Wirtschaft

Treten die USA auf die Gas-Bremse?Trump hat Europa mit LNG-Lieferungen in der Hand

08.02.2026, 14:51 Uhr image (2)Von Hannes Vogel
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Die EU bezieht den Großteil der LNG-Lieferungen aus den USA. (Foto: IMAGO/Nicolas Koutsokostas)

Vor dem Ukraine-Krieg hing Europa an Moskaus Energie-Tropf. Derselbe fatale Fehler wiederholt sich nun mit den USA: Durch US-Flüssiggas-Exporte hat Donald Trump ein massives Druckmittel in seinem Wirtschaftskrieg gegen Europa.

Es war ein Schockmoment: Wenige Monate nach dem Einmarsch in die Ukraine drehte Russlands Präsident Wladimir Putin Europa im Sommer 2022 den Gashahn zu. Erst schützte der Kreml angebliche technische Probleme vor, dann erklärte Gazprom den Lieferstopp auf unbestimmte Zeit. Und schließlich sprengten Saboteure die Nordstream-Pipelines in der Ostsee - mutmaßlich allesamt Ukrainer, die mit Unterstützung der Regierung in Kiew gehandelt haben sollen. Die Energiepreise explodierten, Europa musste seine Versorgung in Echtzeit umbauen. Seitdem hat Brüssel seine Abhängigkeit von Russland massiv reduziert. Und sich dabei in die Arme des nächsten Lieferanten geflüchtet, der die EU erpressen könnte.

Denn ähnlich abhängig wie Europa einst von russischem Gas war, ist der Kontinent nun von Lieferungen aus den USA. Und es steht zu befürchten, dass US-Präsident Donald Trump diesen Trumpf im schwelenden Konflikt mit Europa demnächst ausspielen könnte. "Wir sind von einer massiven Abhängigkeit in die nächste geraten", zitiert die "New York Times" Henning Gloystein von der Beratungsfirma Eurasia Group. "Vor drei Jahren war das noch kein Problem. Aber jetzt schon."

Jahrzehntelang hing Europa am Tropf des Kremls. Vor Putins Überfall auf die Ukraine kamen 2021 rund 45 Prozent aller EU-Gasimporte aus Russland. Inzwischen sind es laut dem Brüsseler Thinktank Bruegel nur noch knapp 12 Prozent. Gerettet hat der Kontinent seine Energieversorgung vor allem mit Importen von Flüssiggas (LNG) aus den USA: Von gerade mal rund 6,5 Prozent im Jahr 2021 auf inzwischen mehr als ein Viertel der gesamten EU-Gasimporte haben sie sich mehr als vervierfacht. Mehr als 60 Prozent aller LNG-Lieferungen kommen inzwischen aus Übersee. Nach Pipeline-Gas aus Norwegen sind sie derzeit Europas wichtigste Energieversorgungslinie. Falls Trump sie kappen sollte, könnte die EU erneut Probleme bekommen wie im Sommer 2022, als Putin den Gashahn zudrehte.

Die Angst ist, dass genau das bald passieren könnte. Denn Donald Trumps Annexionsgelüste gegenüber Grönland sind keine vorübergehende Episode der US-Außenpolitik. Die MAGA-Bewegung sieht laut offizieller US-Sicherheitsstrategie in Europa ihren ideologischen Hauptfeind, weil der Kontinent die Werte vertritt, die Trump in den USA abschaffen will. Sein Angriff auf die Demokratie könnte sich daher mittelfristig auch auf die Heiztemperatur deutscher Wohnzimmer und die Betriebstemperatur deutscher Werkshallen auswirken. Denn in seinem Wirtschaftskrieg gegen die EU wäre es für Trump ein Leichtes, auf die Gas-Bremse zu treten.

Setzt Trump seine Trumpfkarte ein?

Der Handelsdeal, den die EU im Sommer mit Trump geschlossen hat, vergrößert das Erpressungspotenzial noch. Denn darin verpflichtete sich Brüssel, zwischen 2026 und 2028 US-Energie im Wert von 250 Milliarden Dollar zu kaufen.

Das Zollabkommen zeigt aber auch: Die US-Gasexporte sind nicht nur ein strategischer Hebel gegenüber der EU. Sondern bedeuten hohe Einnahmen für die US-Wirtschaft. Die dürfte Trump nicht leichtfertig aufs Spiel setzen wollen.

Zudem stehen die US-Exporte anders als in Russland nicht unter Kontrolle eines Staatsmonopolisten wie Gazprom. Falls Trump seinen Trumpf ausspielt, dürfte es also Widerstand von US-Großkonzernen geben, die an dem Handel prächtig verdienen. Hinzu kommt, dass mittelfristig ein Überangebot von LNG auf dem Weltmarkt herrscht. Sollte Trump die US-Lieferungen kürzen, werden in Europa nicht die Lichter ausgehen.

Doch es könnte erneut starke Preisturbulenzen geben, wie schon beim kalten Entzug von russischem Gas im Sommer 2022. Die Wirtschaftsflaute, die Putins Energie-Hammer ausgelöst hat, lähmt das Wachstum in Deutschland bis heute.

Insgesamt muss Europa also alles andere als beruhigt sein. Schon in seiner ersten Amtszeit hat Trump die Gas-Karte strategisch ausgespielt. 2019 verhängte er Sanktionen gegen die am Bau der russischen Nordstream-2-Pipeline beteiligten Unternehmen, lange bevor Putin in der Ukraine einmarschiert war. Trumps Ziel: Deutschland und Europa von russischen Lieferungen loszueisen und mehr US-Gas in Europa zu verkaufen. Washington betreibe "unter dem Deckmantel von Sanktionen Industriepolitik zugunsten seiner eigenen Energieversorger", protestierte das Auswärtige Amt damals. Genützt hat es nichts: Trumps Plan ist voll aufgegangen, wie die Explosion des US-Marktanteils in Europas Energie-Importbilanz zeigt.

Nur Sparsamkeit hilft gegen Trump und Putin

Spätestens mit Trumps Grönland-Gelüsten ist die Botschaft in Brüssel angekommen. Nicht nur weil der zuständige EU-Energiekommissar Dan Jorgensen ausgerechnet aus Dänemark kommt - dem Land, dem Trump offen mit dem Einmarsch auf seiner Arktis-Insel gedroht hat. Trumps militärische Aggressionsfantasien seien "ein klarer Weckruf gewesen", sagt Jorgensen. Man werde nun in den nächsten Monaten aktiv nach anderen Lieferanten suchen und bestehende Lieferbeziehungen aufbauen, vor allem mit Kanada, Qatar und nordafrikanischen Ländern wie Algerien woher schon jetzt zehn Prozent der EU-Importe kommen. Eine formale Obergrenze für US-Gasimporte ist bisher aber nicht im Gespräch.

Kein Wunder: Kurzfristig bleibt Europa kaum eine Alternative zu Lieferungen aus den USA. Die EU importiert momentan nicht nur ihre militärische Sicherheit, sondern zwangsläufig auch ihre Energiesicherheit von dort: Die eigenen Vorkommen sind begrenzt, eine reine Selbstversorgung unrealistisch. Und mittelfristig ist auch keine alternative Quelle in Sicht, die mehr als ein Viertel der Importe zusätzlich decken könnte - außer natürlich Russland, das ausscheidet, solange Putin seinen Krieg in der Ukraine weiterführt.

Europa ist aufgrund seiner geringen Vorkommen ein Kontinent mit natürlicher Energiearmut. Diese strategische Schwäche können alle Autokraten zur Erpressung ausnutzen - von Trump über Putin bis hin zu arabischen Ölscheichs. Gegen eine potenzielle Energiekrise hilft also nur bedingt, die Lieferanten zu diversifizieren. Sondern nur, die Abhängigkeit insgesamt zu verringern: durch den Ausbau erneuerbarer Energien und eine Senkung des Gasverbrauchs.

Auch hier hat sich seit Putins Einmarsch schon viel getan: Zwischen 2021 und 2025 sind Europas Gasimporte insgesamt um mehr als 16 Prozent gesunken. Doch die Zeit drängt: Allein 2025 haben die US-Gaslieferungen um rund 60 Prozent zum Vorjahr zugelegt. Gerade erst hat die EU den vollständigen Ausstieg aus allen russischen Gaslieferungen bis spätestens 1. November 2027 beschlossen, egal ob über Pipelines oder LNG-Tanker. Donald Trumps Erpressungspotenzial dürfte sich also nur vergrößern.

Quelle: ntv.de

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