Wirtschaft

E-Commerce Made in Germany Vorsicht, Amazon - hier kommt Shopify

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Shopify hat seinen Umsatz zum Vorjahr verdoppelt.

(Foto: REUTERS)

Am Black Friday lädt Amazon zum Shopping-Wahnsinn ein. Aber klamm und heimlich prescht mit Shopify ein neues E-Commerce-Unternehmen auf den Weltmarkt. Gegründet von einem Deutschen, schon vor der Corona-Krise ein Gewinner. Wackelt die Vormachtstellung des Giganten?

Für viele Unternehmen ist die Corona-Krise eine absolute Katastrophe. Airlines, Hotelketten, Kreuzfahrtanbieter bluten finanziell aus, müssen milliardenschwere Kredite aufnehmen oder landen in Staatshand. Aber es gibt Unternehmen, für die erweist sich das Virus unerwarteter Quantensprung. Zoom zum Beispiel, weil jedes Arbeitsmeeting neuerdings digital stattfindet. Oder Netflix, weil die Alternativen zum Fernsehen rar sind. Oder Shopify, weil viele Geschäfte geschlossen sind oder waren, und deshalb kurzerhand einen Onlineshop eröffnet haben, um sich finanziell über Wasser zu halten.

Die Zahlen sind astronomisch. Allein in den USA ist der E-Commerce im zweiten Quartal um 37 Prozent auf 200 Milliarden Dollar gewachsen. Shopify hat seinen Anteil an diesem Trend. Bereits im dritten Quartal hatte sich der Umsatz der Shopping-Plattform zum Vorjahr verdoppelt.

Attraktiv ist das Angebot gerade für kleinere Unternehmen. Der eigene Onlineshop ist schnell eingerichtet, kann genauso bequem mit der Offline-Ladenkasse vernetzt werden und bietet für Gastronomen auch noch eine Schnittstelle zu externen Angeboten wie Lieferdiensten. Digitalunternehmer und Seriengründer Nils Seebach spricht im ntv-Podcast "Wieder was gelernt" von "einer Art Dreifaltigkeit" aus dem eigenen Laden, dem eigenen Onlineshop und der Verbindung zu großen Bestellplattformen.

Shopify
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Für seine simple und zuverlässige Vernetzung verlangt Shopify eine monatliche Gebühr. Es handelt sich um ein sogenanntes SaaS-Modell, sagt Digitalexperte Seebach: Software als Service. "Das ist sehr profitabel", erklärt er. "Wenn sich kleine Geschäfte einmal für Shopify entschieden haben, bleiben sie oft, weil die monatliche Gebühr nicht so hoch ist." Für die Plattform akkumuliere sich aber über die Jahre eine größere Summe. Ohne Mehrkosten, auch wenn die Kundenzahl steige, denn die Software habe Shopify ja nur einmal hergestellt. "Das findet die Börse super."

Auto bei Shopify, ICE bei Amazon

Die Begeisterung der Finanzmärkte spiegelt sich im Kurs der Shopify-Aktie wider. In diesem Jahr ist er um fast 150 Prozent gestiegen, die Marktbewertung liegt bei knapp 120 Milliarden Dollar. Damit gehört Shopify zu den wertvollsten Unternehmen der Welt.

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Nils Seebach hat seine Karriere im Investmentbanking- und Private-Equity-Bereich von von Großbanken wie HSBC und Morgan Stanley begonnen.

(Foto: privat)

Einige Experten halten den Shop-Anbieter deshalb für einen ernsthaften Konkurrenten von Amazon, wenn es darum geht, mit kleinen Händlern Geld zu verdienen. Denn die haben sich bisher oft im Marketplace angemeldet, der Verkaufsplattform des Onlineriesen, um ihre Produkte zu vertreiben. Aber nicht besonders gerne, denn das Unternehmen von Jeff Bezos ist bekannt dafür, dass es kleinen Anbietern die Bedingungen diktiert, ihre Produkte teilweise kopiert und anschließend günstiger ebenfalls anbietet. Dieses Risiko besteht bei Shopify nicht, der neue Shopping-Liebling tritt nicht selbst als Händler auf.

Nils Seebach hält diesen Vergleich dennoch für "völligen Quatsch", der nichts mit der Realität zu tun habe. "Was macht Shopify?", fragt der E-Commerce-Experte rhetorisch. "Shopify stellt eine Technologie zur Verfügung. Was stellt Amazon zur Verfügung? Kundenzugang. Shopify stellt Dir ein Auto hin, das Du selber betanken und fahren musst. Amazon nimmt Dich mit im ICE, Du bekommst ein Full-Service-Angebot."

Groß, und doch winzig

Nachvollziehbar, niemand kauft in einem Onlineshop ein, nur weil er irgendwo im Web existiert. Soll er gut laufen, muss Werbung geschaltet werden, sonst wird das nichts. Bei Amazon dagegen sind mit der Anmeldung schon Millionen potenzieller Kunden da. Allein auf der US-Seite amazon.com schauen jeden Monat fast 2,6 Milliarden Menschen vorbei und stöbern durchschnittlich etwa siebeneinhalb Minuten herum. Gut möglich, dass ein paar von ihnen Produkte kleinerer Händler entdecken und kaufen, nach denen sie gar nicht gesucht haben.

Zwei weitere Zahlen verdeutlichen, warum der Vergleich der beiden Konkurrenten hinkt. Ja, Shopify hat seinen Umsatz innerhalb eines Jahres auf gut 767 Millionen Dollar verdoppelt. Viel Geld, für sehr viele Menschen und Unternehmen. Aber nicht für Amazon. Der Onlineriese konnte seinen Umsatz zum Vorjahr zwar nur um gut ein Drittel ausbauen, allerdings auf gewaltige 96 Milliarden Dollar. Das sind 125 Shopify.

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Shopify-Gründer Tobias Lütke wohnt 2015 an der Wall Street dem Börsengang seines Unternehmens bei.

(Foto: REUTERS)

Und ein Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht in Sicht, im Weihnachtsquartal erwartet Amazon einen Umsatz zwischen 112 und 121 Milliarden Dollar. Logisch, weil das Angebot so viel größer als das der anderen sei, sagt Nils Seebach. "Bei Amazon kann ich Musik hören und Videos gucken. Ich kann Sachen bestellen. Ich kann mit deren Wearables meine persönlichen Daten tracken. Ich kann mir Alexa hinstellen. Ich könnte jetzt noch 20 Minuten lang auflisten, was Amazon mir alles bietet. Shopify bietet Gastronomen und kleinen Händlern einen Shop. Punkt."

Erfolg Made in Germany

Für den Digitalexperten ist die Sache klar. Shopify ist ein erfolgreiches Unternehmen, das für viele kleine Händler und Gastronomen ein echtes Problem löst und damit im Gegensatz zu vielen anderen Startups tatsächlich Gewinne einfährt. Aber Vergleiche mit Amazon hält Nils Seebach für übertrieben. Denn während die Frage bei dem Onlineriesen eigentlich nur ist, wie sehr er den virtuellen Handel in zehn Jahren dominiert, wird Shopify in seinen Augen immer eine Nische bedienen. "Man sieht immer wieder Shop-Anbieter, die Technologien anbieten, die eine Zeit lang sehr beliebt sind. Ebay ist ein gutes Beispiel dafür", sagt er. "Shopify wird weiterhin 'nischig' bleiben, wobei das natürlich bei dieser Marktbewertung eine ziemlich große Nische ist. Aber im Vergleich zu Unternehmen wie Google, Amazon, Facebook und Apple eben doch sehr klein."

Aber gerade aus deutscher Sicht darf man dennoch Stolz auf den Erfolg von Shopify sein, denn die Firma sitzt zwar im kanadischen Ottawa und die meisten Kunden kommen aus den USA, aber der Gründer und Chef aus Deutschland. Tobias Lütke heißt er, 1981 in Koblenz geboren. Im Alter von 12 Jahren war er schon ein fähiger Programmierer, vor fast 20 Jahren wanderte er nach Kanada aus. Mit einem Vermögen von geschätzt gut acht Milliarden Dollar gehört er inzwischen zu den reichsten Deutschen.

Und zu den Innovativsten. Vielleicht wird Shopify nie so groß wie Amazon sein, aber das heißt nicht, dass Tobi, wie sich Tobias Lütke auf Twitter nennt, es nicht versucht. Partnerschaften mit Social Media-Giganten wie Facebook und Tiktok hat er bereits geschlossen, dort tummeln sich Hunderte Millionen potenzieller Kunden. Und plötzlich wirken die 2,6 Milliarden Menschen, die jeden Monat bei Amazon unterwegs sind, nicht mehr ganz so weit entfernt.

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"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Wie bringt Nokia das LTE-Netz auf den Mond? Warum wird der Rhein "umgebaut"? Ist Aids bald heilbar? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Quelle: ntv.de

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