Wirtschaft

Vor allem die Großen straucheln Modehandel rechnet mit weiteren Insolvenzen

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Besonders der zweite Teil-Shutdown im Dezember traf die Modefirmen hart.

(Foto: imago images/Ralph Peters)

Die Corona-Krise hat mit dem Unternehmen Adler den nächsten Modehändler in die Insolvenz getrieben. Auffällig ist, dass besonders große Betriebe im textilen Einzelhandel in Konkurs gehen. Ein gewisses wirtschaftliches Eigeninteresse könnte dabei auch ein Grund sein.

Esprit, Galeria Karstadt Kaufhof, Sinn, Appelrath Cüpper, Hallhuber und jetzt auch noch Adler: Reihenweise haben bekannte deutsche Modehändler seit Beginn der Corona-Krise Rettung in Insolvenzverfahren suchen müssen. Und weitere dürften schon bald folgen. Davon gehen sowohl der Kreditversicherer Euler Hermes als auch der Handelsverband Textil aus.

Jüngstes Opfer der Corona-Krise im Textilhandel ist die traditionsreiche Modekette Adler. Wegen Überschuldung stellte die Adler Modemärkte AG beim Amtsgericht Aschaffenburg einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung. Ein Gutachter sei damit beauftragt worden, zu prüfen, ob die Abwicklung der Insolvenz in Eigenverantwortung möglich sei, sagte der zuständige Insolvenzrichter.

Das Unternehmen hofft, sich über einen Insolvenzplan sanieren zu können, wie es zuletzt etwa den Wettbewerbern Galeria Karstadt Kaufhof, Sinn oder Appelrath Cüpper gelang. Deshalb soll der Geschäftsbetrieb - soweit coronabedingt möglich - auch in vollem Umfang fortgeführt werden. Adler betreibt 171 Geschäfte, davon 142 in Deutschland, sowie einen Online-Shop.

Grund für den Insolvenzantrag sei der zweite Corona-Lockdown, betonte Adler. Die erheblichen Umsatzeinbußen durch die seit Mitte Dezember 2020 andauernden Schließungen der meisten Verkaufsfilialen sei für das Unternehmen nicht mehr zu verkraften gewesen. Ähnliche Probleme dürften allerdings auch zahlreiche andere Modehändler haben. "Viele Unternehmen haben auf das Weihnachtsgeschäft gesetzt, um sich mit einem kleinen Puffer bis zum Frühjahr zu retten", sagte der Deutschland-Chef des Kreditversicherers Euler Hermes, Ron van het Hof. Mit dem Lockdown sei diese Hoffnung allerdings zerstoben. "Insofern erwarten wir weitere Insolvenzen in diesem Bereich."

Vorkrisenniveau erst 2023 erwartet

Auch beim Handelsverband Textil (BTE) heißt es mit Blick auf den Adler-Insolvenzantrag: "Das wird nicht der Letzte sein." Die Unternehmen der Branche benötigten aktuell viel Geld, um die Ware für das Frühjahr und den Sommer zu bezahlen. Doch Geld sei knapp - wegen des Lockdowns, aber auch weil bislang keine nennenswerten Hilfen des Staates in der Branche angekommen seien. Der BTE befürchtet, das Zehntausende Modegeschäfte und über 100.000 Arbeitsplätze gefährdet sind.

Auffällig ist: Bisher sind es vor allem die Großen, die trotz der Teil-Aussetzung der Insolvenzantragspflicht Schutz im Insolvenzverfahren suchen. Euler Hermes registrierte im textilen Einzelhandel allein in den ersten neun Monaten 2020 insgesamt acht sogenannte "Großinsolvenzen" von Unternehmen mit einem Umsatzvolumen von mehr als 50 Millionen Euro. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es nur drei. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Branchenriesen eher noch als kleinere Wettbewerber die Insolvenzverfahren auch als Sanierungswerkzeug nutzen, um Schulden loszuwerden, aus langlaufenden, teuren Mietverträgen herauszukommen und sich leichter von Mitarbeitern zu trennen.

Rasche Besserung für die Branche ist nicht in Sicht, selbst wenn es im Laufe des Jahres gelingen sollte, die Pandemie dank der inzwischen entwickelten Impfstoffe in den Griff zu bekommen. Eine Rückkehr auf das Vorkrisenniveau erwartet Euler Hermes im Modehandel erst im Laufe des Jahres 2023 - und somit später als in den meisten anderen Sektoren. "Es ist also eine lange Durststrecke, die die Unternehmen meistern müssen. Es trennt sich die Spreu vom Weizen", meinte Ron van het Hof.

"Rabattschlachten" nach Wiedereröffnung der Läden

Dabei stand die Branche schon vor der Pandemie unter Druck. Die Umsätze im stationären Modehandel sind seit Jahren rückläufig. Gut liefen die Geschäfte vor allem für Online-Händler und Fast-Fashion-Anbieter wie Primark. Die Anzahl der Betriebe in der Bekleidungsbranche sank nach einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung PwC zwischen 2010 und 2019 um fast ein Drittel (31 Prozent). Vor allem viele kleinere Betriebe mit weniger als 100 Beschäftigten verschwanden vom Markt.

Die Corona-Krise traf also eine angeschlagene Branche. Die Krise beschleunigte die Veränderung der Branche. Nur wer mit innovativen Konzepten die Bedürfnisse der Kunden treffe, werde überleben, prophezeit PwC-Handelsexperte Stefan Schwertel. "Wir beobachten, dass Marktteilnehmer ohne strategische Neuausrichtung verschwinden und für hohe Leerstände in deutschen Innenstädten sorgen." Für die Verbraucher hat die aktuelle Branchenkrise allerdings auch etwas Gutes. Schon Ende Januar dürften sich nach Schätzungen des BTE eine halbe Milliarde unverkaufter Modeartikel in den Läden auftürmen. Dabei handelt es sich zum großen Teil um Winterware, die angesichts des nahenden Frühlings Tag für Tag an Wert verliert. Branchenkenner Ron van het Hof rechnet nach der Wiedereröffnung der Läden deshalb mit regelrechten "Rabattschlachten".

Quelle: ntv.de, Erich Reimann und Michael Donhauser, dpa