hersteller können wegen des Coronavirus' nicht mit voller Kraft produzieren, weil ihnen Teile aus China fehlen.

Warum ist ausgerechnet China so gut in der Fabrikherstellung?

Für China spricht die Größe, die Infrastruktur, wettbewerbsfähige Preise, die zumindest bis vor kurzem ständig wachsende Produktivität und die leistungsstarken Forschungsnetzwerke. Das gibt es so sonst nirgendwo auf der Welt. Wenn man all diese Faktoren betrachtet, ist China für die meisten Unternehmen unheimlich attraktiv – auch wenn es nicht mehr der günstigste Produktionsstandort ist.

Was meinen Sie mit "Größe"?

China ist in einigen Bereichen so groß geworden, dass es ganze Industriezweige beeinflussen kann. Wir haben beispielsweise im Zusammenhang mit dem Handelskrieg herausgefunden, dass die Exporte von Südostasien in die USA um 40 Prozent steigen müssten, sollten die chinesischen Exporte in die Vereinigten Staaten um 10 Prozent zurückgehen. China hat eine Produktionsleistung erreicht, die kurzfristig unmöglich anderswo aufgefangen werden kann.

Schätzungsweise könnte der Ausbruch des Coronavirus' die Weltwirtschaft zwischen 90 und 270 Milliarden Dollar kosten – stimmen Sie zu?

Ich habe keine Ahnung. Ich weiß auch nicht, worauf diese Zahlen basieren. Die Situation ist in vielerlei Hinsicht neu und wir sollten vorsichtig damit sein, sie mit dem Sars-Ausbruch von 2003 zu vergleichen, weil die chinesische Wirtschaft damals viel kleiner war. Gleichzeitig konnten wir damals nach Sars bestaunen, wie sich die chinesische Wirtschaft innerhalb kürzester Zeit erholt und Wachstum geschaffen hat. Darauf können wir beim Coronavirus ebenfalls hoffen.

Sie sind also noch nicht überzeugt, dass das Coronavirus die Wirtschaft am Jahresende belasten wird?

Die Seuche belastet die Wirtschaft zweifellos, aber für konkrete Zahlen müssen Sie mit einem Wirtschaftswissenschaftler sprechen. Ich denke nur, es ist Zeit, darüber nachzudenken, welche Langzeitfolgen das Coronavirus haben könnte. Viele Unternehmen werden sich fragen, ob sie zu abhängig von China geworden sind und überlegen, ob sie ihre Produktionsketten für die Zukunft geografisch besser verteilen sollten. Das hören wir zumindest von einigen Mitgliedern der europäischen Handelskammer. Der Vollständigkeit halber möchte ich aber betonen, dass aktuell niemand dabei ist, China wegen des Virus zu verlassen.

Sind die Unternehmen denn zu abhängig von China?

Aus Perspektive des Risiko-Managements sollte man auf jeden Fall schauen, wie das eigene Risikoprofil aussieht. Was sind die Vorteile? Was die Risiken? Die chinesische Regierung ist sich aber bewusst, dass es solche Überlegungen gibt und als Handelskammer der EU haben wir auch einige Empfehlungen ausgesprochen, wie China ein attraktiver Produktionsstandort für europäische Unternehmen bleiben kann – zum Beispiel, in dem der Marktzugang erleichtert wird.

In Wuhan ist das Coronavirus zuerst ausgebrochen, die Metropole ist seit vier Wochen praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Anfang der Woche hat die Führung in Peking die ersten Reisebeschränkungen allerdings wieder aufgehoben. Haben wir das Schlimmste bereits hinter uns?

Das ist von Region zu Region unterschiedlich. Aus Handelssicht ist aktuell eines der größten Probleme, dass viele Hersteller ihre Produkte zu den Häfen fahren wollen, aber keine Lkw-Fahrer finden, weil die Lkw nicht zwischen diesen und jenen Provinzen verkehren dürfen. Viele Lkw-Fahrer sind über die chinesischen Neujahrsfeiertage nach Hause gefahren und kommen nun nicht zurück zu ihren Arbeitsstätten. Aber ja, einige Regionen – 6 von 31, soweit ich weiß – haben die Alarmstufe bereits gesenkt. Es wird aber noch dauern, bis die chinesische Regierung den Eindruck hat, die Lage sei unter Kontrolle. Nur wenige Fabriken produzieren auf ihrem normalen Level – auch, weil ihnen notwendige Produktionsmaterialen fehlen. Immerhin arbeiten die Häfen wieder normal.

Mit Jens Eskelund sprach Christian Herrmann

Quelle: ntv.de