NRW profitiert mehr als KüsteOffshore-Branche verspricht 120.000 Jobs bis 2045
Von Christian Herrmann
Offshore-Windenergie ist ein bundesweiter Jobmotor. Einer neuen Studie zufolge schafft die Branche derzeit allein in NRW und Baden-Württemberg 12.000 neue Vollzeitstellen. Bis 2045 könnte die Zahl auf das Zehnfache anwachsen - unter einer Bedingung, an der bereits gerüttelt wird.
Offshore-Wind schafft Zehntausende Jobs in Deutschland - nicht nur in Küstennähe, sondern insbesondere auch im industriellen Kernland. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie im Auftrag des Bundesverbands Windenergie Offshore (BWO). Demnach ist die Branche deutschlandweit bereits für 31.530 Vollzeitstellen verantwortlich. Diese verteilen sich den Angaben zufolge auf rund 49.000 Beschäftigungsverhältnisse und schaffen 14,6 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung.
Besonders stark profitiert das industrielle Binnenland: Der größte Beschäftigungsanteil entfällt laut Studie auf Nordrhein-Westfalen mit rund 6300 Vollzeitstellen. Es folgen Baden-Württemberg mit mehr als 5300 Arbeitsplätzen sowie das Saarland und Niedersachsen mit jeweils gut 3500 Vollzeitstellen. Bei der Wertschöpfung nimmt Baden-Württemberg mit rund fünf Milliarden Euro die Spitzenposition ein.
Insgesamt sind demzufolge 893 Marktteilnehmer in Deutschland aktiv, davon rund ein Drittel ausschließlich in der Offshore-Windenergie. Norddeutschland ist geprägt von der Fertigung von Turbinen und Fundamenten. Küstennahe Häfen- und Servicestandorte sind außerdem Schwerpunkt für Umsetzung, Logistik und Betrieb der Projekte. Im Süden entsteht Wertschöpfung dagegen vermehrt durch Finanzierung und Engineering.
Gleichzeitig zeigt die Studie eine kritische Entwicklung auf: Die nationale Lieferkette ist einem zunehmenden internationalen Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Auffällig ist zudem, dass die ostdeutschen Bundesländer abgesehen von Mecklenburg-Vorpommern und Berlin laut Studie praktisch nicht vom Offshore-Ausbau profitieren.
Beschäftigung vervierfachen
Das Potenzial für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist der Branche zufolge erheblich: Bei stabilen Ausbaupfaden kann sich die Beschäftigung bis 2045 nahezu auf rund 120.000 Beschäftigte vervierfachen.
Derzeit sind in Deutschland gut 1700 Offshore-Windenergieanlagen mit einer installierten Leistung von mehr als 10 Gigawatt im Einsatz. Die gesetzlich festgelegten Ausbauziele liegen bei 30 GW bis 2030, mindestens 40 GW bis 2035 und 70 GW bis 2045. Verankert sind diese Ziele im Windenergie-auf-See-Gesetz (WindSeeG).
Die Branche warnt davor, diese Ziele infrage zu stellen. Modellrechnungen zeigen der Studie zufolge, dass eine Absenkung der Ausbauziele auf 60 Gigawatt bis zu 50.000 zusätzliche Arbeitsplätze kosten würde.
An diesem Ziel wird jedoch bereits gerüttelt - unter anderem von Deutschlands größtem Übertragungsnetzbetreiber Tennet Germany. Dieser ist für den Netzanschluss der Nordsee-Windparks verantwortlich: "In Deutschland haben wir aus meiner Sicht den Fehler gemacht, politisch ein Ziel von 70 Gigawatt Windkraft auf See auszurufen", sagte Tennet-Chef Tim Meyerjürgens zuletzt im Podcast "Das Klima-Labor von ntv". Die deutsche Nordsee sei im Vergleich mit anderen Ländern relativ klein.
Die Turbinen würden laut Meyerjürgens nach dem Bau deutlich enger zusammenstehen, als es Sinn ergibt - und sich gegenseitig den Weg wegnehmen. "Das ist ineffizient."
Weniger Windräder oder weniger Arbeitsplätze?
Die Forderung des Tennet-Chefs verdeutlicht die Herausforderungen der Energiewende. Er sagt, Deutschland kann "deutlich weniger" Windräder bauen, auf diese Weise 40 bis 50 Milliarden Euro sparen, ohne dass signifikant weniger Strom erzeugt wird.
Dies allerdings würde auf Kosten von Arbeitsplätzen und Wertschöpfung gehen: "Wer den Ausbau der Offshore-Windenergie infrage stellt, gefährdet nicht nur die Energieversorgung, sondern auch zehntausende Arbeitsplätze und industrielle Perspektiven in Deutschland", sagt BWO-Geschäftsführer Stefan Thimm. "Eine Absenkung der Ausbauziele würde die Wertschöpfungskette schwächen und Investitionen ins Ausland verlagern."