Sprudelnde Einnahmen?So schwer ist es, Venezuelas Ölinfrastruktur zu retten

Trumps Plan klingt ambitioniert: US-Ölkonzerne sollen nach Venezuela zurückkehren und Milliarden in die stark beschädigte Infrastruktur investieren. Im Interview erklärt Energiestratege Thomas O’Donnell, wie schnell das Land nach Jahren politischer und wirtschaftlicher Krise wieder zu alter Stärke finden kann.
ntv.de: Trumps Versprechen klingt vollmundig: US-Ölkonzerne sollen nach dem Angriff auf Venezuela ins Land zurückkehren und Milliarden von Dollar investieren, die stark beschädigte Ölinfrastruktur reparieren und damit beginnen, Geld zu verdienen. Wird dieser Plan aufgehen?
Thomas W. O’Donnell: Das wird unter anderem auch davon abhängen, ob der Übergang zu einer neuen Regierung friedlich verläuft und ob diese dann mit den Vereinigten Staaten kooperiert. Wenn kompetente Manager und qualifizierte Fachkräfte ins Land zurückkehren, ließe sich meiner Einschätzung nach selbst mit einem Abkommen mit der derzeitigen Regierung – etwa mit Delcy Rodríguez, die faktisch an der Spitze steht und zugleich den staatlichen Ölkonzern PDVSA leitet – kurzfristig eine spürbare Steigerung der Ölproduktion erreichen. Derzeit exportiert Venezuela etwa 800.000 Barrel pro Tag. Einige Quellen sprechen sogar von bis zu 950.000 Barrel pro Tag. Sollte der Regimewechsel reibungslos ablaufen, könnte die Produktion innerhalb von ein oder zwei Jahren um etwa die Hälfte steigen.
Welche Investitionen wären nötig, um kurzfristig signifikant mehr Öl zu fördern?
Um mehr als 800.000 Barrel pro Tag zu fördern, sind massive Investitionen erforderlich. Die Infrastruktur ist stark veraltet und schlecht gewartet. Einzelne Unternehmen müssten Investitionen in Milliardenhöhe tätigen. Es gibt sehr viele Fördergebiete, und genug Raum für fünf, sechs oder sieben große ausländische Ölkonzerne. Wahrscheinlich würden die Unternehmen zunächst – solange noch kein vollständiges Vertrauen in die neue Regierung besteht – erst einmal einen Fuß in die Tür bekommen wollen und nur Investitionen im Bereich von einigen Hundert Millionen Dollar tätigen. Das klingt nach sehr viel Geld, ist im Ölsektor aber im Grunde nur ein erstes Signal.
Die großen finanziellen Verpflichtungen könnten also zunächst ausbleiben?
Bis sich große Firmen wirklich verpflichten, müssen sie erstmal die Rahmenbedingungen kennen. Entscheidend wäre, dass die Unternehmen PDVSA vertrauen können, dass der staatliche Ölkonzern selbst sowie das zuständige Ministerium umstrukturiert worden sind und es klare, verlässliche Gesetze gibt.
Welche Konzerne hätten noch ein gesteigertes Interesse daran, in Venezuela wieder aktiv zu werden?
Zwei Unternehmen, die historisch gesehen auf amerikanischer Seite eine große Rolle gespielt haben, sind ConocoPhillips und ExxonMobil. Ich könnte mir vorstellen, dass sie erneut in Venezuela investieren wollen. Beide waren schon lange vor Hugo Chávez in Venezuela aktiv, kannten das Land und die Strukturen sehr gut und waren von Anfang an präsent. Sie entschieden sich jedoch zum Rückzug, als Chávez die rechtlichen Rahmenbedingungen veränderte.
Wie sahen diese Änderungen damals genau aus?
Ursprünglich galt ein 50/50-Modell: Ein ausländisches Unternehmen konnte 50 Prozent eines Ölfeldes halten, die anderen 50 Prozent gehörten PDVSA. Chávez änderte dieses Modell, indem er den ausländischen Unternehmen 10 Prozent entzog und diese Anteile PDVSA übertrug. Auf den ersten Blick ist das keine dramatische Veränderung. Entscheidend war jedoch, dass PDVSA damit eine Mehrheit von 60 Prozent erhielt. Das bedeutete, dass PDVSA fortan die operative Kontrolle über die Felder hatte. Sämtliche Einnahmen liefen über den Mehrheitsgesellschafter. PDVSA entschied über Ausgaben und Zahlungsflüsse. Auf diese Weise entstand ein enormer Strom an Korruption, den Chávez politisch nutzen konnte. Es handelte sich also nicht um eine radikale Verstaatlichung im klassischen Sinne, aber um eine sehr wirkungsvolle Verschiebung der Kontrolle über die finanziellen Mittel.
Und das akzeptierten ConocoPhillips und ExxonMobil nicht?
Genau. Sie waren mit den angebotenen Entschädigungen unzufrieden und lehnten die neue Struktur grundsätzlich ab. Beide verließen das Land und zogen vor internationale Schiedsgerichte. ConocoPhillips wurden dabei rund 10 Milliarden US-Dollar zugesprochen, ExxonMobil etwa 1,6 Milliarden. Diese Summen wurden bis heute nicht vollständig zurückgezahlt; ein Teil wurde beglichen, aber nicht alles. Falls ConocoPhillips und ExxonMobil nach Venezuela zurückkehren würden, gehe ich davon aus, dass sie entschädigt werden müssten.
Wie realistisch ist es, dass ausländische Ölkonzerne trotz Sicherheitsrisiken schnell zurückkehren?
Dafür braucht es ein klares, stabiles Rechtssystem, das nicht in einigen Jahren erneut infrage gestellt werden kann und Investitionen gefährdet. Das müsste mit der aktuellen Regierung verbindlich geklärt werden. Zudem geht es nicht nur um die Erschließung von Ölfeldern. Wenn man über zusätzliche eine halbe bis eine Million Barrel pro Tag hinausgehen will, muss die gesamte Infrastruktur erneuert werden: Stromversorgung, Straßen, Wohnorte in den Förderregionen und vieles mehr.
Zu Hochzeiten hat Venezuela in den 1970er Jahren pro Tag 3,5 Millionen Barrel gefördert. Sind solche Zahlen wieder denkbar?
Über einen Zeitraum von etwa fünf bis sieben Jahren könnte man die Förderung möglicherweise wieder auf dieses Niveau bringen. Die Vorgängerregierung von Chávez hatte sogar Pläne, auf etwa 6 Millionen Barrel pro Tag zu expandieren. Auch das ist grundsätzlich möglich. Bei all dem, was ich gesagt habe, muss man im Hinterkopf behalten: Solche Entwicklungen brauchen Zeit, selbst unter den besten Bedingungen.
Wie realistisch ist es, dass Venezuela langfristig wieder eine stabile Position auf dem Ölmarkt erreicht?
Es wird lange dauern, bis Venezuela genug Öl produziert, um den Weltmarkt wirklich zu beeinflussen. Über Jahrzehnte war das für die USA ohnehin kein relevantes Thema, weil venezolanisches Öl nicht dringend benötigt wurde – entgegen dem, was Chávez und Maduro oft behaupten. Für Trump ist Öl ein strategisches Instrument.
Was heißt das genau?
In Washington herrscht ein breiter parteiübergreifender Konsens darüber, dass viele der geopolitischen Probleme, die Russland verursacht, mit seiner Fähigkeit zusammenhängen, durch den Export von Öl große Gewinne zu erzielen. In Washington zitieren Senatoren beider Parteien häufig John McCain mit den Worten: „Russland ist eine Tankstelle, die sich als Staat tarnt.“ Etwa 93 von 100 Senatoren fordern knallharte Sanktionen gegen russische Exporte, um Russlands Aggressionspotenzial dauerhaft zu unterbinden. Trump ist überzeugt, dass Sanktionen gegen russisches Öl Putin unter Druck setzen können. Es gibt bereits Gesetze, die eine drastische Reduzierung russischer Ölexporte ermöglichen könnten – Russland exportiert derzeit nur etwa 3,4 Millionen Barrel pro Tag. Gleichzeitig gibt es Überkapazitäten bei OPEC+, sodass man den Druck auf Russland erhöhen könnte, ohne das Weltölsystem zu gefährden.
Und wie geht es weiter?
Langfristig, in vier bis sieben Jahren, wird die weltweite Nachfrage wieder steigen, etwa in Europa und China. Aus dieser Perspektive ist es für die US-Strategie sinnvoll, Venezuela wieder produktiv zu machen, um geopolitische Hebel zu nutzen und Märkte wie das russische Öl gezielt zu beeinflussen. Das ist, soweit ich sehe, ein zentraler Teil der Kalkulation hinter Trumps Vorgehen.
Mit Thomas W. O’Donnel sprach Juliane Kipper
Das Interview wurde auf Englisch geführt und sprachlich geglättet.