Kauft der Papst Amazon-Aktien?Vatikanbank macht dem Dax moralische Konkurrenz

Die ehemalige Skandalbank des Vatikan gibt erstmals Aktienindizes heraus. Der moralische Anspruch ist hoch, die Rendite auch. Die Aktienauswahl wirft Fragen auf.
Aktienindizes wie der Dax geben Investoren Orientierung. Sie dienen als Messlatte für die Entwicklung des Aktienmarktes und für viele Anleger als Vorlage für den eigenen Vermögensaufbau - etwa indem sie auf solchen Indizes beruhende Fonds kaufen. Erstellt werden Aktienindizes von Börsenbetreibern, Großbanken, Wirtschaftsmedien und nun erstmals auch vom Vatikan. Die päpstliche Bank Instituto per le Opere di Religione (IOR/Institut für die religiösen Werke) hat in dieser Woche die Veröffentlichung der ersten beiden offiziellen Aktienindizes der katholischen Kirche bekannt gegeben.
Die Erstellung der Indizes ist eine Zusammenarbeit der IOR und des internationalen Vermögensverwalters und Analysehauses Morningstar. Der "US Catholic Principles" für den amerikanischen und der "Eurozone Catholic Principles" für den europäischen Aktienmarkt schließen nach Darstellung ihrer Herausgeber eine Lücke im bisher verfügbaren, großen Angebot an Aktienindizes: eine Anlage in die größten Unternehmen des jeweiligen Aktienmarktes, die "strikt" an den Prinzipien katholischer Ethik ausgerichtet ist, und zwar anhand der offiziellen Investmentkriterien der Vatikanbank.
Zwar gebe es, so sagte IOR -Investment-Chef Giovanni Boscia kürzlich in einem Interview, bereits Geldanlage-Produkte wie ETFs, die behaupteten, sich nach christlichen oder katholischen Werten zu richten. Doch nur die Vatikanbank könne garantieren, dass etwa die katholische Soziallehre oder die Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens ohne Abstriche berücksichtigt würden, "rigoros" abgeleitet aus den Lehrschreiben der Päpste in den vergangenen Jahrzehnten. Die Fonds verfolgen nach Angaben des IOR die gleichen Kriterien, die die Bank auch selbst als Vermögensverwalter des Vatikans anwende.
Pharma und Bio-Tech scheiden aus
Dass die Vatikanbank mit diesem moralischen Anspruch öffentlich auftritt, ist angesichts der Geschichte des Instituts bemerkenswert. Jahrzehntelang arbeitete das IOR als Finanzdienstleister der kirchlichen Institutionen abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Bekannt wurde es nicht durch die Umsetzung christlicher Werte, sondern durch Geldwäscheskandale und mutmaßliche Nähe zur Mafia. In den vergangenen 15 Jahren wurde das IOR grundlegend reformiert. Als Bank ist sie weiter ausschließlich für kirchliche Institutionen, Kleriker und Mitarbeiter des Vatikan tätig.
Mithilfe der Indizes können nun alle Interessierten, so streng katholisch investieren wie IOR-Kunden. Konkret bedeutet das für die Aktienauswahl, dass etwa die meisten Biotech- oder Pharmakonzerne ausscheiden, weil deren Produkte für Abtreibung oder Sterbehilfe verwendet werden könnten oder bereits die Forschung Standards der katholischen Kirche verletzt. Bei der Unverletzlichkeit des Lebens habe das IOR eine "Null-Toleranz-Politik", so Boscia.
Dass die IOR die katholische Soziallehre oder kritische Lehrmeinung der Päpste in den vergangenen Jahrzehnten zu sozialer Ungleichheit und Superreichtum ähnlich rigoros umsetzt, ist mit Blick auf die Indizes nicht zu erkennen. Unter den größten Posten im "US Catholic Principles" sind unter anderem die Aktien von Amazon. Kritiker werfen dem Konzern seit Jahren vor, seine Mitarbeiter schlecht zu behandeln. Auch umstrittene Unternehmen wie Tesla oder der Social-Media-Konzern Meta sind hoch gewichtet. Meta steht gerade in den USA vor Gericht, weil das Unternehmen seine sozialen Netzwerke so gestaltet haben soll, dass User abhängig davon wurden. Produkte, die süchtig machen, sollten eigentlich ausgeschlossen sein.
Bei der Rendite müssen Anleger bei den IOR-Indizes kaum Kompromisse machen, zumindest mit Blick auf die Vergangenheit. Sowohl in der US- als auch in der Euro-Version des Fonds dominieren Technologie-Unternehmen. Auch SAP und die Deutsche Telekom sind vertreten. Dank dieses Technologieschwerpunktes lag die Rendite beim "Eurozone Catholic Principles" auf die vergangenen Jahre zurückgerechnet kaum hinter einem Vergleichsindex ohne religiöse Einschränkungen - beim "US Catholic Principles" sogar etwas darüber.