Entspricht Dreifachem des BIPStudie: Ukraine braucht 588 Milliarden Dollar für Wiederaufbau

Angriffe auf die Energieversorgung, zerstörte Häuser und Straßen: Vier Jahre russischer Angriffskrieg haben die Ukraine schwer gezeichnet. Das Land wieder aufzubauen, kostet Hunderte Milliarden Dollar. Das wichtigste Kapital sind nach Expertenansicht aber die Menschen.
Der Wiederaufbau der ukrainischen Wirtschaft wird nach Einschätzung internationaler Institutionen im kommenden Jahrzehnt rund 588 Milliarden Dollar kosten. Dies teilten die Weltbank, die Vereinten Nationen, die EU-Kommission und die Regierung in Kiew heute und damit einen Tag vor dem vierten Jahrestag des russischen Einmarsches mit. Die für den Wiederaufbau benötigte Summe in den nächsten zehn Jahren ist damit mittlerweile zwölf Prozent höher als bei der Schätzung im Vorjahr.
Die Studie basiert auf Daten, die den Zeitraum vom Beginn der Invasion am 24. Februar 2022 bis zum 31. Dezember 2025 abdecken. Seit Kriegsbeginn sind mehr als ein Siebtel der Wohnhäuser in der Ukraine beschädigt oder zerstört worden. Die massiven russischen Angriffe auf die Energieversorgung im Januar und Februar dieses Jahres sind in den Zahlen folglich noch nicht enthalten. Diese hatten während des kältesten Winters seit Jahrzehnten zu weitreichenden Ausfällen von Strom, Heizung und Wasser geführt. Dennoch verzeichnet der Bericht bereits einen Anstieg der Schäden an der Energieinfrastruktur um 21 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
"Vier Jahre nach Beginn der russischen Großinvasion werden die Gesamtkosten für Wiederaufbau und (wirtschaftliche) Erholung nun auf fast 588 Milliarden Dollar geschätzt", erklärte die ukrainische Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko. Dies entspreche fast dem Dreifachen des für 2025 prognostizierten BIP. Um die gewaltigen Summen zu stemmen, müsse die Ukraine Reformen anstoßen, hieß es in dem Bericht weiter. Etwa 40 Prozent des Bedarfs könnten durch den Privatsektor gedeckt werden, sofern Investitionen in produktive Bereiche wie Landwirtschaft und Industrie flössen.
Die direkten Schäden in der Ukraine belaufen sich dem Bericht zufolge mittlerweile auf 195 Milliarden Dollar (gut 165 Milliarden Euro). Am stärksten betroffen ist der Wohnungssektor mit Schäden von rund 61 Milliarden Dollar. Es folgen der Verkehrssektor mit 40,3 Milliarden und der Energiesektor mit fast 25 Milliarden Dollar. Die Menschen in der Ukraine waren im vergangenen Jahr teilweise bis zu 18 Stunden am Tag ohne Strom.
Wirtschaftsleistung bricht massiv ein
Der Krieg hat auch die Wirtschaftskraft des Landes massiv geschwächt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist real um 21 Prozent niedriger als im Jahr 2021 vor der russischen Invasion. Zudem löste der Konflikt die größte Flüchtlingskrise in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg aus: Ende 2025 lebten mehr als sechs Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer als Flüchtlinge im Ausland, darunter gut eine Million allein in Deutschland. Weitere 4,6 Millionen Menschen waren Vertriebene im eigenen Land.
Das alte Wirtschaftsmodell mit schwachem Wettbewerb und großem Staatseinfluss reiche nicht aus, um die nötige Dynamik zu erzeugen, geht aus dem Bericht hervor. Matthias Schmale, UN-Koordinator für die Ukraine, mahnte zudem Investitionen in das Humankapital an. Die Rückkehr von Flüchtlingen und die Reintegration von Veteranen seien entscheidend. "Das wichtigste Kapital der Ukraine sind ihre Menschen", sagte Schmale.
Die Verbündeten der Ukraine sammelten in der Vergangenheit bereits Milliardensummen für den Wiederaufbau des Landes. Kiew steckte die Hilfen bisher jedoch mehrheitlich in seine Verteidigung gegen die russische Armee und zur Stabilisierung seiner Wirtschaft. Angaben des Kiel Instituts für Weltwirtschaft zufolge haben die westlichen Verbündeten der Ukraine seit Kriegsbeginn bereits mehr als 400 Milliarden Dollar für die militärische und humanitäre Unterstützung der Ukraine bereitgestellt. Der russische Großangriff auf die gesamte Ukraine jährt sich am Dienstag zum vierten Mal.