Wirtschaft

Piëch-Mann rückt an VW-Spitze Müller ist vorerst die richtige Wahl

Müller.jpg

Matthias Müller mit strengem Blick bei der Hauptversammlung von Porsche im Mai.

(Foto: REUTERS)

Der neue Mann an der Spitze von VW ist gesetzt. Mit Noch-Porsche-Chef Müller kommt der Mann, den Piëch schon vor Monaten wollte. Was wie ein Rückschritt aussieht, ist es nicht. Unfreiwillig dürfte Matthias Müller genau der Richtige sein.

Der Manager des Vertrauens beim krisengeschüttelten Autobauer Volkswagen ist Matthias Müller. Ausgerechnet der Mann, den Konzern-Querulant Ferdinand Piëch im April vergeblich anstelle von VW-Chef Martin Winterkorn inthronisieren wollte. Piëch hat das Heft im Konzern wieder fest in der Hand, könnte man meinen. Aber hier geht es nicht nur um den Ausgang einer Familien-Fehde. Noch-Porsche-Chef Müller ist genau die richtige Wahl, um erst einmal Ruhe in den Konzern zu bringen.

Zugegebenermaßen übernimmt Müller den Chefposten bei VW nicht ganz freiwillig. Abgesehen davon, dass der Konzern am Anfang der wohl schwersten Krise in seiner Unternehmensgeschichte steckt, hatte sich der 62-Jährige einen Werdegang mit mehr Spaßfaktor im Konzern gewünscht. Persönlich hatte er sich eher als Leiter der Sportwagengruppe mit Porsche, Bentley und Bugatti gesehen, wie er einmal in einem Interview verriet.

Porsche SE
Porsche SE 57,02

Aber Müller weiß, was sich gehört: Wenn der Konzern ruft, gehorcht man. Es ist dieses Pflichtbewusstsein, diese Feuerlöscher-Mentalität, die Volkswagen genau jetzt braucht. Dass Müller das begriffen hat, ist vielleicht eine der besten Eigenschaften, die er mitbringt. In der schwierigen Lage, in der sich der Konzern befindet, darf ein Manager keine Angst haben, sich die Finger schmutzig zu machen.

Aber auch noch eine Reihe anderer Gründe sprechen für ihn. So zum Beispiel, dass er bei Porsche in dem schwierigen Moment nach der Übernahme vor drei Jahren für Ruhe gesorgt hat. Piëch hatte ihn mit der Aufgabe betraut, die Stuttgarter so weit zu bekommen, dass sie die internen Widerstände gegen die Integration aufgeben. Müller hat sich als Krisenmanager bewährt, ohne sich dabei besonders viele Feinde zu machen.

Soziale Kompetenz und technisches Knowhow

Hinzu kommt, dass Müller ein Konzernzögling erster Güte ist. Und dabei echte Überlebensqualitäten mitbringt. Er kennt den Laden und die Abläufe im Konzern in und auswendig. Besonders wichtig: Er genießt den Rückhalt der Familien Porsche und Piëch, wie Insider sagen. Das allein ist Gold wert in Deutschlands größtem Familienunternehmen.

Dass Müller, der gerne auch lässig ohne Krawatte nur im Pullover auftritt, gut ins Familienalbum passt, zeigte sich schon während des Machtkampfs zwischen Winterkorn und VW-Patriarch Piëch im Frühjahr. Schon damals war Müller der Kandidat, auf den sich die Großaktionäre Piëch/Porsche einigen konnten. Müller kann nicht nur mit den Piëchs und Porsches. Er konnte auch gut mit Winterkorn zusammenarbeiten. Man könnte sagen, dass Müller sogar ein Puffer zwischen den beiden Streithähnen Piëch und Winterkorn sein könnte. Vermutlich kann auch Winterkorn gut mit ihm als Nachfolger leben. Auch das ist nicht unerheblich. Denn, wie es aussieht, wird er Einfluss bei VW behalten. Rückblickend hätten die Piëchs und Porsches schon im April Nägel mit Köpfen machen können.

Müller bringt zudem jede Menge Fachkompetenz mit. Er gilt als erfahrener Automanager. Praktisch sein ganzes Berufsleben hat er im VW-Konzern zugebracht. Zunächst als Werkzeugmacherlehrling bei Audi, nach dem Informatikstudium dann als Produktmanager für das Erfolgsmodell A3. Damals war Winterkorn noch Audi-Chef. Er war derjenige, der Müllers strategisches Talent erkannte. Als Winterkorn 2007 als Chef von Audi an die VW-Spitze wechselte, ging Müller als Produktstratege mit ihm nach Wolfsburg.

Nach der gescheiterten Übernahme von Volkswagen durch Porsche, die schließlich mit der Unterordnung von Porsche als VW-Marke endete, übernahm Müller 2010 dann die Porsche-Führung, wo er eine hübsche Bilanz hinterlässt. In seiner ersten Chefposition trieb er den Absatz auf neue Rekordhöhen.

Müller bringt also das Beste aus zwei Welten mit: sowohl soziale als auch fachliche Kompetenz. Als studiertem Informatiker mit dem Spezialgebiet Systemanalyse ist Müller auch mit einer Software für Motorensteuerung vertraut. Sicherlich ein weiteres Plus bei der Aufarbeitung des Abgasskandals.

Durch die Hölle von VW und zurück

All seine Qualitäten machen die neue Aufgabe nicht leichter. Vermutlich steht ihm ein Höllenritt bevor. Noch immer stellt sich zum Beispiel die Frage, ob nicht auch Porsche-Modelle von dem Skandal betroffen sind. Und ob Müller doch irgendwann Kenntnis von der Manipulation der Abgaswerte hatte. Ob es ein unfreiwillig guter Karriereschachzug wird oder ob sich der Vorstandsposten bei VW als Schleudersitz entpuppen wird, wird sich vermutlich sehr schnell zeigen.

Müller wird auch noch aus einem weiteren Grund zurückhaltend an die neue Aufgabe gehen. Gewünscht hatte er sich eigentlich einen richtigen Generationenwechsel auf dem Chefsessel. Der Wechsel von dem 68-jährigen Winterkorn zum 62-jährigen Müller ist nicht exakt das, was man als Verjüngung an der Konzernspitze bezeichnen kann. Die Lösung wäre Müller als Interimschef. Da Winterkorn nie einen Kronprinzen an seiner Seite aufgebaut hat, braucht der Konzern für eine Verjüngung seiner Spitze noch Zeit. Bis es so weit ist, ist Müller eine sehr gute Wahl. Als Sanierer, der den Chefsessel wieder räumt, sobald VW wieder in die Spur gebracht wurde. Sein Nachfolger könnte durchaus demnächst der 57-jährige VW-Markenchef Herbert Diess werden. Das Personalkarussell könnte sich also noch weiterdrehen.

Quelle: ntv.de