Wirtschaft

Stadtwerke erhöhen kräftig Missbrauchen Versorger die Preisbremsen für Aufschläge?

320718575.jpg

Der ein oder andere Energieanbieter dürfte bei seiner Preisbildung auch die Strom- und Gaspreisbremse genau im Blick haben.

(Foto: picture alliance/dpa)

Bald übernimmt der Staat einen Teil der Strom- und Gasrechnung. Die Bundesregierung will per Gesetz verhindern, dass die Anbieter die Preisbremsen für unverhältnismäßige Preissteigerungen nutzen. Experten befürchten trotzdem eine "kreative" Ausgestaltung und Mitnahmeeffekte.

Strom- und Gaskunden müssen nun auch in der Grundversorgung mit deutlichen Preiserhöhungen rechnen. Bei manchen Stadtwerken verdoppelt sich der Strompreis zum Jahreswechsel sogar. Verbraucherschützer, Marktexperten und sogar ein Branchenvertreter warnen vor Mitnahmeeffekten, also überhöhten Preissteigerungen, weil bald die Preisbremsen für Gas und Strom greifen.

Bei einem Großteil des Verbrauchs übernimmt der Staat im nächsten Jahr rückwirkend ab Januar die Differenz zwischen dem vom Anbieter verlangten Arbeitspreis und den beschlossenen "Preisdeckeln" von 12 Cent pro Kilowattstunde beim Gas und 40 Cent beim Strom. Das Gesetz zur Gaspreisbremse soll Aufschläge, die nicht durch die gestiegenen Ausgaben der Anbieter oder das übliche Marktgeschehen gerechtfertigt sind, verbieten. Doch ein Missbrauch ist kaum zu kontrollieren.

In der Grundversorgung müssen Kunden sechs Wochen vor einer Preiserhöhung informiert werden, deshalb flatterte vielen Verbrauchern zum vergangenen Wochenende eine Nachricht ihrer Stadtwerke ins Haus. Recherchen des "Handelsblatts" zeigen teils drastische Steigerungen beim Strompreis zum 1. Januar. So steigt der Arbeitspreis in München von gut 29 auf fast 62 Cent pro Kilowattstunde. In Leipzig werden dann gut 52 statt bisher knapp 25 Cent fällig. Auch andere Stadtwerke verlangen künftig mehr als 50 Cent pro Kilowattstunde. Dabei erhöhen andere deutlich weniger, in Wuppertal etwa kostet die Kilowattstunde ab Januar gut 42 Cent - nicht einmal 5 Cent mehr als aktuell.

Preisspanne von 6 bis 28 Cent pro Kilowattstunde

Verbraucherschützer kritisieren die großen Preisunterschiede, die mit unterschiedlichen Einkaufstrategien nicht vollständig zu erklären seien. Während der Arbeitspreis für Gas zum 1. Dezember bei 16 Prozent der Grundversorgungstarife in Nordrhein-Westfalen noch unter 10 Cent liegt, beträgt er in der teuersten Grundversorgung 28 Cent. Das zeigt eine Untersuchung der dortigen Verbraucherzentrale. Für Familienhaushalte bedeutet dies eine Differenz von mehreren Tausend Euro pro Jahr, wie Christina Wallraf, Energiemarkt-Referentin bei der Verbraucherzentrale NRW, im Gespräch mit ntv.de vorrechnet. "Bei einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden beträgt die Preisspanne 1314 bis 5769 Euro, wenn man den Grundpreis mit reinrechnet." Der günstigste Arbeitspreis liege bei 6 Cent.

Zum 1. Januar erwarten die Verbraucherschützer weitere Preissteigerungen. Mitnahmeeffekte mit Blick auf die geplanten Preisbremsen hält Wallraf dabei "beim ein oder anderen Anbieter" für denkbar. Steffen Arta, Geschäftsführer der Stadtwerke Dreieich im Kreis Offenbach, geht noch weiter. "Was wir gerade sehen, ist eine übermäßige Erhöhung der Grundversorgungstarife", sagte er dem "Handelsblatt". Finanziert würden diese überteuerten Tarife am Ende mit Staatsgeldern, kritisiert der Manager. Lediglich bis zu 45 Cent pro Kilowattstunde Strom hält er demnach für plausibel. Bei "seinen" Stadtwerken soll der Strompreis von 30 auf 37,5 Cent steigen - dank einer konservativen, über mehrere Jahre angelegten Beschaffungsstrategie.

Auch Lion Hirth, Energiepolitik-Professor an der Hertie School und Mitglied der von der Bundesregierung eingesetzten Gaspreis-Kommission, sieht ein Risiko von Mitnahmeeffekten, nicht nur bei Grundversorgern und Privatkunden. "In der Tat macht mir die Ausgestaltung der Preisbremsen Sorgen", sagt er auf ntv.de-Anfrage. "Bei der Industrie dürfte das Problem sogar noch größer sein, weil es hier um wesentlich mehr Geld geht - und weil individuelle Verträge ohnehin üblich sind, wo sich solche überhöhten Preise besser verstecken lassen." Die Gaskommission habe dieses Problem "explizit adressiert" und die Bundesregierung aufgefordert, "wirksame Mechanismen gegen solche kreativen Verträge" zu finden, erklärt Hirth. "Ob das gelungen ist, wird die Zeit zeigen."

Kartellbehörden sollen genau hinsehen

Der Gesetzentwurf der Bundesregierung, der ntv.de vorliegt, verbietet einen entsprechenden Missbrauch und sieht Strafen dafür vor. Noch ist das Gesetz aber nicht in Kraft. Das heißt, die aktuellen Preiserhöhungen fallen nicht unter diese Regel. "Vielleicht kommt das Gesetz dafür also zu spät", sagt Verbraucherschützerin Wallraf. Auch in Zukunft sei ein Missbrauch schwer zu kontrollieren, da die Beschaffungskosten unters Geschäftsgeheimnis fielen. Sinnvoller wäre es in ihren Augen daher, wenn sich die Anbieter zum Beispiel besonders hohe Preise genehmigen lassen müssten.

Wallraf fordert, die Kartellbehörden sollten sich Preise genau anschauen, wenn diese deutlich nach oben abweichen. Die Kunden dürften hohe Preise künftig weniger abschrecken und zum Anbieterwechsel verleiten als bisher. Denn dank der Preisbremsen wird sich der Unterschied zwischen verschiedenen Anbietern nur noch bei einem relativ kleinen Teil des Verbrauchs bemerkbar machen, für den Großteil bei allen Anbietern dasselbe anfallen. "Zum 1.1. die Preise zu erhöhen, ist vielleicht einfacher, ohne dass die Kunden gleich weglaufen", meint Wallraf.

FDP-Energieexperte Michael Kruse fordert, es müsse verhindert werden, dass Anbieter ihre Tarife "präventiv auf den Preis des Deckels hochziehen", wie er dem "Handelsblatt" sagte. Die Stadtwerke Leipzig begründeten ihre Tariferhöhung um 108 Prozent der Zeitung zufolge hingegen mit den gestiegenen Einkaufspreisen: "Um die Versorgung weiterhin sicher und zuverlässig in Leipzig und Region gewährleisten zu können, müssen auch wir die Preissteigerungen an unsere Kunden weitergeben."

Grundversorgung aktuell relativ günstig

Trotz der aktuellen Preissteigerungen ist die Grundversorgung Wallraf zufolge zurzeit immer noch oft das günstigste Angebot - auch wenn sich die Preise im Laufe des kommenden Jahres wieder den Sondertarifen annähern dürften und diese möglicherweise wieder überholen. In der Vergangenheit waren Grundversorgungstarife in der Regel teurer und boten im Gegenzug Sicherheit. Denn Stadtwerke kauften überwiegend langfristig ein. Aktuell führt das dazu, dass sie günstigere Preise anbieten können als Anbieter, die kurzfristig zu den zuletzt massiv gestiegenen Preisen einkaufen.

Grundversorger ist jeweils der Anbieter vor Ort, der in einem Netzgebiet die meisten Gas- beziehungsweise Stromkunden beliefert - oft ein Stadtwerk oder ein großer Anbieter. Kunden können nicht in den Grundversorgungstarif außerhalb ihres Netzgebiets wechseln.

Wer im Moment einen Sondertarif hat, dessen Preis nur knapp über dem der Grundversorgung liegt, sollte Wallraf zufolge aber besser erstmal bei seinem Anbieter bleiben. Denn in der Grundversorgung gebe es keine Preisgarantie, das heißt, es könnte bald teurer werden. Andererseits können Kunden in der Grundversorgung alle zwei Wochen kündigen. Für Verbraucher mit Sondertarif, die momentan deutlich mehr zahlen, als die Grundversorgung kostet, könnte sich somit ein Wechsel lohnen. Womöglich aber nur für kurze Zeit.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen