Wirtschaft

Prozessauftakt in München Schlüsselfigur im Wirecard-Skandal fehlt

387613289.jpg

Der ehemalige Wirecard-Vorstandschef Markus Braun weist die Vorwürfe zurück.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Wirecard-Chefetage soll eine kriminelle Bande gebildet, Bilanzen gefälscht und Kreditgeber um 3,1 Milliarden Euro betrogen haben. Nun müssen sich Ex-Vorstandschef Markus Braun und zwei Komplizen vor Gericht verantworten. Der Fall ist einzigartig - in gleich mehrfacher Hinsicht.

In München hat der Wirecard-Strafprozess um den mutmaßlich größten Betrugsfall in Deutschland seit 1945 begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem früheren Wirecard-Vorstandschef Markus Braun und seinen beiden Mitangeklagten vor, eine kriminelle Bande gebildet, die Konzernbilanzen gefälscht und Kreditgeber um 3,1 Milliarden Euro geprellt zu haben. Braun soll zudem jahrelang bewusst verhindert haben, dass erfundene Geschäftsbereiche aufflogen.

Er habe gemeinsam mit weiteren Verantwortlichen angebliche Zahlungsdienstleistungen für Anbieter von Pornografie und Glücksspiel an Drittpartner ausgelagert, sagte Staatsanwalt Matthias Bühring bei der Verlesung der Anklage. Die vierte Strafkammer des Münchner Landgerichts hat rund 100 Prozesstage bis ins Jahr 2024 angesetzt. Verhandelt wird in einem unterirdischen Hochsicherheitstrakt neben der JVA Stadelheim, dem größten bayerischen Gefängnis.

Wirecard rechnete als Zahlungsdienstleister an der Schnittstelle zwischen Kreditkartenfirmen auf der einen sowie Einzelhändlern und sonstigen Verkäufern auf der anderen Seite elektronische Zahlungen ab. Der Dax-Konzern war im Sommer 2020 zusammengebrochen und hatte Insolvenz angemeldet, nachdem der Vorstand mutmaßliche Scheinbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro eingeräumt hatte. Das Geld ist bis heute vermisst. Scharen von Privatanlegern verloren zum Teil hohe Summen, die sie in nun wertlose Wirecard-Aktien investiert hatten. Viele Kleinaktionäre hatten Vorstandschef Braun als visionären Technologieguru verehrt. Ruiniert wurde auch Braun selbst, der als größter Wirecard-Aktionär zum Milliardär geworden war.

Jan Marsalek noch immer auf der Flucht

Absehbar sind einander widersprechende Aussagen der Angeklagten: Ex-Vorstandschef Braun weist die Vorwürfe zurück. Oliver Bellenhaus hingegen, der mitangeklagte frühere Leiter der Wirecard-Tochtergesellschaft in Dubai, dient der Staatsanwaltschaft als Kronzeuge. Beide sitzen in Untersuchungshaft. Der dritte Angeklagte ist der frühere Chefbuchhalter des Wirecard-Konzerns. Er wird im Gerichtssaal voraussichtlich die Aussage verweigern.

Eine Schlüsselfigur der Affäre fehlt: Der ehemalige Vertriebsvorstand Jan Marsalek war im Sommer 2020 aus Deutschland geflohen, er wird in Russland vermutet. Der Fall Wirecard ist in der deutschen Kriminalgeschichte einzigartig: Sofern das Gericht der Anklage folgt, wären über drei Milliarden Euro die höchste Summe, die je eine Betrügerbande nach Ende des Zweiten Weltkriegs ergaunerte.

Abgesehen davon stand noch nie der Vorstandschef eines ehemaligen Dax-Konzerns unter Verdacht, mit weiteren Führungskräften gemeinsam eine Betrügerbande gebildet zu haben. Strittig ist in dem Verfahren nicht, dass es kriminelle Machenschaften bei Wirecard gab - sondern nur, wer dafür die Verantwortung trägt. Die Kammer muss klären, ob Ex-Vorstandschef Braun Täter oder Opfer war. Der österreichische Manager betonte in einer von seinen Verteidigern veröffentlichten Stellungnahme, dass die verschwundenen Milliarden veruntreut und auf die Seite geschafft worden seien, unter anderem vom mitangeklagten ehemaligen Geschäftsführer in Dubai.

Quelle: ntv.de, lar/dpa/rts

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen