"Sind mitten im Handelskrieg"Trumps Grönland-Rückzug ist eine Nebelkerze
Von Juliane Kipper
US-Präsident Trump nimmt seine Zoll-Drohung zurück, doch die Unsicherheit bleibt. Europa ringt um Antworten auf eine zunehmend aggressive US-Handelspolitik - und sucht einen Ausweg aus der Abhängigkeit.
Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos hat Donald Trump seine Zoll-Drohung im Grönland-Konflikt zwar wieder kassiert. Die Furcht vor einem mit wirtschaftlichen Druckmitteln ausgetragenen Konflikt ist damit aber noch lange nicht vom Tisch. Der US-Präsident hatte am Wochenende acht europäischen Staaten, die mit seinen Grönland-Ambitionen nicht einverstanden waren, ab Februar mit Sonderzöllen gedroht.
Der jüngste Rückzieher zeigt nun erneut, wie unberechenbar die US-Handelspolitik geworden ist. Die schädliche Unsicherheit für Handel und Wirtschaft hält weiter an. Seit der US-Präsident vor einem Jahr wieder ins Weiße Haus eingezogen ist, versucht er skrupellos, seine Interessen durchzusetzen. Um Zugeständnisse zu erzwingen, greift Trump auf eine Reihe unlauterer Mittel zurück: drohen, erpressen, einschüchtern. Er hält sich nicht an Zusagen. Bei einem Sondergipfel in Brüssel beraten Staats- und Regierungschefs der EU heute Abend deswegen darüber, wie sie mit diesen dramatischen Entwicklungen in den transatlantischen Beziehungen umgehen sollen.
Einen Handelskrieg wollen sie vermeiden. Doch laut Robert Stephan von der Strategieberatung Advyce & Company ist es dafür eigentlich schon zu spät. "Wir sind schon seit Sommer letzten Jahres mittendrin", sagt er im Gespräch mit ntv.de. So gesehen geht es um Schadensbegrenzung. Besonders verwundbar in einem Handelskrieg ist die stark exportorientierte deutsche Wirtschaft. Die USA als weltgrößte Volkswirtschaft sind seit Jahren der wichtigste Abnehmer von Waren "Made in Germany". Nach einer Analyse der Bundesbank ist fast jeder vierte Arbeitsplatz hierzulande vom Export abhängig. Zuletzt warnte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), neue US-Zölle könnten das Wirtschaftswachstum in Deutschland "erheblich drücken".
Eines ist laut Stephan klar: "Schönreden oder Aussitzen sind keine Optionen mehr – und das gilt gleichermaßen für Politik wie für Wirtschaft." Unternehmen und Industrien müssten jetzt "in Szenarien der vollkommenen Unsicherheit denken und überlegen, wie man sich möglichst weitgehend von Einflüssen aus den USA unabhängig macht". Seiner Einschätzung zufolge leiden der ohnehin schon gebeutelte Automobilsektor und der Maschinen- und Anlagenbau am meisten unter den aktuellen Unsicherheiten. Unternehmen sind gezwungen, gegenzusteuern: In den USA baut BMW deswegen etwa seinen Standort in South Carolina aus. Der Autobauer nimmt dafür eine Milliarde US-Dollar in die Hand.
Solche Investitionen können sich allerdings nur wenige Firmen leisten. Stephan stellt außerdem infrage, wie sinnvoll solche Maßnahmen angesichts von Trumps Sprunghaftigkeit sind. "Er könnte jederzeit neue Regelungen einführen, die ausländische Firmen benachteiligen – auch solche, die auf US-Boden tätig sind. Das bedeutet: Kurzschlussreaktionen wie milliardenschwere Investitionen müssen sorgfältig abgewogen werden." Er empfiehlt Industrien, die sich nicht schnell anpassen können, sich auf eine raue Zeit einzustellen – mindestens für die nächsten zwei bis drei Jahre. Sie sollten sich auch nach Alternativen umsehen.
Laut Stephan führt in Zukunft kein Weg an Indien vorbei. In der kommenden Woche findet in Neu-Delhi ein EU-Indien-Gipfel statt. Dort geht es nach rund zwanzig Jahren Verhandlungen um den Abschluss eines Freihandelsabkommens. Der Deutschen Industrie- und Handelskammer zufolge wäre ein solcher Schritt nicht nur eine passende Antwort auf die aktuelle US-Politik. Ein Erfolg wäre angesichts der teilweise sehr hohen Handelshürden in Indien auch ein echter Game-Changer für die deutsche Wirtschaft.
Deutschland ist schon jetzt der wichtigste Handelspartner Indiens in der EU. Das Handelsvolumen lag 2024 bei 31 Milliarden Euro. "Die Zeit des Wartens ist vorbei. Wir müssen jetzt handeln: Arbeitsplätze sichern, Margen schützen und uns von den USA – solange sie sich so verhalten – weitestgehend unabhängig machen", sagt Stephan.