Wirtschaft

Horten, hamstern, hoffen So fit sind deutsche Firmen für den Chaos-Brexit

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Wegen der Unwägbarkeiten des Brexits haben viele Firmen Notfallpläne in der Schublade.

(Foto: picture alliance/dpa)

Am 29. März Punkt Mitternacht wird die Scheidung zwischen Großbritannien und der EU offiziell. Die Angst, was danach kommt, ist groß. Gibt es keine Last-Minute-Einigung, muss die Wirtschaft ihre Notfallpläne zünden.

Rund 2500 deutsche Firmen mit 400.000 Mitarbeitern gibt es in Großbritannien, Großkonzerne ebenso wie kleine Betriebe. Keiner will vom Brexit kalt erwischt werden. Aber um sich auf den Tag des britischen EU-Austritts vorzubereiten, bräuchten Unternehmen eigentlich professionelle Hellseher als Berater.

Bis zur letzten Minute sind alle Brexit-Szenarien möglich - von einem Deal mit der EU bis zur Chaos-Trennung. Jede Variante bringt Kosten mit sich. Ein EU-Austritt ohne Deal würde die Wirtschaft aber am härtesten treffen. Denn dann würde London Punkt Mitternacht aus dem EU-Vertrag fliegen und für den Handel zwischen Großbritannien mit dem restlichen Kontinent würden auf einen Schlag die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) gelten.

Grenzkontrollen, hohe Zölle, kilometerlange Staus an den Grenzen und Lieferengpässe wären schlimmstenfalls die Folge. Denn die Lawine zusätzlicher Bürokratie könnte gravierende Störungen in den Lieferketten verursachen. Der drohende Infarkt stellt die Unternehmen vor gewaltige Herausforderungen.

Autobranche: Kein Notfallplan ersetzt "Just-in-Time"

Besonders schlimm spüren würden die Autobauer das Brexit-Chaos. Sie arbeiten heute praktisch ohne Lagerhaltung. Deshalb sind sie auf einen reibungslosen Warenverkehr, wie ihn nur der Binnenmarkt ermöglicht, angewiesen. Laut Angaben des Branchenverbands Acea fahren täglich rund 1100 Lkw vom europäischen Kontinent nach Großbritannien, um Teile für diese "Just-in-Time"-Produktion zu liefern. Stundenlange Zollkontrollen und Staus in den Häfen würden die Bänder in den Fabriken unweigerlich verlangsamen oder sogar stoppen.

Der Münchner Autokonzern BMW, der mit dem Mini und Rolls-Royce gleich zwei seiner drei Konzernmarken und insgesamt vier Werke auf der Insel hat, exportiert acht von zehn Minis aus Großbritannien. Ihm drohen ohne den EU-Binnenmarkt gravierende Absatzeinbußen. Der Konzern hat deshalb nicht nur seine Lagerkapazitäten deutlich erweitert. BMW hat auch die jährliche Routine-Schließung zu Wartungszwecken in den britischen Werken direkt auf die Zeit nach dem Brexit verlegt.

Außerdem hat sich BMW zusätzliche Luftfracht-Kapazitäten gesichert, um seine Fabriken im Zweifel per Luftbrücke mit Teilen zu versorgen. Zudem erwägt der Autobauer, einen Teil der britischen Produktion in die Niederlande zu verlagern. Dort läuft schon heute ein Drittel der Autos vom Band. Um die Flut von Dokumenten und den bürokratischen Mehraufwand durch die Einführung neuer Zölle zu meistern, haben die Bayern auch in ihre IT-Systeme investiert. 

Volkswagen, mit der Luxusmarke Bentley auf der Insel vertreten, wiegelt dagegen ab. Verwerfungen des Geschäfts bei einem harten Brexit seien nicht zu erwarten. "Es wird kein Chaos geben", versichert Vertriebschef Christian Dahlheim. Es könne zu "einigen Wochen Verzug" für Kunden kommen.  Aber "wir haben, was die Lagerhaltung betrifft, so weit bevorratet, dass wir bei kurzfristigen Lieferverzögerungen handeln können". Falls bis zum Jahresende immer noch kein Abkommen zwischen London und Brüssel stehe, werde Bentley eine weitere Aufstockung der Lagerbestände prüfen. Die Produktion könnte zusätzlich an einigen Tagen ausgesetzt werden.

Der britische Autobauer Aston Martin, an dem Daimler mit fünf Prozent beteiligt ist, setzt ebenfalls auf den teureren Beschaffungsweg Luftfracht. Bislang hat die Firma ihre Motoren und Getriebe über den Hafen Dover ins Land geholt. Derzeit dauert die Abfertigung der Brummies dort zwei Minuten. Nur zwei Minuten mehr würden laut Betreiber bereits Staus von 27 Kilometern verursachen. Um dieses Nadelöhr zu umschiffen, sollen die LKWs laut Vereinbarung mit DHL auch andere Häfen ansteuern.

Der deutsche Zulieferer Bosch hat eine Investition von 39 Millionen Euro in eine britische Regionalzentrale zurückgestellt. Schaeffler will wegen dem Brexit zwei von drei Werken in Großbritannien schließen und die Produktion ins Ausland verlagern. Auch die Brexit-Bilanz des britischen Autoverbands SMMT fällt dramatisch aus: Wegen der insgesamt großen Unwägbarkeiten habe jedes dritte Mitglied Investitionen verschoben oder abgeblasen. Jedes zehnte Unternehmen hätte Kapazitäten ins Ausland verlagert oder die Mitarbeiterzahl reduziert.

Auch Erik Jonnaert vom Branchenverband ACEA sieht die Zukunft düster. Lagerhaltung sei aus Kosten- und Platzgründen nur kurzzeitig möglich: "Die brutale Wahrheit ist, dass kein Notfallplan realistisch die Lücken überbrücken könnte, sollte das Vereinigte Königreich die EU auf Basis der WTO-Regeln verlassen."

Logistikbranche: Experten sollen Zoll-Chaos bekämpfen

Die Logistikunternehmen, die Teile und Waren für die Insel herbeischaffen, sind die ersten, die den harten Brexit zu spüren bekommen. Täglich nutzen insgesamt mehr als 10.000 Lkw die Verbindung zwischen Calais und Dover, um England zu versorgen.

Sollte es zu breit angelegten Zollkontrollen kommen, werde "mit Sicherheit erstmal alles zusammenbrechen", prognostiziert Stefan Nüsse von der M+F Spedition aus dem niedersächsischen Nordhorn. Die Logistikfirma macht mehr als ein Viertel ihres Umsatzes mit Fuhren auf die Insel, das meiste geht durch das Nadelöhr Dover.

Vorsichtshalber sei seine Firma auf der Suche nach Zollagenten, die sich um die drohende Papierflut kümmern sollen. Zudem rechnet sie Alternativrouten durch. Aktuell verdient sie gut am Brexit: "Viele unserer Kunden bauen Vorräte auf der Insel auf, um möglichen Nachschubproblemen im Falle eines Zoll-Chaos vorzubeugen." Nüsse hat deshalb alle Hände voll zu tun, um genügend Lkw zu organisieren.

Lebensmittelbranche: Hamsterkäufe gegen die Essenskrise

Nicht nur die Autobauer, auch andere Branchen haben sich mit Lageraufbau gegen ein mögliches Brexit-Chaos gewappnet. Auch Supermärkte haben gehortet, um Lieferengpässen vorzubeugen. Um das programmierte Papier-Chaos zu bewältigen, soll der deutsche Discounter Lidl laut "Welt am Sonntag" auch zusätzliche Zollexperten eingestellt haben. 

Laut Euler Hermes gab es in den vergangenen Monaten "Hamsterkäufe wie nach einer Sturmwarnung", so dass die Lagerhallen bereits Ende November zum Platzen gefüllt waren. Die Strategie stößt allerdings schnell an ihre Grenzen. Der zweitgrößte Lebensmittelhändler der Insel, Sainsbury’s, bezieht rund 30 Prozent der Nahrungsmittel aus Kontinentaleuropa. "Egal wie die Vorratshaltung aussieht, das Risiko lässt sich nicht ernsthaft abschwächen, weil wir gar nicht die Kapazität haben, Vorräte für mehr als ein paar Tage einzulagern", erklärte der Vorstandsvorsitzende von Sainsbury’s, Mike Coupe, vor gut einer Woche.

Empfindliche Waren können nicht gelagert werden und bei zeitraubenden Kontrollen und Staus werden sie unbrauchbar.  Beobachter rechnen deshalb auf jeden Fall mit Engpässen sowie deutlich steigenden Nahrungsmittelpreisen. "Lassen sie uns keiner Täuschung hingeben, ein No-Deal kann nicht 'gesteuert werden', warnte Carolyn Fairbairn, Hauptgeschäftsführerin des Industrieverbands CBI.

Pharmabranche: Medikamente könnten knapp werden

Von der Insel kommen jeden Monat 45 Millionen Arzneipackungen auf den Kontinent, umgekehrt liefert die EU 37 Millionen Packungen nach Großbritannien. Auch Bayer und mehrere US-Pharmakonzerne haben Vorsorge getroffen und die Lager auf beiden Seiten des Kanals zumindest mit wichtigen Medikamenten aufgefüllt. 

Darüber hinaus haben britische Konzerne in den vergangenen Monaten zuhauf Zulassungen für ihre Medikamente auf dem Kontinent beantragt, weil ab dem 29. März die 3216 in Großbritannien zugelassenen Mittel nicht mehr in der restlichen EU verkauft werden dürfen. Gesundheitsminister Matt Hancock hat die Frage, ob er garantieren könnte, dass niemand wegen fehlender Medikamente sterben müsse, so beantwortet: "Ich bin zuversichtlich, dass wir eine ungestörte Arzneimittel-Versorgung solange haben, wie die bereitliegenden Pläne korrekt ausgeführt werden."

Banken: Geheime Alarmpläne bei Bafin und EZB

Auch die deutschen Banken haben sich "mit höchster Aufmerksamkeit" auf einen Brexit ohne Abkommen vorbereitet, versichert der Bundesverband deutscher Banken. Aber auch sie rechnen mit Unwägbarkeiten. "Wir können nur hoffen, dass wir alles gesehen haben", so Hauptgeschäftsführer Andreas Krautscheid im Inforadio. "Das, was wir im Moment sehen, ist in der Pipeline."

Es gebe deshalb keinen Grund, "in irgendeiner Weise Unruhe zu schüren". Zumal die Finanzaufsicht Bafin und die Europäische Zentralbank (EZB) Alarmpläne hätten, die Punkt Mitternacht am 29. März greifen. Bei Details hielt er sich jedoch bedeckt. Die EU hat für den Fall des harten Brexits ein Paket mit 14 Notfallmaßnahmen verabschiedet. So sollen etwa Derivate noch 12 Monate weiter abgewickelt werden.

Das Brexit-Votum hat viele Institute gezwungen, sich teilweise neu aufzustellen. Banken brauchen für Dienstleistungen wie das Einlagen- und Kreditgeschäft in der Europäischen Union rechtlich selbstständige Tochtergesellschaften in einem EU-Staat. Etwa 30 Geldhäuser mit Sitz in Großbritannien haben deshalb eine neue Lizenz für Frankfurt beantragt.

"Die Verträge zur Übertragung auf eine deutsche Rechtseinheit sind ausverhandelt, jetzt geht es darum, wann das scharfgeschaltet wird", sagt Hans-Peter Löw von der Anwaltskanzlei Allen & Overy. Die EU hat vorsorglich ein Notfallpaket geschnürt, das Sonderregeln für Finanzdienstleister enthält, um Turbulenzen an den Finanzmärkten abzufedern.

Luftfahrt: Hunderten Fliegern droht Startverbot

Nach Zahlen des Flughafenverbands ADV starten wöchentlich allein mehr als 1300 Maschinen von deutschen Flughäfen zu Zielen in Großbritannien. Bei einem No-Brexit-Deal werden die meisten Airlines ihre Lizenzen verlieren. Flugpassagiere müssen sich also auf ernsthafte Störungen im Flugverkehr einstellen. Airlines können dagegen wenig tun. Anders als andere Branchen können sie ihre "Produktion" nicht verlagern. Sie können nur hoffen, dass sich London und Brüssel einigen.

Für den Ernstfall hat die EU einen Notfallplan in der Schubblade. So sollen einige Verbindungen übergangsweise aufrechterhalten werden. Diese Regelung soll für zwölf Monate gelten. Bedingung ist allerdings, dass Großbritannien EU-Fluglinien ähnliche Rechte einräumt.

Gut aufgestellt ist der deutsche Ferienflieger Condor. Die frühere Lufthansa-Tochter mit 50 Flugzeugen gehört zum britischen Touristikkonzern Thomas Cook. Laut Konzernchef Christoph Debus gibt es mehrere Alternativpläne, mit denen Flüge sichergestellt werden sollen. "Ich gehe davon aus, dass unsere Lösung auch bei einem unkontrollierten Brexit hält." Mehr verrät er nicht.

Auch der europäische Flugzeugbauer Airbus ist vom Brexit ähnlich heftig betroffen wie die deutschen Autobauer. Mit 15.000 Mitarbeitern ist er einer der größten Arbeitgeber Großbritanniens. In den britischen Werken werden sämtliche Tragflächen der Flieger hergestellt und dann zur Endmontage nach Toulouse und Hamburg geliefert. Der Brexit droht die Lieferkette massiv zu stören.

Und es gibt noch ein Problem: Die Frage, ob Großbritannien nach dem Brexit Mitglied der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) bleibt. Sie ist unter anderem für die Zulassung aller Teile zuständig, die an Flugzeugen verbaut werden. Selbst wenn Airbus also die Lieferung von Flügeln an seine kontinentalen Werke sicherstellen könnte, ist nicht garantiert, dass diese auch montiert werden dürfen. Man arbeite an Gegenmaßnahmen, heißt es. Mehr hat der Konzern aber nicht verraten.

Quelle: n-tv.de

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