Oft mindestens zehn ProzentTrinkgeld per Kartenlesegerät - unverschämt oder praktisch?

Auswahlfelder für Trinkgeld bei der Kartenzahlung kommen bei der Mehrheit der deutschen Kunden nicht gut an. Für die Beschäftigten in der Gastronomie könnten sie sogar ein Nachteil sein. Nicht aber bei amerikanischen Gästen.
Andere Länder, andere Sitten. "Die Amerikaner geben meist 20 Prozent Trinkgeld bei meinem Kartenlesegerät. Bei den Deutschen sind es oft 10 Prozent", erklärt Emilia Bieber. "Manche sagen auch 'Das ist unverschämt' mit den vorgeschlagenen 10, 15 oder 20 Prozent Trinkgeld", ergänzt die Inhaberin des "Art Cafés" in Assmannshausen im Rheingau. Dabei bietet sie auch die Option "Kein Trinkgeld". Solche Vorschläge zeigen inzwischen viele Lesegeräte bei der Zahlung in Gaststätten. Welche Auswirkungen hat das auf das Trinkgeld? Was sagt das Finanzamt?
Mehr als die Hälfte der Befragten gab bei einer Yougov-Umfrage an, solche digitalen Auswahlfelder für Trinkgeld "schlecht" oder "eher schlecht" zu finden. Knapp ein Drittel hält sie für "gut" oder "eher gut". Mehr als ein Fünftel gibt inzwischen weniger Trinkgeld. Für die Umfrage waren im Dezember 2025 bundesweit 2060 Bürgerinnen und Bürger befragt worden.
Kai Eifler von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Darmstadt vermutet: "Viele Gäste fragen sich bei den Kartenlesegeräten vielleicht: 'Kommt mein Trinkgeld wirklich bei unserer Bedienung an oder steckt es sich das Unternehmen ein?'" Eifler vermutet, dass die digitalen Vorschläge daher die Hemmschwelle für Trinkgeld steigern.
Während Corona hat Umfragen zufolge das kontaktlose und als hygienisch geltende Zahlen zugenommen - auch in Restaurants und Cafés. Heute hat NGG-Gewerkschaftssekretär Eifler jedoch zumindest subjektiv den Eindruck, "dass viele in der Gastronomie wieder zu Zahlungen mit Bargeld zurückgekehrt sind". Ein Eiscafé in Eltville im Rheingau etwa hält nach eigenen Angaben nichts von Kartenlesegeräten mit fordernd wirkenden Trinkgeldoptionen.
Bequem ohne Kopfrechnen
Emilia Bieber, die neben ihrem "Art Café" in Assmannshausen auch ein gleichnamiges Café in der bei Touristen berühmten Drosselgasse in Rüdesheim am Rhein betreibt, zeigt sich dagegen damit zufrieden: Grob geschätzt bekomme sie zehn Prozent mehr Trinkgeld, seitdem sie vor wenigen Jahren ihre Geräte mit der digitalen Auswahl dafür angeschafft habe.
Diese bieten mit der Option "Trinkgeld manuell eingeben" auch die Möglichkeit, selbst statt einer Prozentzahl eine individuelle Geldsumme zu wählen. "Mit den Prozentsätzen aber finden es viele bequem, dann müssen sie nicht rechnen", sagt Bieber. "Manche fühlen sich überfordert, dann helfe ich gerne. Und wenn einer nichts geben will, bin ich auch nicht böse."
Bei der häufigen Wahl "20 Prozent" von US-Touristen wiederum profitiere sie davon, dass in deren Heimat in der Gastronomie generell höhere Trinkgelder niedrige Löhne ausgleichen sollten, erklärt Bieber, die ihre beiden "Art Cafés" mit Werken ihres Künstler-Lebenspartners Uwe Hellenbrandt dekoriert hat.
Trinkgeld als Argument für niedrigere Löhne
Gewerkschaftssekretär Eifler sagt, auch hierzulande komme es in der Gastrobranche vor, dass Arbeitgeber "als probates Mittel" in Lohn- und Gehaltsverhandlungen auf das Trinkgeld verwiesen, um ihre Bezahlung zu drücken. Mit Blick auf die Wirtschaftsflaute vermutet Eifler, "dass die Höhe des Trinkgeldes eher rückläufig ist". Die Faustregel, bei Zufriedenheit mit dem Service die Rechnungssumme um zehn Prozent zu erhöhen, werde heute wohl oft unterboten.
Und was sagen Finanzämter zu bar und digital gezahltem Trinkgeld in Gaststätten? Sie haben die Branche generell im Blick, vereinzelt macht hier Schwarzgeld Schlagzeilen. Die Gastronomie ist laut Experten "bargeldintensiv": Einnahmen ließen sich relativ leicht vor dem Fiskus verstecken - was allerdings keinen Generalverdacht rechtfertigt.
Generell können für die Einnahmen von Gastronomen verschiedene Arten von Steuern anfallen. Und für das Trinkgeld? Wenn Gäste freiwillig und ohne Rechtsanspruch der Bedienung eine zusätzliche finanzielle Anerkennung zukommen lassen wollen, ist diese steuerfrei, wie die Oberfinanzdirektion (OFD) Frankfurt am Main erläutert. Eine Höchstgrenze dafür gibt es nicht. Und ob Gäste Trinkgeld bar oder digital zahlen, ist egal.
Seit dem Mittelalter bekannt
Eine Ausnahme bilden laut der OFD Pflicht-Bedienzuschläge: Hat eine Kellnerin oder ein Kellner einen etwa im Arbeitsvertrag geregelten Rechtsanspruch auf solche zusätzlichen Zahlungen, sind diese steuerpflichtig. Auch bei selbstständigen Gastronomen, also Unternehmern, gilt der OFD zufolge die Steuerfreiheit beim Trinkgeld nicht. Dieses erhöht vielmehr seine Betriebseinnahmen und muss in die Berechnung der Umsatzsteuer einbezogen werden.
Laut dem Deutschen Knigge-Rat tauchte der Ausdruck "Trinkgeld" schon im späten Mittelalter auf. Die ursprüngliche Absicht eines Spenders bei der Anerkennung einer Dienstleistung sei gewesen, "dass das Trinkgeld auf sein Wohl vertrunken wird".