Wirtschaft

Zwölf Stunden Flugverbot Umzug zu Erdogans Super-Airport beginnt

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Erdogans neuer Flughafen ist am Ziel.

(Foto: Homepage Istanbul Airport)

Nach drei Verschiebungen soll Erdogans Prestigeprojekt am Bosporus dieses Wochenende endlich komplett in Betrieb gehen. In der Nacht hat ein riesiger logistischer Kraftakt begonnen. Am Himmel über Istanbul herrscht Ausnahmezustand. Nur einer macht sich rar.

Wie der Berliner BER hatte auch dieses Airport-Großprojekt seine Tücken, doch nun scheint es vollbracht: Der neue Istanbuler Mega-Flughafen, der im Oktober 2018 nur im Teilbetrieb an den Start gehen konnte, wird am 7. April nun endlich komplett ans Netz gehen. Vorher ist allerdings noch ein letzter logistischer Kraftakt nötig.

Laut der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu Agency (AA) müssen im Rahmen des Umzugs in den kommenden beiden Tagen fast 50.000 Tonnen Material vom alten Flughafen Atatürk zum neuen Airport verfrachtet werden. Während dieser Zeit wird am Boden und am Himmel teilweise Ausnahmezustand herrschen. Noch vor dem Morgengrauen begannen Hunderte Lastwagen ihre Touren durch die Millionenstadt, die teilweise abgesperrt wurde. Die Flotte der halbstaatlichen Fluggesellschaft Turkish Airlines soll größtenteils hinüberfliegen. Zwölf Stunden lang wird an beiden Airports, die knapp 40 Kilometer auseinanderliegen, aber auch absolutes Flugverbot herrschen. Läuft alles so wie geplant, werden nach diesem Umzug der Superlative aber alle Gesellschaften endlich vom neuen Flughafen aus starten und landen können.

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Offizielle Ankündigung auf der Website des Flughafens.

(Foto: Homepage istanbulhavalimani.com)

Der neue "Flughafen Istanbul" ist immer ein Prestigeprojekt von Präsident Recep Tayyip Erdogan gewesen. Nach knapp fünf Jahren Bau, viel Kritik und Querelen dürfte die Freude des Staatschefs darüber jedoch gebremst sein. Das Timing könnte kaum schlechter sein. Denn sein Vorzeigeprojekt schaltet genau zu dem Zeitpunkt auf Vollbetrieb, wo Erdogan seine größte Niederlage verkraften muss.

Der Plan war ein anderer: Eigentlich wollte der türkische Präsident sich und seiner Wirtschaftspolitik mit dem neuen Flughafen ein Denkmal setzen. Die Bürger und Wähler entschieden jedoch, ihm und seiner Politik bei der Kommunalwahl einen Denkzettel zu verpassen. Die türkische Wirtschaft ist unter Erdogans Regierung in eine schwere Rezession gerutscht, die Lira ging auf Talfahrt. Dafür macht der Präsident zwar gerne den Westen verantwortlich, die Mehrheit der Wähler ist ihm in diesem Punkt aber offenbar nicht gefolgt.

Erdogan macht sich rar

Ob sich Erdogan während des größten Umzugs der Luftfahrtgeschichte vom Südwesten zum Nordrand der Metropole zeigen wird, ist unklar. Auftritte in der Öffentlichkeit zu diesem wichtigen Ereignis sind zumindest nicht angekündigt. Der Präsident ist abgetaucht. Nach Informationen der "Bild"-Zeitung befindet er sich in seiner privaten Villa in Üsküdar auf der asiatischen Seite Istanbuls. Angeblich überlegt er derzeit mit seiner Führungsriege, welche politischen Veränderungen nach der Wahlschlappe nötig sind.

Mit oder ohne ihn, die Karawane rollt. Punkt 3 Uhr Ortszeit am Freitagmorgen hat sie sich in Richtung des neuen Flughafens in Bewegung gesetzt. Samstagnacht um 2 Uhr (Freitag 23 Uhr nach GMT) wird Turkish Airlines nach offiziellen Angaben ihren letzten internationalen Flug vom alten Flughafen Atatürk abwickeln. Dann wird zwölf Stunden lang der Himmel leer und alle Flugzeuge am Boden bleiben. Erst danach soll am neuen Airport der Flugverkehr nach und nach hochgefahren werden. Insgesamt 45 Stunden werden für den kompletten Umzug veranschlagt. Am Sonntag, den 7. April um Mitternacht, wird der Spuk laut den Angaben auf der Website vorbei sein (plus 3 Stunden nach GMT).

Dass es endlich so weit ist - trotz aller Kritik, die es für dieses überdimensionierte Projekt über die Jahre gehagelt hat - dürfte für Erdogan eine Genugtuung sein. Immerhin ist es eine der wichtigsten Investitionen des Landes. Mindestens 10,5 Milliarden Euro sollen in dieses Zukunftsprojekt geflossen sein.

Entsprechend groß sind die Hoffnungen, die an dieses Projekt geknüpft sind. Die Wirtschaft - insbesondere der Tourismus- und Immobiliensektor - erwartet, dass der Airport als vertrauensbildende Maßnahme wirkt. Dass nach der massenhaften Abwanderung von Geldgebern viele neue ausländische Investoren kommen werden, die neues Geld ins Land bringen. 

Zweifel am Mega-Projekt bleiben

Ziel der Planer ist, dass der Airport die neue Nummer eins auf der Welt wird. Bis der Flughafen diese Größe erreicht hat, werden allerdings noch zehn weitere Jahre vergehen. Die Passagierzahl soll sich in dieser Zeit von 90 Millionen - das sind so viele, wie derzeit die beiden Istanbuler Flughäfen Atatürk (64 Millionen Passagiere) und Sabiha Gökcen (30 Millionen Passagiere) zusammen haben - auf 200 Millionen mehr als verdoppeln. Läuft alles wie geplant, wird die Kapazität nach Fertigstellung der letzten Bauphase im Jahr 2028 bei 500 Flugzeugen und täglich 2000 Starts und Landungen liegen.

Die Türkei schreibt damit Luftfahrtgeschichte. Trotzdem wird die Kritik am Flughafen so schnell nicht verstummen. Es gibt große Sicherheitsbedenken, unter anderem, weil es am Schwarzen Meer oft windig und neblig ist. Sorgen bereitet auch, dass der Flughafen auf aufgefüllten Kohlegruben steht und der Boden nachgeben könnte. Naturschützer befürchten, dass der Flugverkehr die wichtige Vogelflugroute zwischen Europa und Asien stört. Auch die Arbeitsbedingungen auf der Großbaustelle - es soll Hunderte Todesfälle gegeben haben - werden wahrscheinlich immer wie ein Schatten auf dem Flughafen lasten. Ungeachtet all dieser Kritik lässt sich im Moment aber auch feststellen: Dieser Airport wird fertig.

Quelle: n-tv.de