Experte über Anreize und AppelleLöst Mehrarbeit wirklich unsere Probleme?

Während die Arbeitslosigkeit steigt, wird die Forderung nach Mehrarbeit immer lauter. Im Interview ordnet der Arbeitsmarktexperte Enzo Weber das scheinbare Paradox ein, erklärt, warum die Debatte zu kurz greift, und wo ungenutzte Potenziale liegen.
In der politischen und wirtschaftlichen Debatte wird zunehmend Mehrarbeit gefordert. Gleichzeitig ist die Arbeitslosenzahl in Deutschland weiterhin hoch. Wie passt das zusammen?
Enzo Weber: Wir befinden uns derzeit in einer tiefgreifenden Transformationskrise, die man auch als Erneuerungskrise bezeichnen kann. Während in diesem Zuge die Arbeitslosigkeit seit mehreren Jahren wieder ansteigt, setzt sich eine demografische Entwicklung fort, die in den kommenden Jahren zu einer deutlichen Schrumpfung des Arbeitskräfteangebots führen wird. Vor diesem Hintergrund stellt sich zwangsläufig die Frage nach vorhandenen Potenzialen.
Und wie fällt Ihre Einschätzung aus? Kann man etwa über die Arbeitszeit zusätzliche Kapazitäten mobilisieren?
Grundsätzlich ist dieser Gedanke richtig: Es gibt Potenziale, und wir sollten sie unbedingt nutzen. Wir befinden uns in einer besonderen Situation: Einerseits erleben wir eine wirtschaftliche Schwächephase mit steigender Arbeitslosigkeit. Andererseits ist absehbar, dass Fachkräfte künftig immer knapper werden und deshalb unbedingt gesichert werden müssen. Es ist jedoch nicht Aufgabe der Politik, den Menschen Ansagen zu machen, wie lange sie zu arbeiten haben. Vielmehr muss Politik die passenden Rahmenbedingungen schaffen – durch Anreize, Unterstützung und geeignete Strukturen –, damit diese Potenziale freiwillig und realistisch gehoben werden können.
Wird das Potenzial ausreichend genutzt?
Nein. Ein zentrales Beispiel ist die berufliche Entwicklung von Frauen: Sie knickt häufig an bestimmten Punkten ab, obwohl hier sowohl deutlich mehr Arbeitsstunden als auch qualitativ andere Tätigkeiten möglich wären. Ähnlich ist es bei Minijobs: Bis zur Hälfte der Minijobberinnen und Minijobber gibt an, eigentlich deutlich mehr arbeiten zu wollen. Auch ältere Beschäftigte können wir länger im Erwerbsleben halten. Mit veränderten Anreizen ließen sich hier spürbare zusätzliche Arbeitsstunden mobilisieren.
Wie könnte das gelingen?
Arbeit ist kein Verschiebebahnhof. All diese Potenziale können genutzt werden, aber nicht zulasten von Menschen, die arbeitslos sind – im Gegenteil. Ziel muss es sein, Arbeitslosigkeit abzubauen. Dafür braucht es vor allem intensive arbeitsmarktpolitische Anstrengungen. Das heißt: individuelle Betreuung, weil es häufig um komplexe und schwierige Lebenslagen geht; eine deutlich stärkere und passgenaue Qualifizierung; ebenso klare und verbindliche Regeln sowie – ganz zentral – bessere Anreize für die Aufnahme und Ausweitung von Erwerbsarbeit. Wenn man hier wirklich alle Register zieht, lässt sich die Arbeitslosigkeit auch spürbar senken. Gleichzeitig brauchen wir mehr neu geschaffene Stellen. Denn eines der Kernprobleme ist, dass Arbeitssuchende auf zu wenige neue Jobs treffen. Ohne zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten lassen sich weder Arbeitslosigkeit abbauen noch vorhandene Potenziale sinnvoll nutzen.
Könnte Mehrarbeit langfristig sogar Arbeitsplätze verdrängen, statt neue zu schaffen?
Nein. Mehrarbeit würde grundsätzlich das Arbeitskräftepotenzial und damit das Potenzial der Wirtschaft erhöhen. Dennoch muss man immer die Frage stellen, welches gesellschaftliche Ziel man eigentlich verfolgt. Das Leitbild 'Alle arbeiten möglichst viel, um maximalen materiellen Wohlstand zu erzielen' ist kein sinnvolles gesellschaftliches Ziel. Entscheidend ist, dass Menschen selbst darüber entscheiden können, wie sie ihre Zeit einsetzen möchten.
In Teilen der Wirtschaft herrscht allerdings bereits ein deutlicher Auftragsmangel. Gibt es überhaupt flächendeckend mehr Arbeit?
Ich will die Lage nicht beschönigen. Wir befinden uns seit rund vier Jahren in einer wirtschaftlichen Schwächephase, praktisch ohne Wachstum. Gerade in dieser Situation dürfen wir jedoch nicht den Fehler machen, Arbeitskraft zurückzuziehen. Wir erleben derzeit eine ausgeprägte Investitionsschwäche – Kapital hält sich zurück. Wenn nun zusätzlich auch das Arbeitskräftepotenzial schrumpft, entsteht eine Abwärtsspirale: Kapital und Arbeit ziehen sich gleichzeitig zurück. Das würde die Deindustrialisierung tatsächlich beschleunigen.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder behauptet: Schon eine Stunde Mehrarbeit in der Woche würde "enorm viel Wirtschaftswachstum bringen". Stimmt das?
Natürlich kann man mit einer zusätzlichen Arbeitsstunde mehr erwirtschaften als mit einer Stunde weniger – das ist zunächst einmal unstrittig. Unter nachhaltigem Wirtschaftswachstum verstehe ich jedoch etwas anderes. Deutschland ist nicht reich geworden, weil immer mehr gearbeitet wurde – und wird auch künftig nicht durch längere Arbeitszeiten reich werden, denn Zeit ist begrenzt. Man kann punktuell eine Stunde drauflegen oder theoretisch auch einen Feiertag streichen. Aber solche Zeiteffekte sind schnell ausgeschöpft und tragen nicht dauerhaft.
Wenn eine einzelne Arbeitsstunde nicht ausreicht, was ist denn dann aus Ihrer Sicht entscheidend?
Wenn man nachhaltiges Wirtschaftswachstum erreichen will, braucht es technologische Entwicklung. Dafür muss man in Fähigkeiten investieren, in Qualifizierung, in Innovation – und in die wirtschaftliche Erneuerung insgesamt. Genau das ist der Kern der Transformation, die wir gestalten müssen. Dazu gehört selbstverständlich auch, Fachkräfte zu sichern: mit guten Bedingungen, den richtigen Anreizen und verlässlicher Unterstützung. Wenn unter diesen Voraussetzungen Menschen freiwillig mehr arbeiten wollen, dann ist das höchst willkommen. Eine pauschale Forderung nach 'alle arbeiten eine Stunde mehr' führt dagegen nicht weiter.
Wie wird sich dieses Spannungsfeld aus Mehrarbeitsforderungen und Arbeitslosigkeit in den nächsten Jahren entwickeln?
Die Generation der Babyboomer geht schrittweise in Rente, während die nachrückenden Jahrgänge deutlich kleiner sind. Die demografische Schrumpfung beginnt jetzt erst richtig. 2026 ist das erste Jahr, in dem tatsächlich weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen werden als im Vorjahr. Über einen Zeitraum von etwa 15 Jahren könnten wir allein aus Altersgründen rund sieben Millionen Arbeitskräfte verlieren, wenn dieser Effekt nicht ausgeglichen wird. Wir sollten uns daher darauf einstellen, dass wir nicht so schnell in ruhiges Fahrwasser zurückkehren, wie wir es vielleicht in den 2010er-Jahren erlebt haben. Vor uns liegt eine anspruchsvolle Phase des Wandels.
Welche arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen wären aus Ihrer Sicht wirksamer als pauschale Appelle an Mehrarbeit?
Wenn wir die vorhandenen Potenziale nutzen wollen, müssen wir zunächst bei den Anreizen ansetzen. In Deutschland führt ein höheres Einkommen im unteren Einkommensbereich sehr schnell zu höheren Steuerbelastungen – deutlich stärker als in vielen anderen Ländern. Deshalb sollte die Steuerprogression abgeflacht werden. Ein weiterer wichtiger Hebel sind die Sozialleistungen. Wer mehr arbeitet, verliert aktuell oft so viel an Leistungen, dass am Ende kaum mehr in der Tasche bleibt. Hier wäre es sinnvoll, die Leistungen in die Grundsicherung zu integrieren und einen einheitlichen, guten Selbstbehalt von etwa 30 Prozent einzuführen – das würde schon viel bewegen.
Welche weiteren Instrumente könnten die Motivation erhöhen, länger oder mehr zu arbeiten?
Auch die Rentenpolitik sollte konsequent auf gute Anreize fürs Weiterarbeiten setzen. Eine Reform sollte nicht primär darauf achten, wer wann in Rente gehen darf, sondern dafür sorgen, dass längeres Arbeiten belohnt wird – also Plus auf die Rente, nicht Minus beim Renteneintrittsalter. Schließlich sind Kinderbetreuung und Pflege die zentralen Unterstützungsleistungen. Hier ist schon viel erreicht worden, aber es geht noch mehr. Diese Bereiche sind heute echte Jobmotoren, weil der Bedarf groß ist. Durch gezielte Investitionen und Unterstützung ließe sich hier erhebliches Arbeitskräftepotenzial aktivieren.
Mit Enzo Weber sprach Juliane Kipper