Selbst Fracking keine Lösung"Als Antwort auf die Krise taugt heimisches Gas nicht"
Von Juliane Kipper
Deutschland sitzt auf Billionen Kubikmetern Erdgas. Die schwarz-rote Koalition will sie jetzt nutzen. Doch Experten warnen: Wer auf fallende Heizkosten hofft, könnte eine bittere Enttäuschung erleben.
Die schwarz-rote Koalition hat auf die infolge des Iran-Kriegs explodierenden Energiepreise reagiert: Nach tagelangem Ringen einigten sich Union und SPD nicht nur auf steuerliche Entlastungen für Autofahrer, sondern auch auf eine strategische Ausweitung des heimischen Energieangebots. Ziel ist es, Abhängigkeiten spürbar zu reduzieren. Laut Beschlusspapier gehört dazu explizit die "Erschließung ausgewählter heimischer Gasvorkommen".
Aktuell deckt die deutsche Förderung mit jährlich etwa vier Milliarden Kubikmetern lediglich fünf Prozent des Eigenbedarfs. Wie viel Potenzial schlummert tatsächlich noch in deutschen Böden? Der Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) beziffert die sicheren und wahrscheinlich förderbaren Reserven in Deutschland auf rund 32 Milliarden Kubikmeter. Dieter Griessbach, Energieexperte bei der Unternehmensberatung Argon & Co, verdeutlicht auf Anfrage von ntv.de, das geringe Ausmaß dieser Mengen im Verhältnis zum Bedarf. Er gibt zu bedenken, dass die gesamten Reserven damit nicht einmal die Hälfte eines einzigen deutschen Jahresverbrauchs – der bei rund 90 Milliarden Kubikmetern liegt – decken könnten.
Als weitaus spektakulärer bezeichnet Griessbach die "unkonventionellen Ressourcen". Gemeint ist damit Gas, das in Schiefer- und Tongestein eingeschlossen ist und nur per Fracking erschlossen werden kann. Diese Methode ist allerdings seit 2017 in Deutschland nicht mehr erlaubt. Dabei wird Erdgas aus unterirdischem Gestein gelöst. Kritiker fürchten Verunreinigungen des Grundwassers durch Chemikalien, auch das Umweltbundesamt sieht dies als Risiko. Laut dem BVEG betragen unkonventionelle Vorkommen über 2,75 Billionen Kubikmeter. Rein rechnerisch ließe sich der deutsche Gasbedarf damit für mehr als 35 Jahre decken.
Doch die Zahlen trügen. Nach Einschätzung des Argon-Experten können neue heimische Gasvorkommen keinen signifikanten Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten. "Wer die Versorgungslage kurzfristig verbessern will, wird von heimischem Gas enttäuscht werden", stellt er klar.
Daran würde selbst eine sofortige Aufhebung des Fracking-Verbots kaum etwas ändern. Griessbach verweist auf die langen Vorlaufzeiten: Von der ersten Exploration über die Erschließung bis zur Lieferung vergehen realistischerweise fünf bis sieben Jahre. Zudem müssten Unternehmen immense Summen investieren, bevor die erste Kilowattstunde fließt. Und fraglich ist, ob sie dieses Risiko eingehen wollen. Sein Fazit fällt daher nüchtern aus: "Als Antwort auf die aktuelle Krise taugt heimisches Gas nicht."
Umstritten ist außerdem die Frage, welcher Anteil des deutschen Jahresbedarfs durch die Erschließung neuer heimischer Quellen realistisch und nachhaltig gedeckt werden könnte. Eine optimistische Hochrechnung von Hans-Joachim Kümpel, dem ehemaligen Leiter der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, geht davon aus, dass Deutschland bei einer Freigabe des Frackings jährlich etwa 20 Milliarden Kubikmeter fördern könnte. Damit ließe sich rund ein Viertel des Eigenbedarfs aus eigener Kraft decken.
Griessbach dämpft diese Erwartungen jedoch: Ein solcher Sprung setzte voraus, dass sich Dutzende oder gar Hunderte von Fracking-Bohrungen zeitgleich realisieren ließen. "Realistischer für ein politisch machbares mittelfristiges Szenario dürfte ein Beitrag von zehn bis fünfzehn Prozent des Jahresbedarfs sein", so die Einordnung des Experten. Dieser Beitrag sei zudem erst ab Mitte der 2030er Jahre zu erwarten.
Neben den zeitlichen und technischen Hürden sieht der Energieexperte vor allem finanzielle Hürden. Es sei kaum vorstellbar, das private Player ohne staatliche Abnahmegarantien, Mindestvergütungsmodelle oder zumindest langfristige regulatorische Planungssicherheit, das Kapital aufbringen, das eine Erschließung erfordern würde.
Eine ähnliche Skepsis äußert auch Franziska Holz, stellvertretende Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Auf Anfrage von ntv.de betont sie den privatwirtschaftlichen Charakter solcher Vorhaben: "Prinzipiell handelt es sich um Investitionen, bei denen das Risiko durch die Investoren getragen werden muss." Zwar könne der Staat wie in anderen Sektoren auch dieses Risiko durch garantierte Abnahmemengen und Festpreise abfedern. Im Erdgassektor sei das aber bisher keine gängige Praxis.
Mit Blick auf das Ziel der Klimaneutralität warnt sie davor, die Abhängigkeit von fossilem Erdgas weiter zu verfestigen. Unabhängig davon, ob es importiert oder im Inland gefördert wird. Stattdessen sollten Maßnahmen zur beschleunigten Energiewende und Elektrifizierung forciert werden.
Abseits strategischer Erwägungen könnte sich zudem das finanzielle Argument für eine heimische Förderung als Trugschluss entpuppen. Heimisch gefördertes Gas führt laut Griessbach nicht automatisch zu einer Senkung der Endverbraucherpreise. "Der Preis, den deutsche Haushalte zahlen, richtet sich nicht nach dem Herkunftsland des geförderten Gases." Da Erdgas primär an internationalen Börsen gehandelt wird, bliebe der Effekt einer gesteigerten Eigenförderung minimal.
Selbst wenn Deutschland morgen zehn Milliarden Kubikmeter zusätzlich fördert, würde dieses Gas in denselben europäischen Markt eingespeist und dort nur einen marginalen Preiseffekt entfalten. "Die Idee der nationalen Preissenkung funktioniert so nicht." Er verweist zudem auf die Struktur der Energiekosten: Rund 28 Prozent des Gaspreises entfallen auf Steuern, Abgaben und Netzentgelte. Sein Fazit: "Wer diese Kostenbestandteile nicht anfasst, wird selbst bei größerer Heimförderung kaum spürbare Entlastungen erzeugen."
DIW-Expertin Holz geht in ihrer Analyse sogar noch einen Schritt weiter. Sie gibt zu bedenken, dass eine ausgeweitete Förderung in Deutschland außerhalb des aktuellen Krisenmodus die Preise aufgrund der hohen Produktionskosten womöglich sogar nach oben treiben könnte.