Wirtschaft

Hauptversammlung nach Dieselgate VW macht Kniefall vor Aktionären

Der Volkswagen-Konzern wirbt mit einer Mischung aus Demut und Reformwillen um Rückhalt bei seinen Aktionären. Chefkontrolleur Pötsch entschuldigt sich für die Manipulationen. Beim Thema Abschlussbericht zur Affäre muss er die Anleger jedoch vertrösten.

Volkswagen hat sich bei den Aktionären für die millionenfache Manipulation von Diesel-Abgaswerten entschuldigt. "Wir bedauern, dass die Dieselthematik auf dieses großartige Unternehmen einen Schatten wirft", sagte Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch vor rund 3000 Anteilseignern in Hannover. Der Konzern setze nun alles daran, das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen.

VW Vorzüge
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Investoren und Aktionärsvertreter haben aber angekündigt, den Vorstand für das Skandaljahr 2015 nicht entlasten zu wollen und fordern eine unabhängige Sonderprüfung. Mehrheitsaktionär Porsche will dem VW-Vorstand weiter das Vertrauen schenken und für eine Entlastung stimmen.

Vorstandschef Matthias Müller bat die Aktionäre, Volkswagen die Treue zu halten: "Wir stecken noch mitten in der Aufarbeitung der Dieselthematik und müssen dafür große Lasten schultern." Kleinaktionäre und Investoren werfen dem Wolfsburger Konzern Intransparenz bei der Aufklärung des Dieselskandals vor.

"Keine Entlastung für Umweltverbrecher!"

Weil das Management die Anleger ihrer Auffassung nach zu spät über die entdeckte Manipulation der Emissionswerte informiert hat, sind zahlreiche Schadenersatzklagen in Europa und den USA anhängig. Dazu ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Ex-VW-Chef Martin Winterkorn und VW-Markenchef Herbert Diess wegen des Verdachts der Marktmanipulation.

Die Verärgerung der Anleger bekam Volkswagen schon vor der Hauptversammlung zu spüren. Auf dem Messegelände in Hannover versammelten sich zwei Dutzend Demonstranten. Auf einem Transparent stand: "Keine Entlastung für Umweltverbrecher! Die Verantwortlichen und Profiteure sollen zahlen."

Bei der Abstimmung über die Entlastung des Vorstands rechnen Beobachter durchaus mit einem Denkzettel für den Vorstand, auch wenn sie durch die Stimmenmehrheit von Porsche gesichert ist. "Das wird eng werden. Nach dem, was ich höre, sind auch viele Fonds inzwischen abgerückt", sagte Daniela Bergdolt von der Aktionärsvereinigung DSW dem "Bayerischen Rundfunk". Eine Vertagung der Entlastung wäre die bessere Lösung gewesen. "Das wäre auch von Seiten von VW ein eleganter Weg gewesen. Den hat man jetzt nicht gewählt und das kann jetzt zu einem Debakel führen."

Trotz des Unmuts zahlreicher Aktionäre sind Überraschungen auf der Hauptversammlung praktisch ausgeschlossen. Rund 89 Prozent der Stimmrechte halten die VW-Gründerfamilien Porsche und Piëch, das Land Niedersachsen und das Emirat Katar. Als Ankeraktionäre sind sie im Aufsichtsrat vertreten und eng in die Krisenbewältigung sowie alle sonstigen strategischen Unternehmensentscheidungen eingebunden.

Abschlussbericht lässt auf sich warten

Volkswagen hat die US-Kanzlei Jones Day mit der Aufarbeitung beauftragt, ein Abschlussbericht soll gegen Ende des Jahres präsentiert werden. Neue Erkenntnisse wird es auf der Hauptversammlung daher nicht geben. Aufsichtsratschef Pötsch begründete dies mit den noch laufenden Verhandlungen mit den US-Behörden über die Aufarbeitung von "Dieselgate".

US-Bezirksrichter Charles Breyer hat allen Beteiligten an den Vergleichsverhandlungen einen Maulkorb verpasst. Es wäre für Volkswagen mit hohen finanziellen Risiken verbunden, die Öffentlichkeit jetzt über den Stand der Ermittlungen zu unterrichten, betonte Pötsch. Beim Festhalten an den Spielregeln erwarte Volkswagen ein Entgegenkommen der US-Behörden beim Strafmaß.

Derweil kommt VW beim Kampf gegen die Altlasten der weltweit elf Millionen manipulierten Diesel voran. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) habe die Freigabe für europaweit rund eine Million zusätzliche Fahrzeuge erteilt, sagte Müller. Damit hätten auf dem Heimatkontinent mittlerweile mehr als 3,7 Millionen Diesel grünes Licht für die Nachbesserungen.

Vorstände verdienen 57 Prozent weniger

Die umstrittenen millionenschweren Einkommen der Konzernvorstände hat Chefkontrolleur Pötsch vor den Anlegren verteidigt. Schon die Milliardenverluste der Diesel-Krise hätten die vom Erfolg abhängigen Vergütungsbestandteile deutlich reduziert. Zudem hätten die Vorstände auf freiwilliger Basis bei der variablen Vergütung Verzicht geübt. "In Summe aller Maßnahmen ergibt sich für ein im Jahr 2015 ganzjährig bestelltes Vorstandsmitglied ein im Vergleich zum Vorjahr um 57 Prozent reduzierter Auszahlungsbetrag", sagte Pötsch.

Die Millionen-Vergütungen der Vorstände hatten im Frühling für einen wochenlangen Streit im VW-Aufsichtsrat gesorgt. Die VW-Kontrolleure auf Seiten der Arbeitnehmer und des Großaktionärs Niedersachsen hatten sich weit größere Einbußen gewünscht.

Quelle: ntv.de, kst/AFP/dpa/rts