Krypto-Netzwerk unter VerdachtEin Todgeweihter lässt Mullah-Milliarden verschwinden

Über eigens entwickelte Kryptobörsen soll der Iran Milliarden an internationalen Sanktionen vorbeigeschleust haben. Die Spuren führen nach London: zu einer Frau, die es nicht gibt und einem Milliardär, den das Regime einst hinrichten wollte. Am Ende verrät ihn seine eigene Katze.
Die iranischen Revolutionsgarden sollen mehr als eine Milliarde Dollar über zwei Briefkastenfirmen in London verschoben haben: Die Kryptobörsen Zedcex und Zedxion stehen im Zentrum eines Geldwäschenetzwerks, dessen Verflechtungen beim iranischen Schattenregime enden. Jahrelang dürfte der Iran mithilfe von Kryptogeschäften Sanktionen umgangen und illegale Öleinnahmen verschleiert haben – denn eigentlich ist die Islamische Republik vom internationalen Zahlungsverkehr fast vollständig abgeschnitten.
Sogenannte Krypto-Forensiker des US-amerikanischen Analyseinstituts TRM Labs nahmen die gesamte Transaktionshistorie von Zedcex und Zedxion unter die Lupe und stellten fest, dass ein Großteil der Zahlungsströme an der gleichen Adresse endet. "Jede einzelne Transaktion ist öffentlich gespeichert und für jedermann einsehbar. Die schwierige Frage ist vielmehr, wer hinter den jeweiligen Wallets steckt – also hinter diesen digitalen Adressen, die sich am besten mit Kontonummern vergleichen lassen", erklärt Albert Quehenberger, ebenfalls Krypto-Forensiker, im Gespräch mit ntv.de.
Im Fall der Plattformen Zedcex und Zedxion konnten die Ermittler zwischenzeitlich mehr als 87 Prozent des Transaktionsvolumens den Revolutionsgarden zuweisen. Quehenberger zufolge dürften sie das vor allem an einem Schreiben an den stellvertretenden Direktor der iranischen Zentralbank festmachen. Das Dokument ist als streng vertraulich gekennzeichnet und offenbart einzelne Konten. "Es sind mehrere Listen an die Öffentlichkeit gedrungen, die die Kontoadressen eindeutig dem Regime zuordnen, mitsamt Stempel und Unterschrift", sagt der Krypto-Forensiker.
Vom Todestrakt zum Krypto-Kopf
Zedcex und Zedxion sind offiziell eingetragen im britischen Handelsregister, die Geschäftsführerin der Plattformen heißt angeblich Elisabeth Newman. Eine Recherche des Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) deckt jedoch auf, dass ihr Bild, das auf einer Webseite genutzt wird, aus einer Datenbank für Stockfotos stammt. In Wirklichkeit soll der berüchtigte iranische Finanzier Babak Sandschani die Strippen ziehen. Das Kuriose: Eigentlich sollte Sandschini gar nicht mehr am Leben sein.
Noch vor zehn Jahren zählte Babak Sandschani laut BBC zu den reichsten Männern Irans und führte mehr als 60 Unternehmen mit exzellenten politischen Verbindungen zu Ex-Präsident Mahmud Ahmadineschad. Mit dem Wechsel der Regierung im Jahr 2013 wurde Sandschani der Korruption beschuldigt und drei Jahre später wegen Veruntreuung von staatlichen Ölgeldern in Höhe von 2,7 Milliarden US-Dollar zum Tode verurteilt.
Der iranischen Justiz zufolge wurde er begnadigt, nachdem er den entstandenen Schaden beglichen und eine zusätzliche Strafe in Höhe eines Viertels der Summe an den Staat gezahlt hatte. Offiziell freigelassen wurde der inzwischen 51-jährige Multimilliardär erst im vergangenen Jahr. Laut Gefängnisakten, in die das OCCRP Einsicht hatte, war Sandschani jedoch möglicherweise bereits 2019 wieder auf freiem Fuß – zwei Jahre vor der Gründung seines Kryptonetzwerks.
Dafür spricht, dass Sandschani in den Metadaten eines Dokuments zu den Unternehmenszielen von Zedxion als Autor ausgewiesen wird. Geschrieben hat er das Werbe-Dossier bereits im September 2023, und damit lange vor seiner offiziellen Freilassung. Ein weiteres Eigentor: Sandschani präsentierte sich nach seiner Freilassung in den sozialen Medien wohl versehentlich vor einem Fernseher, auf dem die Zedcex-Website aufgerufen war.
Laut Daten der Internet-Registrierungsstellen ist mit Solmaz Bani ein ehemaliges iranisches Modell und offenbar die Geliebte von Sandschani für die Website verantwortlich. Zwar treten die beiden in den sozialen Medien nie gemeinsam auf, aber häufig am gleichen Ort. Inzwischen ist das Konto von Solmaz Bani gelöscht. Einer der letzten Posts soll laut OCCRP jedoch eine auffällig gemusterte Katze mit einem leuchtend violetten Glöckchen am Halsband gezeigt haben. Mehr als ein halbes Jahr zuvor hatte diese Katze mitsamt Glöckchen bereits ihren Auftritt auf dem offiziellen Telegram-Kanal von Zedxion. Sandschani und seine Geliebte sind tief verstrickt in die Geschäfte der illegalen Kryptobörsen, wie das Journalisten-Netzwerk beweist.
Sanktion adé im Handumdrehen
Mit dem Phantom von Newman an der Spitze und einem Firmensitz in Londons Bestlage entstand ein "Anstrich von westlicher Legitimität", stellen die OCCRP-Experten fest. Ein Vorteil, den das iranische Regime offenbar zu nutzen wusste. Denn seit Gründung der Plattformen hat der Westen zahlreiche Sanktionen gegen das iranische Regime und insbesondere die Revolutionsgarden verhängt. Damit ist der legale Export von iranischem Öl nahezu unmöglich, der internationale Zahlungsverkehr ist bereits seit 2018 erheblich eingeschränkt – fatal für ein Land, das auf einigen der weltweit größten Ölreserven sitzt.
Mithilfe der Plattformen konnte das Regime jedoch mutmaßlich illegale Öl-Einnahmen in Kryptowährungen umtauschen und anschließend anonym weiterleiten, ohne, dass die britischen Behörden sich daran gestört hätten. Warum auch – beide Firmen geben in ihren Geschäftsberichten bereits seit Jahren vor, inaktiv zu sein. Allein Ende 2024 sollen den Forensikern zufolge allerdings mehr als zehn Millionen Krypto-Dollar an die jemenitischen Huthi-Islamisten geflossen sein.
Quehenberger sieht darin keinen Einzelfall: "Viele Länder, die das Label ‘Schurkenstaat’ aufgedrückt bekommen haben, schaffen Vermögenswerte mithilfe von Kryptowährungen über die Grenzen", sagt der Forensiker. Alternativ gelinge das auch mittels einer "digitalen Wechselstube" – oftmals ohne Lizenz und Regulatorik. Über sogenannte Over-the-Counter-Desks habe sich auch das iranische Regime seine Krypto-Vermögenswerte in konventionelles Geld auszahlen lassen, erklärt Quehenberger. "Sind die Kryptos erst einmal aus dem System genommen, ist es kaum noch möglich, die Zahlungen nachzuverfolgen. Nur der Betreiber des Desks weiß, wem er wie viel ausbezahlt."
Und dieser saß laut der Recherche von TRM Labs im gleichen Boot: Unter Verdacht steht unter anderem der türkische Zahlungsdienstleister Zedpay. So gelang dem Mullah-Regime der fast perfekte Coup. Die USA haben Zedcex und Zedxion im Januar unter Sanktion gestellt – inklusive Sandschini. Ein kleiner Teil der verstrickten Krypto-Konten ist Recherchen von Quehenberger zufolge seitdem eingefroren. Der weitaus größere Teil dürfte entweder weiterhin im Krypto-System zirkulieren oder bereits in Bargeld, Gold oder andere physische Vermögenswerte überführt worden sein. "Das Geld ist also nicht unbedingt verschwunden, aber ein Teil davon könnte sich inzwischen außerhalb der digitalen Nachverfolgung befinden", sagt Quehenberger.
Das britische Handelsregister hat "Elisabeth Newman" bislang lediglich dazu aufgefordert, bis Ende Mai ihre Identität nachzuweisen. Inzwischen sind beide Plattformen allerdings offline. Dafür taucht nun eine dritte, offenbar aktive Kryptobörse namens Zeddex auf. Sie verweist mehrfach auf die ehemalige Internetpräsenz von Zedxion. Ein Impressum sucht man vergeblich.