Wirtschaft

IG Metall will mehr Geld und Teilzeit Keine falsche Bescheidenheit

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Die IG Metall will auf jeden Fall "Mehr".

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Vorstand IG Metall empfiehlt den 3,7 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie, ein Gehaltsplus von 5,5 Prozent und bessere Teilzeitmöglichkeiten zu fordern. Grund für Bescheidenheit sieht IG Metall-Vize Jörg Hofmann vor den Tarifverhandlungen, die im Januar beginnen, nicht. Die Zeichen in der Konjunktur stünden auf stabil oder auf Wachstum. Die Ertragslage in der Branche sei "hervorragend". Hofmann pocht zudem auf das Solidarprinzip. Auch wenn die Geschäftsentwicklungen in der Branche sehr unterschiedlich seien, dürfe man nicht in den Kategorien einzelner Berufsgruppen denken. Von Spartengewerkschaften und Partikularinteressen hält er nichts.

n-tv.de: Die Öffentlichkeit reagiert im Moment etwas genervt auf Gewerkschaften und ihre Arbeitskämpfe. Ist der Unmut der organisierten Arbeitnehmer nur gefühlt oder tatsächlich größer geworden?

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Jörg Hofmann, IG Metall-Vizechef

Jörg Hofmann: Es gibt eine Grundstimmung, dass es keine Gerechtigkeit im Land gibt. Das wurde im Kontext des GDL-Streiks bei der Bahn deutlich. Im Zuge einer Tarifbewegung kommen immer viele Emotionen hoch. Die Erwartungshaltungen sind hoch. Bei den Tarifrunden der Metall- und Elektronindustrie und anderen Hauptbranchen, wie der BCE, die auch gerade ihre Forderungen beschlossen hat, geht es jedoch nicht um kleine Gruppen, sondern um Millionen Erwerbstätige in Deutschland. Das sind zwei Szenarien, die ich nicht vergleichen würde.

Die IG Metall will ein kräftiges Gehaltsplus. Die Konjunkturaussichten sind dabei gar nicht so rosig. Wie rechtfertigen Sie Ihre Forderungen?

Wir beobachten die Konjunkturentwicklung sehr genau. Deshalb haben wir uns auch relativ spät auf die konkreten Zahlen festgelegt. Der Vorstand hat für die weiteren Beratungen innerhalb der IG Metall empfohlen, ein Forderungsvolumen von bis zu 5,5 Prozent zugrunde zu legen. Gegenüber den Prognosen aus dem Frühjahr 2014 gibt es eine scheinbare konjunkturelle Eintrübung. Aber die Wachstumsprognose im Herbstgutachten für 2015 von 1,2 Prozent ist immer noch ein stabiles Wachstum. Außerdem haben wir bei den Auftragseingängen im September nach der Sommerdelle auch schon wieder ein klares Zeichen nach oben festzustellen. Andere Indizes, vom Einkaufsmanager- bis zum Konsumentenindex, zeigen stabile und höhere Werte an. Es gibt keinen Grund zur Traurigkeit - insbesondere mit Blick auf die Ertragslage der Branche. Sie hat im ersten Halbjahr hervorragende Erträge erwirtschaftet. Unsere Forderung ist deshalb durchaus zumutbar.

Ist das eine Maximalforderung oder der kleinste gemeinsame Nenner? Es gibt IG Metall-Mitglieder, die sagen, dafür lohne es sich nicht, zu kämpfen.

Die Erwartungshaltung der Mitglieder ist immer: Je mehr desto besser. Das ist klar. Genauso machen die Arbeitgeber den Geldbeutel dicht, sobald sie das Wort Tariferhöhungen hören. Was wir brauchen, ist eine verlässliche Lohnpolitik. Und da haben sich unsere Grundprämissen bewährt. Wir orientieren uns an der Zielinflationsrate der EZB, an der mittelfristigen Produktivitätsentwicklung und daran, wie die Verteilungssituation in der Branche aussieht. Unsere Lohnpolitik war bisher erfolgreich. Es wurde Kaufkraft geschaffen. In den letzten 10 bis 12 Jahren ist die deutsche Metall- und Elektroindustrie zu einer der erfolgreichsten deutschen Branchen weltweit geworden. 

Aber die Geschäftsentwicklungen in der Metallbranche sind sehr unterschiedlich. Sie selbst haben jüngst in einem Interview von einem "Delta" bei den Zahlen gesprochen, das sie selten so gesehen haben. Kann eine große Gewerkschaft wie die IG Metall den unterschiedlichen Interessen gerecht werden?

Ja, weil wir nicht in partiellen Interessenlagen denken. Wir denken weder in den Interessenssituationen unterschiedlicher Berufsgruppen noch unterschiedlicher Teilbranchen. Wir haben die gesamtwirtschaftliche Entwicklung im Fokus. Sonst könnten wir gar keine einheitlichen Forderungen finden. Würden wir uns an der Automobilindustrie orientieren, wären wir weit über dem Forderungsvolumen, das wir jetzt zur Diskussion stellen. Es gibt auch Branchen, die strukturell gebeutelt sind. Oder Unternehmen, die gerade in Folge der Energiewende und der damit verbundenen Investitionsuntersicherheit schwache Auftragslagen haben. Das muss man alles unter ein Dach bringen. Das bedeutet für uns: weg von Einzel- hin zu einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtungsweise.

Was halten Sie von Spartengewerkschaften und dem von der Bundesregierung geplanten Tarifeinheitsgesetz?

Das sind zwei Fragen. Zum einen: Ich halte wenig von Gewerkschaften, die Einzelberufsgruppen vertreten, weil das dem Solidarprinzip von Tarifpolitik widerspricht. Grundgedanke des Solidarprinzips ist, dass die Starken die Schwachen unterstützen, wenn es darum geht, vernünftige Entgelte und Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Gleichwohl sind Spartengewerkschaften für einzelne Branchen ein Teil von gelebter Tarifpluralität und ein Faktor, mit dem man politisch umgehen muss. Dementgegen steht eine Spaltung von Belegschaften innerhalb eines Betriebs. Ich halte das, was jetzt angedacht ist, nämlich das Solidarprinzip zu stärken, nach dem Motto "ein Betrieb, ein Tarifvertrag", für richtig. Jetzt müssen wir allerdings abwarten, wie der konkrete Gesetzesvorschlag aussieht. Wir stehen auf jeden Fall zur Koalitionsfreiheit und wir stehen dazu, dass es keine Eingriffe in das Streikrecht geben darf.

Neben Lohnforderungen  hat die IG Metall auch qualitative Forderungen. Welche sind das?

Wir möchten angesichts des demografischen Wandels in den Betrieben und Belegschaftsstrukturen eine nachhaltige Arbeitspolitik sichern. Angesichts der technologischen Umbruchsituation - Stichwort Digitalisierung, Arbeitswelt Industrie 4.0 - wollen wir erste Eckpunkte setzen. Ein Punkt ist dabei der flexible Altersübergang. Hier müssen wir angesichts der aktuellen Rentengesetzgebung neu justieren. Wir zielen dabei nicht nur auf den frühen, sondern auch den abschlagsfreien Rentenzugang. Der eigentlich innovative Punkt ist aber die Bildungsteilzeit, weil sich die Tätigkeitsprofile in den nächsten Jahren dramatisch verändern werden. Um den Menschen Teilhabechancen zu geben, muss es den Anspruch und die Möglichkeiten geben, sich beruflich fort- und weiterzubilden. Nicht nur im Sinne von Anpassungsqualifikationen, sondern durch den Erwerb neuer berufsfachlicher Qualifikation, neuer Berufsbilder. Das möchten wir mit der Bildungsteilzeit organisieren.     

Bei VW wird parallel der neue Haustarifvertrag für die rund 100.000 Beschäftigten des Autokonzerns verhandelt. Stärkt das die Position der IG Metall?

VW ist immer näher an die Metall- und Elektroindustrie herangerückt. Sie liegen mit ihren Verhandlungen zeitlich einen Monat hinter der Metall- und Elektrobranche. Deswegen werden jetzt die Debatten über Forderungen und mögliche Forderungsinhalte parallel geführt.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die Beschäftigten in der Zukunft?

Die größten Herausforderungen sind gesund durch das Arbeitsleben zu kommen, das länger wird. Außerdem müssen die Beschäftigten so fit bleiben, dass sie die neuen Herausforderungen des technologischen Wandels bewältigen können und nicht an den Rand gedrängt werden. Die Frage, die sich stellt, ist eigentlich ganz simpel: Wie sieht gutes Arbeiten und gutes Leben in einer Gesellschaft aus, die ein hohes Wohlstandsniveau hat, das leider immer noch ziemlich ungleich verteilt ist?  

Mit Jörg Hofmann sprach Diana Dittmer.

Quelle: ntv.de