Wirtschaft

Interview mit IWF-Chefin Lagarde "Trumps erstes Jahr war ziemlich hektisch"

Die Weltwirtschaft brummt. Trotzdem warnt IWF-Chefin Lagarde vor dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos: Die größte Gefahr für das Wachstum sind populistische Politiker wie Donald Trump - und seine "America First"-Abschottungspolitik.

n-tv: Ich hoffe, Sie hatten bisher einen interessanten Aufenthalt in Deutschland. Sie sind ja zu einer sehr interessanten politischen Zeit gekommen. Was erwarten Sie von der künftigen Regierung in Deutschland?

Christine Lagarde: Viel (lacht)! In der Tat waren es sehr beruhigende Nachrichten in der vergangen Woche, dass die Sondierungsgespräche erfolgreich waren. Denn die deutsche Führungsrolle ist wichtig - nicht nur für die Richtung im eigenen Land, sondern auch in der Europäischen Union. Deutschland ist ein entscheidender Akteur, es muss seine Führung auch auf globaler Ebene beweisen. Ich war besonders froh, dass die ersten drei Seiten des Sondierungspapiers die europäische Ebene in den Mittelpunkt rücken - die Wiedererweckung der Europäischen Union, wie die Kanzlerin es nennt.

Was ist ihr Ausblick für die Weltwirtschaft, und denken Sie, dass wir das Schlimmste inzwischen hinter uns haben?

Nicht nur liegt der Sturm hinter uns. In der Weltwirtschaft scheint die Sonne. Wir haben die Krise überstanden. Sowohl die Industrieländer als auch die Entwicklungsländer sind in einer guten Situation. Das bedeutet nicht, dass alle Probleme gelöst und alle Risiken für einen Abschwung verschwunden sind. Aber es bedeutet, dass es Zeit wird, das Dach in Ordnung zu bringen; sicherzustellen, dass das Haus solide ist, damit die Wirtschaft in der nächsten Krise stärker ist.

Welche Probleme besorgen Sie am meisten?

In der folgenden Reihenfolge sind das vor allem: Die protektionistischen Versuchungen einiger populistischer Politiker. Denn der Welthandel erholt sich wieder und wird einer der Motoren des globalen Wachstums sein. Zweitens wären plötzliche Zinserhöhungen und Haushaltskürzungen in den USA gefährlich, falls die Wirtschaft dort infolge der Steuerreform überhitzt. Das würde dann potentiell zu Kapitalflucht aus einigen Entwicklungsländern führen, die besonders verwundbar sind. Und drittens könnte das Missmanagement der chinesischen Wirtschaft Folgen haben: Die Behörden dort müssen die Kreditvergabe drosseln, um die Wirtschaft abzukühlen, für die Zukunft zu stabilisieren und besseres Wachstum zu ermöglichen.

Sie brechen bald zum World Economic Forum in Davos auf. Was sind angesichts aller Probleme, die Sie gerade erwähnt haben, ihre Erwartungen an das Treffen?

Wenn wir diese drei Probleme angehen können, besonders das erste, wäre das ein Fortschritt. Aber Davos dient auch dem Zweck, in die Zukunft zu schauen und sich die großen mittelfristigen und langfristigen Fragen vorzunehmen. Zum Beispiel die wachsende, extreme Ungleichheit in vielen Ländern und die Folgen für den sozialen Zusammenhalt. Weitere Kernthemen, die unbedingt auf die Agenda gehören und sofort angegangen werden müssen, sind die Umweltrisiken, hervorgerufen durch verschiedene Faktoren wie den Klimawandel, um den wir uns kümmern müssen.

Wie sehen sie dem Besuch des US-Präsidenten Trump in Davos entgegen?

Donald Trumps Besuch in Davos wird sicherlich ein Großereignis. Er wird viel länger in Davos bleiben als viele seine Vorgänger. Das ist ein ermutigendes Signal, dass es hoffentlich Dialog und bilaterale Treffen geben wird, eine Anstrengung, eine gemeinsame Zukunft in einer zerrissenen Welt zu schaffen. Dafür muss man sich mit den Brüchen auseinandersetzen und sie nicht verschärfen.

Wie bewerten Sie das erste Jahr von Trumps Präsidentschaft? Was hat Sie am meisten besorgt?

Oh, es war ziemlich hektisch (lacht)! Aber ich würde sagen, dass er es aus seiner Sicht sicher als Erfolg empfindet. Seine Steuerreform hat große Bereiche des US-Steuerrechts überholt. Das wird einen Effekt auf die USA und weltweit haben, den wir gerade erst anfangen zu begreifen.   

Es wird wahrscheinlich auch eine Menge Gespräche zum Brexit geben. Was sagen Sie zur Idee eines "Exit vom Brexit"?

Das ist eine schöne Idee. Ich bin sicher, es werden noch viele Seiten in Zeitungen darüber geschrieben werden. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert, ist sehr, sehr gering.

Und wenn es passiert wird irgendjemand davon profitieren?

Entscheidend ist es, die Unsicherheit zu verringern. Denn wie lange auch immer diese Unsicherheit fortbesteht, sie wird definitiv Verlierer hervorbringen. Je früher wir die Art der Beziehungen während der Übergangsphase, die Reihenfolge der Trennung verstehen, desto besser wird es für alle sein.

Um noch einmal zurückzukommen auf Möglichkeiten, die Eurozone stabiler aufzustellen: Was halten Sie von der Idee eines europäischen Währungsfonds?

Als Teil der Stärkung der Institutionen der Eurozone, die wir gesehen haben, wäre es förderlich, die Fähigkeit zu haben, weitere Finanzhilfen anzubieten und Geld auf den Märkten zu besorgen. Wenn zum Beispiel eine Bank in Schieflage gerät und systemrelevant ist, oder wenn ein Land auf massive Probleme zusteuert, ist das vorteilhaft. Was auch immer dabei hilft, Unsicherheit zu verringern und die Bank- und Fiskalunion zu stärken, ist willkommen. Wir haben auch Beziehungen zu anderen regionalen Währungsunionen auf der Welt und wir wollen auf jeden Fall die bestmöglichste Beziehung zum Rettungsfonds ESM bewahren, egal wie diese Institution künftig heißen wird.

Wie sehr würden Sie denn aber einen solchen Europäischen Währungsfonds befürworten?

Ich versuche nicht, dafür oder dagegen zu sein. Das ist nicht der Punkt. Die Frage ist, ob er eine effektive Institution für die Aufgabe sein wird, für die er beabsichtigt ist. Entscheidend wird dabei seine Wendigkeit sein, seine Fähigkeit, schnell zu sein und bei Krisen zügig Finanzhilfen auszuschütten. Das wird von seiner Steuerung abhängen.

Meine letzte Frage an Sie ist eher eine persönliche Frage. Sie haben immer wieder mit Ländern zu tun, die in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken. Was war die schwierigste Aufgabe, vor der Sie bislang standen?

Menschlich war das Schwierigste sicherlich die Ermordung eines Mitarbeiters in Kabul. Der Familie die Nachricht zu überbringen, die Teams zusammenzuhalten, den Kummer und die Trauer zu verarbeiten, das war wirklich hart. Es hat den IWF stärker zusammengeschweißt, aber es war hart. Bei unseren Programmen versuchen wir uns darauf zu konzentrieren, die Ausgaben zu denen zu lenken, die sie am nötigsten brauchen. Wenn wir zu Hilfe gerufen werden ist die Situation stets schwierig und es ist wenig Geld da. Wir helfen weiter. Wir stellen Programme auf, das wenige Geld richtig auszugeben und die Hilfsbedürftigen zu unterstützen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Christine Lagarde sprach Isabelle Körner.

Quelle: ntv.de

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