Wirtschaft

Kameras, Scanner, Armbänder? So erklärt Amazon sein Überwachungssystem

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Jeff Bezos ist der reichste Mann der Welt. Hat er den Kontrollwahn wirklich nötig?

(Foto: picture alliance/dpa)

Vorwürfe, dass Jeff Bezos' Online-Riese seine Mitarbeiter ausspioniert, sind nicht neu. Auch an angeblich prekären Arbeitsbedingungen und mangelnder Mitbestimmung der Beschäftigten gibt es regelmäßig Kritik. Doch was ist an den Vorwürfen dran? Fakt ist: Die Leistungserwartungen an die Mitarbeiter sind hoch.

Seit Jahren reißen die Vorwürfe gegen Amazon wegen angeblich prekärer Arbeitsbedingungen nicht ab. Kritiker werfen dem Online-Riesen vor, ein striktes Überwachungssystem aufgebaut zu haben, um die Produktivität seiner Mitarbeiter zu kontrollieren. Eine neue Studie mit dem vielsagenden Titel "Eyes Everywhere" (Übersetzt: Augen überall) will jetzt hierfür jede Menge Belege gesammelt haben.

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Laut dem liberalen Washingtoner Thinktank Open Market Institute (OPI) setzt Amazon zur Kontrolle seiner Beschäftigten vor allem digitale Hilfsmittel ein. Dazu zählen Kameras, Navigationsprogramme, thermische Bildaufzeichnung oder auch Scanner. Die Initiatoren von OPI, die sich für Arbeitnehmerrechte einsetzen, werfen dem Unternehmen unter anderem vor, mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen die Bildung von Gewerkschaftsgruppen zu unterdrücken. Amazon soll sogar Ambitionen hegen, sein Überwachungsssystem noch weiter auszubauen.

Amazon weist derartige Vorwürfe zurück. "Diese Behauptungen treffen nicht zu", sagt Unternehmenssprecher Stephan Eichenseher ntv.de. Wärmekameras beispielsweise würden Corona-bedingt lediglich im Eingangsbereich der Logistikunternehmen eingesetzt, um die Körpertemperatur zu messen. Es würden, anders als OPI behaupte, keine Daten gesammelt. Kameras würden sich innerhalb der Gebäude hauptsächlich an den Notausgängen befinden oder entlang der Fördertechnik. Dort hielten sich jedoch keine Menschen auf.

Wo es feste Arbeitsplätze gebe oder die Packer arbeiteten, gebe es keine Kameras. Zu den Sonderfällen, wo es dann doch Überwachungskameras gibt, gehören Spinträume, wie Eichenseher bestätigt, "aus Sicherheitsgründen".

Die Navigationsprogamme lässt der Unternehmenssprecher ebenfalls nicht als Mitarbeiter-Tracking gelten. Sie seien in den Handscannern verbaut, um die Packer zu den entsprechenden Regalen zu lotsen. Es gebe kein Satellitensignal in den Hallen, um die Bewegungen der Beschäftigten aufzuzeichnen.

Schöne neue Amazon-Welt?

Die Autoren von OPI werfen dem Online-Riesen auch vor, die Überwachung weiter perfektionieren zu wollen, indem die Mitarbeiter Tracking-Armbänder tragen. Diese Behauptung weist der Sprecher ebenfalls zurück. Tendenziell könnten in der Branche solche Bänder in Zukunft zwar sogar Scanner ersetzen, Amazon habe sogar ein entsprechendes Patent. Derzeit würden die eigenen Mitarbeiter solche Armbänder aber nicht tragen.

Die Autoren des Think Tanks warnen ausdrücklich vor dem Einsatz solcher "Wearables" - die in der Branche angeblich nicht unüblich sind. Eine derartige digitale Überwachung bedeute eine Gefahr für die psychische und körperliche Gesundheit der Beschäftigten, heißt es. Und die ehemalige New Yorker Staatsanwältin Sally Hubbard, die zu den führenden Mitglieder von OPI gehört, erklärt: "Unser Ziel ist zu zeigen, wie das enorme Ungleichgewicht zwischen Arbeitgebern und Angestellten sich durch den alarmierenden Zuwachs der Überwachungsmaßnahmen weiter verschärft."

Dass die Leistungen der Mitarbeiter sehr wohl - wenn angeblich auch auf andere Weise - stetig überwacht werden, daran sieht Eichenseher nichts Ungewöhnliches. "Wie die meisten Unternehmen haben wir bestimmte Erwartungen an jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter - egal ob sie in der Verwaltung oder in der Logistik arbeiten - und vergleichen erbrachte Leistung mit diesen Erwartungen." Die Leistung der Mitarbeiter sei wichtig und werde auch "über einen langen Zeitraum betrachtet und bewertet", so Eichenseher. Sehe man, "dass die Leistung über längere Zeit nicht erreicht wird, unterstützen wir mit Feedback und Coaching".

Eichenseher verweist auf den langen Erfolg des Unternehmens. Was Kritiker wie OPI bewusst ignorierten, sei die Tatsache, "dass Amazon in den letzten zehn Jahren eine beträchtliche Anzahl von guten, attraktiven Arbeitsplätzen geschaffen hat. Diese Arbeitsplätze bieten Löhne und Zusatzleistungen, die in der Logistik keinen Vergleich scheuen müssen", so der Sprecher weiter. Das hält Kritiker aber nicht davon ab, in der digitalen Kontrolle und Überwachung am Arbeitsplatz einen wachsenden Druck auf die Mitarbeiter zu sehen, der auch die Gesundheit gefährden kann.

Quelle: ntv.de